Stella Friedland & Frithjof Bergmann

Neue Arbeit – eine Alternative?

„Arbeit, die man wirklich, wirklich tun will“
Neue Arbeit – eine Alternative?

Die Neue Arbeit versteht sich nun ganz entschieden als Alternative zum Lohnarbeitssystem. Da das Lohnarbeitssystem sich als völlig ineffizient und unproduktiv erweisen hat, auch nur eins der anstehenden Probleme annähernd zu lösen, muss es durch ein neues System abgelöst werden. Die Macht der Lohnarbeit über die Menschen, die Vergeudung menschlicher Fähigkeiten und Kreativität muss so schnell wie möglich beendet werden.

Die Macht der Lohnarbeit zu beenden, geht nicht mit kosmetischen Korrekturen am Lohnarbeitssystem, etwa durch ergonomische Arbeitsplätze oder gewerkschaftlich erkämpfte Pausen. Dafür müssen die Grundstrukturen des Systems geändert werden. Das Ziel der Neuen Arbeit ist es, den Menschen ein freies und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Ein alter Menschheitstraum, der schon die unterschiedlichsten Versuche der Realisierung erfahren hat.

Mit der Neuen Arbeit soll dieser Traum nicht als Kampf oder mit einer Revolution gegen etwas durchgesetzt werden, sondern, ähnlich wie Ökologie und Feminismus, als allmählicher Bewusstseinsprozess, der immer mehr Niederschlag in der Realität findet, wahr werden. Die Schwierigkeiten auf dem Weg zum selbstbestimmten Leben, die in der eigenen Person liegen, hat Frithjof Bergmann mit der folgenden Parabel beschrieben.

Parabel vom Diener, dessen Herr gestorben ist

Stellen Sie sich einen schon sehr betagten Diener vor, dessen Rücken und Hände von Arthritis stark verkrümmt sind. Fast sein ganzes Leben lang hat er einem überaus anspruchsvollen und nörglerischen Herrn gedient. Wenn etwa die Blumen auf dem Klavier dieses Meisters nicht frisch waren, dann pflegte er einen Wutausbruch zu bekommen, und er war auch sehr empfindlich, was Sonnenlicht und Schatten anging.

Sobald die Sonne durch die Wolken brach, musste der Diener augenblicklich die Vorhänge schließen, verschwand die Sonne dann wieder, wollte der Herr, dass die Vorhänge augenblicklich wieder geöffnet wurden. Eines Tages starb der Meister, der noch älter war als sein Diener, plötzlich und unerwartet. Aber der Diener machte weiter. Er erfüllte seine Pflichten so penibel, wie er es zu Lebzeiten seines Herrn getan hatte. Viele Jahre vergingen, und er wechselte immer noch jeden Tag die Blumen und beeilte sich immer noch, rechtzeitig die Vorhänge zu schließen und zu öffnen.

Wie die Geschichte nun weitergeht, müssen Sie sich selbst ausdenken, und zwar jeder für sich. Aber natürlich können Sie sich alle vorstellen, wie die Neue Arbeit in diese Geschichte passt. Die Neue Arbeit ist der Fremde, der Bewegung in das Leben des Dieners bringt – der Diener, das sind wir alle –, indem er ihm sagt, dass er nicht mehr seinem Herrn gefällt, wenn er die Blumen wechselt und die Vorhänge schließt und öffnet. Sein Herr, so sagt ihm der Fremde, ist schon seit vielen Jahren unter der Erde, und er müsse nun herausfinden, was er auf sich allein gestellt tun wolle.

Diese Parabel soll darauf hinweisen, dass wir alle viel braver, viel ängstlicher sind, als wir uns dies im Allgemeinen vorstellen, und dass die Aufforderung, endlich das zu tun, was wir wirklich, wirklich wollen, im Grunde ein Weckruf ist. Es geht um die Entscheidung, in der Zukunft weniger lauwarm, weniger wie ein folgsames Kaninchen zu leben, wobei im Unterton dieser Geschichten mitschwingt, dass dieses neue und kraftvollere Verhalten keineswegs auf Ablehnung stoßen, sondern für alle Beteiligten etwas Befreiendes und Beglückendes haben wird, das man feiern wird.

Arbeit ist unendlich

Der Umstand, dass die Arbeit nicht mehr für alle reicht, dass es in einem Land wie Deutschland nie mehr Vollbeschäftigung geben wird, macht es erforderlich, nach Alternativen zu suchen. Wenn man die Tendenz berücksichtigt, dass durch Automatisierung die Arbeit immer weniger wird und die Arbeitslosigkeit immer größer, könnte man meinen, dass die Menschheit über kurz oder lang zur Erwerbslosigkeit und zum Müßiggang verdammt ist. Diejenigen, die davon sprechen, dass der Menschheit die Arbeit ausgeht, meinen jedoch Lohnarbeit.

Bisher gab es nur einen Retter, der den Zustand, dass es zu wenig Arbeit und zu wenig Arbeitsplätze gibt, ändern konnte: „die Wirtschaft“. Dieses Wunderwesen, glaubte man, kann wie eine gute Fee wieder Arbeit schaffen. Diese Fee ist jedoch eine unglaubliche Diva, der wir huldigen und opfern müssen, damit sie ihre Wunderwerke vollbringt oder erklärt, dass unter diesen jetzt gerade bestehenden, besonders schwierigen Umständen ihre Zauberkräfte doch versagt hätten.

Doch der Glaube an die Arbeitsplatzschaffungskräfte der Wirtschaft führt dazu, dass man es ihr immer wieder so bequem wie möglich macht und ihr quasi auf dem Silbertablett Steuergeschenke serviert. Dafür werden die Etats für Bildung, Wissenschaft, Kunst und Sozialleistungen immer weiter gekürzt. Und am Ende kommen enttäuschenderweise doch nicht mehr Arbeitsplätze heraus. Es ist an der Zeit, sich darauf zu besinnen, dass die Lohnarbeit nicht die einzige Möglichkeit ist, die Arbeit zu organisieren.

Die Unendlichkeit der Arbeit

Philosophisch ist die Unendlichkeit der Arbeit leicht herzuleiten. Jedes Objekt auf dieser Welt könnte in irgendeiner Weise verbessert werden, also zum Gegenstand verrichteter Arbeit werden. Jeder Gebrauchsgegenstand, egal ob Stuhl, Kochtopf oder Rasierapparat, kann irgendwie verbessert werden. Arbeit ist insofern die andere Seite der Unvollkommenheit, alles kann verbessert und vervollkommnet werden. Im ästhetischen, ergonomischen, wirtschaftlichen oder ökologischen Sinne.

Das andere ist der soziale Sektor. Auch da braucht man nicht lange zu argumentieren, die Misere im medizinischen Bereich und im Bildungswesen ist bekannt. Es gibt viel zu tun, insofern gibt es keine Grenzen der Arbeit. Im Lohnarbeitssystem kann jedoch jeder Mensch nur einen Bruchteil seiner Fähigkeiten und Talente einbringen. Und es stellt sich die Frage, um wie viel reicher die Welt wäre, wenn sich jeder Mensch tatsächlich mit dem gesamten „Potential seiner Möglichkeiten“ einbringen könnte.

Was ist Neue Arbeit ?

Im Gegensatz zur Lohnarbeit, deren Wesen die Fremdbestimmung ist, indem man für jemand anderen arbeitet, ist der Grundbaustein der Neuen Arbeit die Selbstbestimmung.

Es geht seit dem ersten von Frithjof Bergmann initiierten Neue-Arbeit-Projekt um eine andere Art von Arbeit. Um die Arbeit, die man wirklich, wirklich tun will. Es geht nicht um eine Ergänzung zur Lohn- und Fabrikarbeit. Die Neue Arbeit ist nicht das Bemühen, Lohnarbeit zu dehnen oder umzustrukturieren. Es geht um die unendliche Menge an Arbeit jenseits der Lohnarbeit, die durch Neue-Arbeit-Projekte gefördert werden soll.

Wenn eine Gemeinschaft von vielleicht 300 bis 800 Menschen sich für die Neue Arbeit entscheidet und in der Konsequenz daraus beginnt, das, was sie zum Leben benötigt, selbst herzustellen, kommt es darauf an, sich klug zu vernetzen, alle vorhandenen Ressourcen zu nutzen. Dies ist der erste Schritt, um anschließend für jedes Mitglied dieser Gemeinschaft eine Arbeit zu finden, die er oder sie wirklich, wirklich will.

Die genaue Umkehrung der „alten Arbeit“

Das gesamte Konzept der Neuen Arbeit kreist um die Formel „Arbeit, die man wirklich, wirklich tun will“. Im System der Neuen Arbeit spielt der Gedanke der menschlichen Entwicklung eine Schlüsselrolle. In der Vergangenheit hatte Arbeit oft eine enorm schädliche Wirkung auf die Entfaltung des menschlichen Potentials. Andererseits kann Arbeit jedoch eines der wirksamsten Instrumente zur Stärkung des Menschen und zur Förderung seiner Entwicklung sein, in körperlicher, seelischer und geistiger Hinsicht. Das ist das Ziel der Neuen Arbeit.

Im Kern bedeutet das die genaue Umkehrung der „alten Arbeit“. Nicht die Arbeit gegeben bekommen, sondern sie selbst erfinden und schaffen; nicht den Befehlen eines anderen gehorchen, sondern der eigenen Stimme, der eigenen Phantasie folgen, nicht in abhängiger Knechtschaft arbeiten, sondern autonom, nach eigenem Gutdünken und beim Licht der nächsten Idee.

 

Dieser Artikel stammt aus dem Buch Neue Arbeit kompakt.

Weiteres Material
Ein Portrait über Frithjof Bergmann
Frithjof Bergmann ein großer Philosoph unserer Zeit und geistiger Vater der „Neuen Arbeit“ ist am Pfingstmontag, den 24. Mai im Alter von 90 Jahren gestorben. 
Wieso unsere Arbeit sich verändern muss

Lohnarbeit reduziert den Menschen auf die jeweils gerade benötigte Arbeitskraft. Wenn jemand eingestellt wird, um eine präzise definierte Aufgabe zu erfüllen, zum Beispiel Sand zu schaufeln oder Schrauben festzudrehen, ist es völlig uninteressant, ob derjenige auch noch gut singen und dichten kann.