Laura Markham

Starke Gefühle

Dein Kind hat einen Gefühlsausbruch: Wie du dabei die Fassung bewahrst
Starke Gefühle

Aufgrund ihrer Unerfahrenheit und kognitiven Unreife reagieren Kinder oft emotional erregt. Unsere Fähigkeit, dann dennoch ruhig zu bleiben, hilft ihnen dabei, die neuronalen Bahnen zu entwickeln, die sie zur Selbstberuhigung brauchen. Die meisten von uns finden es jedoch schwierig, gelassen zu bleiben, wenn unser Kind die Beherrschung verliert. 

Etwas in uns will laut aufschreien: „Nein!“

  • Nein, ich habe dafür jetzt keine Zeit!
  • Nein, du bringst mich in Verlegenheit; die Leute gucken schon!
  • Nein, was mach ich denn falsch, dass sie schon wieder einen Trotzanfall hat?
  • Nein, warum tut er/sie mir das an?!
  • Nein, warum kannst du dich nicht – wie ich – einfach zusammenreißen?

Bingo. Die meisten von uns haben als Kinder gelernt, dass unsere Gefühle inakzeptabel, ja sogar gefährlich sind. Wenn also unser Kind einen Trotzanfall hat, wird unser inneres Kind getriggert. Gefahrensignale sind aktiviert. Wie immer, wenn Gefahr droht, spüren wir ein Gefühl von Panik. Wir wollen einfach weg (Flucht) oder spüren plötzlichen Zorn. Wir wollen unser Kind dazu bringen, dass es still ist (Kampf) oder spüren gar nichts mehr (Erstarren). Unser Kind mit Empathie zu halten, ihm erlauben, all jene Gefühle herauszulassen? Seinen Ausbruch sogar dann zu akzeptieren, wenn er sich gegen uns richtet, ohne das persönlich zu nehmen? Das ist für die meisten Eltern zu viel verlangt. Da verflüchtigen sich alle unsere guten Absichten.

Erfahrungen ausleben

Und doch machen alle Kinder zahlreiche Erfahrungen von Angst, Wut, Frust und Traurigkeit. Diese Erfahrungen müssen sie ausdrücken, und sie brauchen es, dass wir ihnen dabei zuhören. So lernen sie mit der Zeit, sich mit ihren Emotionen anzufreunden und diese zu bewältigen. Tatsächlich sind wir sogar ihr Vorbild. Unser Kind lernt, wie es seine Emotionen und sein Verhalten reguliert, indem es uns dabei beobachtet, wie wir es für uns selbst tun. Wie können wir also unsere eigenen tief verwurzelten Reaktionen auf die emotionale Erregung angehen, damit wir für unsere Kinder präsent sein können?

1. Erkenne deine eigenen Gefühle an. 

Unsere Panik angesichts der rohen Emotionen unseres Kindes ist ein Thema unserer eigenen Kindheit. Wir werden sie nur dann los, wenn wir herausfinden, wie sie uns als Kind dienlich war. Sage zu der aufsteigenden Panik: „Danke, dass du mich beschützt hast, als ich klein war. Jetzt bin ich aber erwachsen. Diese Gefühle sind in Ordnung.“

2. Erinnere dich daran, dass es sich hier nicht um einen Notfall handelt. 

„Es ist normal, dass ich mich so fühle, wenn mein Kind emotional erregt ist. Egal, was geschieht, ich kann damit umgehen.“ Niemand bedroht dich; das ist dein geliebtes Kind, das gerade jetzt deine liebevolle Unterstützung benötigt. Wenn dein Geist weiterhin Alarm schlägt, lass ihn wissen, dass du dich mit diesen Belangen später beschäftigen wirst, nicht jetzt.

3. Erinnere dich daran, dass es in jedem Fall eine gute Sache ist, Gefühle auszudrücken. 

Dein Kind wird diese Gefühle in jedem Fall spüren. Die einzige Frage, die sich stellt, ist die, ob du deinem Kind vermittelst, dass es in Ordnung ist, sie auszudrücken, oder ob du ihm beibringst, dass sie gefährlich sind. Sobald es seine Emotionen fühlt, verflüchtigen sie sich (falls dich das erstaunt: Es ist die unterdrückte Emotion, die bei deinem Kind ohne Vorwarnung hervorbricht und es ausflippen lässt.). Selbst wenn du es nicht von ganzem Herzen bejahen kannst, wenn dein Kind einen Tobsuchtsanfall bekommt: Versuche, vom automatischen Nein auf ein freundliches Okay hinzuarbeiten, genauso wie in anderen Situationen, in denen dich dein Kind braucht.

4. Verringere den Druck. 

Du musst dein Kind oder die Situation nicht in Ordnung bringen. Du musst einfach präsent sein. Dein Kind braucht noch nicht einmal die rote Tasse oder weswegen es sonst weint; es braucht deine liebevolle Akzeptanz seiner selbst mit allen Gefühlsverstrickungen. Seine Enttäuschung, Wut, sein Kummer? All das ist in Ordnung und wird vergehen, ohne dass du etwas tust, außer dein Kind zu lieben.

5. Atme tief durch und wähle die Liebe. 

Jede Wahl, die wir treffen, ist in ihrem Kern entweder eine Bewegung hin zur Liebe oder hin zur Angst. Lass zu, dass dir die Fürsorge für dein Kind Mut macht, die Liebe zu wählen. Und zwar nicht nur die Liebe für dein Kind, sondern auch für das Kind, das du einst warst, sowie für den Vater oder die Mutter, der oder die du heute bist. Atme einfach weiter und sage zu dir selbst: „Ich wähle die Liebe.“ Zu abgedroschen? Laut Forschung funktioniert es. Aber du kannst dir leicht ein anderes wirkungsvolles Mantra suchen: „Auch das wird vorübergehen… bei mir ging es gut aus, also wird es auch bei ihr gut gehen… ich schaffe das…“, was eben bei dir funktioniert.

6. Halte die Emotion aus, ohne ihrem Handlungsimpuls zu folgen. 

Wenn du willst, kannst du das Handeln später nachholen. Oder sogar in ein paar Minuten, sobald du dich beruhigt hast. Fürs Erste erlaube dir einfach, die Emotion zu fühlen. Atme dich hindurch. Benenne sie, wenn dir das hilft. Okay, das ist Wut. Aber was steckt darunter? Verletzung? Angst? Enttäuschung? Achte darauf, wie sich das im Körper anfühlt.

7. Mach es nicht kompliziert. 

Dein Kind braucht dich für seinen Emotionsausbruch als Zeugen, der es wissen lässt, dass es trotz der ekligen Gefühle in ihm drin noch immer liebenswert ist. Erklärungen, Verhandlungen, Reue, Gegenbeschuldigungen, Ratschläge, eine Analyse dessen, weshalb es so erregt ist, oder „Trostversuche“ („Aber, aber, wer wird denn da weinen, das reicht jetzt“) werden diesen natürlichen Prozess abbrechen. Zwinge dein Kind nicht, sich verbal auszudrücken; bei so starker Erregung ist ihm der rationale Hirnbereich nicht zugänglich. Natürlich willst du ihm in der Situation etwas „vermitteln“ – aber das muss vertagt werden. Dein Kind kann erst lernen, wenn es sich beruhigt hat. Viel musst du nicht sagen. Vielmehr kommt es auf deinen ruhigen, liebevollen Tonfall an. Vielleicht so:

  • Du bist in Sicherheit. Ich bin bei dir.
  • Ich höre dich. Jeder muss manchmal weinen.
  • Du schickst mich weg, also werde ich ein wenig zurückgehen, aber ich werde dich mit diesen erschreckenden Gefühlen nicht allein lassen.
  • Wenn du bereit bist, bin ich für eine Umarmung da.

8. Suche einen Weg zur Verarbeitung deiner eigenen Gefühle. 

Es gibt nichts, was primäre (Ur-)Gefühle stärker triggert als die Elternschaft. Auch du musst dich abreagieren, was bedeutet, diese Emotionen zu fühlen und dich hindurch zu atmen, ohne ihrem Handlungsimpuls nachzugeben. Einige von uns tun das über das Tagebuchschreiben oder Weinen, aber vielleicht brauchst du auch jemanden, der dir einfach nur zuhört. Jemanden, der der Versuchung widersteht, Ratschläge zu erteilen. Menschen, die es nicht schockiert, wenn du zugibst, dass du dein Kind am liebsten gegen die Wand knallen oder im Lebensmittelladen zurücklassen würdest, weil sie wissen, dass jeder solche Momente erlebt und du es nicht wirklich tun würdest. Jemand, der dein Weinen zulässt, der für dich so da ist, wie du es für dein Kind bist. 

Das bedeutet für Eltern harte Arbeit. Für unsere Kinder ist es aber ein großes Geschenk. Die gute Nachricht lautet: Sobald wir bei unseren Kindern die komplette Gefühlsskala bejahen, lernen auch sie, diese auf gesunde Weise zu bewältigen. Sogar unmittelbar nach jedem Tobsuchtsanfall, dem du liebevoll begegnest, wirst du positive Folgen sehen, denn dein Kind fühlt sich nach dem Entleeren dieses vollen Emotionsrucksacks viel besser. Das ist praktisch umgesetzte bedingungslose Liebe.


Dieser Text stammt aus Laura Markhams aktuellem Buch „Gelassene Eltern, zufriedene Kinder“, das im November im Arbor Verlag erscheint. 

 

Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe: Heft Oktober 2019