Kent Hoffman, Glen Cooper & Bert Powell

Ausreichend gute Eltern sein

Kent Hoffman, Glen Cooper & Bert Powell: Ausreichend gute Eltern sein

„Das Vertrauen eines Kindes, dass ein geliebter Mensch versuchen wird, für es da zu sein, ist entscheidend dafür, dass es zukünftig gute Beziehungen führen kann“

 

Beziehungen sind der eigentliche Ort, an dem unser Leben stattfindet, und diese Erkenntnis setzt sich immer mehr durch. Beziehungen sind der Stoff, aus dem unsere Familien, unsere Freundeskreise und unser Berufsleben gemacht sind. Falls Sie es schon einmal mit einem fordernden, perfektionistischen Chef zu tun hatten oder von Ihrem Partner erwartet haben, dass er all Ihre Bedürfnisse exakt vorausahnt, wissen Sie wahrscheinlich bereits, dass „perfekt“ in Beziehungen nicht funktioniert. Was hingegen funktioniert, sind flexible, empfängliche Sensibilität und Erreichbarkeit. Was funktioniert, ist die Anerkennung von Versäumnissen und Fehltritten und der Versuch, sie wiedergutzumachen, so gut man kann – und auf jeden Fall daraus zu lernen. 


Niemand ist vollkommen

Im Schmelztiegel einer engen Beziehung erleben wir nicht nur, dass wir anderen Menschen unsere tiefsten Bedürfnisse anvertrauen können, sondern auch, dass sogar den empathischsten Menschen Fehltritte und Versäumnisse unterlaufen – sogar ziemlich oft – und dass diese alltäglichen Brüche wiedergutgemacht werden können. Wenn wir eine fehlerlose, „perfekte“ Elternschaft anstreben, vermitteln wir unseren Kindern die Botschaft, dass es dabei mehr um unsere eigene Leistung als um die Erfüllung ihrer Bedürfnisse geht. Außerdem legen wir in ihnen den Grundstein für unrealistische Erwartungen. Niemand ist vollkommen, insofern ist eine Beziehung, in der Perfektion erwartet wird, zum Scheitern verurteilt. 

Eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die verstehen, dass sie menschliche Bedürfnisse haben und dass Schwierigkeiten unvermeidlich sind, und die dies dazu nutzen, etwas über ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede zu erfahren, birgt ein unbegrenztes Potenzial für Wachstum und Erfüllung. Wünschen wir uns solche Freundschaften, Arbeitsbeziehungen, Partnerschaften und Ehen nicht auch für unsere Kinder? 


Alles fängt bei uns selbst an

Stellen Sie sich vor, ihr sechsjähriger Sohn kommt niedergeschlagen von der Schule nach Hause. Würden Sie ihm einfach eine Kleinigkeit zu essen geben und hoffen, dass er sich dadurch besser fühlt? (Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie die erhoffte Beförderung doch nicht bekommen haben oder wenn Sie von einem engen Freund abgewiesen wurden, und Ihr Partner Ihnen zu helfen versucht, indem er Ihnen einen Keks anbietet?) Man muss kein Psychologe und kein erfahrener Elternteil sein, um zu wissen, dass dieses Kind mehr braucht als eine Leckerei, die es wieder aufmuntern soll. Aber manchmal vergessen wir, dass ein kleines Kind unsere Bestätigung braucht, dass es sich durchaus sehr traurig und verwirrend anfühlen kann, wenn der Klassenkamerad, der gestern noch der „beste Freund“ war, sich heute jemand anderen zum Spielen gesucht hat. In einer solchen Situationen braucht ein Kind eine Umarmung oder eine Berührung und vielleicht ein wenig Zeit und Ruhe mit Ihnen, um sich innerlich zu sortieren. Es braucht Ihre Hilfe dabei, herauszufinden, wie es sich genau fühlt, und Ihre Bestätigung, dass seine schwierigen Gefühle ein Teil von ihm sind und in Ihrer Beziehung zueinander Platz haben. 

Eine solche Reaktion mag für Sie als Elternteil etwas ganz Natürliches sein. Aber vielleicht ist Ihnen gar nicht klar, wie absolut wichtig diese Reaktion für Ihr Kind ist. Sie sorgen nicht nur dafür, dass es sich wieder besser fühlt und schon wenig später zum Spielen rausgehen oder sich auf die Hausaufgaben konzentrieren kann (obwohl Sie auch das tun). Sie bringen ihm zudem bei, was es gerade fühlt, wenn vielleicht alles, was es identifizieren kann, „Autsch“ ist. 

Sie sagen ihm, dass es in Ordnung ist, Gefühle wie Traurigkeit zu haben, auch wenn es schmerzt, und dass diese Gefühle wichtige Botschaften in sich tragen. Sie bringen ihm bei, dass man Schmerz mit Hilfe einer anderen Person verarbeiten kann. Sie helfen ihm, etwas mehr über sich selbst zu erfahren – zum Beispiel, dass es ein Mensch ist, dem Freundschaft wichtig ist und der Loyalität schätzt. Mit anderen Worten, Sie unterstützen es in seinem Wachstum. Sie fördern die Entwicklung eines gesunden Selbst, und Sie helfen ihm herauszufinden, wie man durch die bewegten Gewässer von Beziehungen navigiert. 


Happy End mit Konsequenz

Aber was passiert, wenn Sie nicht mit Verständnis, Zuneigung und Geduld auf Ihr Kind reagieren? Nehmen wir einmal an, Sie sind gerade mit den Finanzen der Familie beschäftigt, als Ihr Sohn schlecht gelaunt nach Hause kommt. Er kommt auf Sie zu und zieht Sie am Ärmel, um Ihre Aufmerksamkeit vom Computerbildschirm wegzulenken. Sie halten Ihren Blick auf den Bildschirm geheftet und sagen ungeduldig: „Jetzt nicht, Schatz. Ich muss das hier fertig machen.“ Ihr Sohn geht ins Wohnzimmer, und erst eine halbe Stunde später finden Sie ihn zusammengerollt auf dem Sofa, leise schluchzend. 

Jetzt haben Sie die Chance, eine vielleicht sogar noch wichtigere Botschaft zu vermitteln: Sie schütteln Ihre Erschöpfung und Ihre Ungeduld ab (Rechnungen und Steuern machen schließlich den wenigsten Menschen Spaß), setzen sich zu Ihrem Sohn auf das Sofa, und während Sie ihm sanft den Rücken streicheln, fragen Sie, was los ist. Es ist nicht ganz leicht, es aus ihm herauszubringen, und er reagiert nicht sofort auf Ihre Entschuldigung und Ihr etwas verspätetes Trostangebot, aber schließlich lässt er sich doch darauf ein. 

Ein einfaches Happy End mit einer sehr ernsthaften Konsequenz: Sie haben Ihrem Kind beigebracht, dass man sogar als Erwachsener Fehler macht, dann aber einen neuen Anlauf nehmen kann. Sie haben ihm gezeigt, dass er immer noch darauf vertrauen kann, dass Sie für ihn da sind und er manchmal eben geduldig mit Ihnen sein muss. Sie haben für sein weiteres Leben die Grundlage für eine gesunde Beziehung geschaffen – eine, die Schwierigkeiten und Lösungen, Brüche und Wiedergutmachungen beinhaltet. 


Dieser Text ist erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe: Heft April 2020 und stammt aus dem Buch „Aufwachsen in Geborgenheit. Wie der „Kreis der Sicherheit“ Bindung, emotionale Resilienz und den Forscherdrang Ihres Kindes unterstützt“ von Kent Hoffman, Glen Cooper und Bert Powell, das im Arbor Verlag erschienen ist. 

 

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