Warum Ihr Kind nicht teilt
Warum Ihr Kind nicht teilt
In einem meiner Workshops fasste eine Mutter ihre Kindheitserfahrungen mit dem Teilen wie folgt zusammen: „Jedes Mal, wenn ich Süßigkeiten bekam, musste ich sie mit meiner Schwester teilen. Meine Mutter sagte, es sei schön, zu teilen, aber ich war mir sicher, dass es schlecht war, weil ich immer nur die Hälfte der Süßigkeiten bekam.“ Ob es nun um das Teilen von Essen, Spielzeug oder die Benutzung der Rutsche geht, das Ergebnis des von Erwachsenen gesteuerten Teilens hinterlässt bei Kindern oft ein Gefühl des Verlustes oder eine verminderte Erfahrung und keine Freude. Die authentische Großzügigkeit von Kindern zeigt sich in Bereichen, die uns oft nicht auffallen oder die wir nicht gutheißen. Sie gehen davon aus, dass Gäste für immer bleiben können, und sehen nicht ein, warum sie gehen sollten, und sie betrachten das Essen in jedem Haus als ihr eigenes. Sie teilen problemlos Kleidung und Betten. Sie lieben es, Geschenke, Umarmungen und Liebe zu geben.
Kinder sind großzügig und andererseits behalten sie bestimmte persönliche Dinge und Erfahrungen auch gern für sich: genau wie Erwachsene. Daher verwende ich das Wort „teilen“, um zu beschreiben, wie Erwachsene sich das Teilen unter Kindern vorstellen.
Es gibt Kinder, wie die Ihres Nachbarn, die scheinbar gerne Spielzeug oder Essen mit einem anderen Kind teilen. Das kann Ihr Vertrauen in sich selbst als Elternteil erschüttern. Aber…
Sie haben nichts falsch gemacht. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wollen Kinder, die alles „gerne“ teilen, meist primär ihren Eltern gefallen und ihren Erwartungen gerecht werden. Die Mutter, die sich daran erinnerte, dass sie ungern teilte, hat ihren Eltern nie gesagt, wie sie sich fühlte. Wenn sie ihre Süßigkeiten teilen musste, fühlte sie sich eingeschüchtert und nicht großzügig, während die Erwachsenen um sie herum wahrnahmen, dass sie gerne teilen würde.
Wir teilen nicht, warum sollten sie es also tun?
Es dauert nicht lange, bis Kinder das kulturelle Paradigma „Ich bin, was ich habe“ und „Niemand soll mir nehmen, was mir gehört“ entdecken. Diese Lektion ist überall präsent: in der Kleidung, die wir tragen, in den Autos, die wir fahren, in den Häusern, in denen wir wohnen, und in der finanziellen Absicht, die hinter so vielen unserer Handlungen steht. Wenn jemand unser Auto berührt, hupt es. Die Polizei kommt, wenn jemand versucht, unser Geld oder irgendetwas aus unserer Wohnung zu stehlen. Wir unterschreiben stapelweise Papiere, um zu beweisen, dass dieses Haus mir gehört und nicht dir, und wir sind darauf bedacht, unseren Besitz zu schützen.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir durch unseren Besitz definiert werden und ihn oft nicht oder nur innerhalb unserer eigenen Familie und Gemeinschaft und auf der Grundlage individueller Entscheidungen im Einzelfall mit anderen teilen. Besitz gibt uns Macht: Es liegt an uns, wem wir etwas geben. Ebenso wollen Kinder frei entscheiden, was, wann und mit wem sie teilen wollen, und zwar auf der Grundlage ihres sich entwickelnden Identitätsgefühls dafür, was ihnen zueignet. Es wäre angemessen, die spezifischen Präferenzen Ihres Kindes, was es teilt oder für sich allein behalten möchte, zu respektieren. Die Fähigkeit, etwas Eigenes für jemand anderen aufzugeben, ist bei einem Kind noch nicht entwickelt, und es ist für seine Entwicklung auch nicht förderlich, wenn man es dazu zwingt.
Denken Sie daran, dass das Kind aus unserem Verhalten lernt, nicht aus dem, was wir sagen. Daher lehrt: „Teile mit deinem Cousin!“ zwei Verhaltensweisen:
1. Sage anderen, was sie tun sollen, ohne etwas darauf zu geben, was diese fühlen und brauchen. (Sie sagen es Ihrem Kind.)
2. Ignoriere deine eigenen Vorlieben und befolge die Anweisungen.
Wie Sie darauf reagieren
Dies sind keine Maximen, die Sie sich als Verhaltensweisen für Ihr Kind wünschen, wenn Sie ein selbstbewusstes und authentisches Kind anstreben. Ein Kind dazu zu bringen, Dinge zu tun, zu denen es aus eigenem Antrieb nicht bereit ist, führt nicht zu ihrem schnelleren Erlernen. Im Gegenteil, es könnte sich noch viel länger an das klammern, was es verpasst hat, und dabei verwirrt und unauthentisch sein. Wenn ein Kind das Bedürfnis hat, Dinge zu besitzen und für sich zu behalten, ist es daher am besten, darauf zu vertrauen, dass diese Phase für sein Wachstum wichtig ist. Anstatt Ihr Kind zu drängen, bevor es bereit ist, schützen Sie seine Würde. Ihr großzügiges Vertrauen und Ihre Unterstützung für seine Entscheidungen bieten ihm eine Grundlage, damit die Freude am Teilen wachsen kann.
Bevor Freund*innen zum Spielen kommen, fragen Sie Ihr Kind nach seinen Bedürfnissen in Bezug auf seine Spielsachen und helfen Sie ihm, Spielsachen wegzuräumen, die es nicht teilen möchte. Vielleicht möchte es einige Dinge nur teilen, wenn bestimmte Bedingungen eingehalten werden; besprechen Sie mit ihm, wie das funktionieren soll. Sie können auch ein großzügiges Angebot machen: „Möchtest du, dass ich noch eine Schachtel Legos für den Gebrauch mit Gästen kaufe?“ Wenn Freund*innen kommen, respektieren Sie die Entscheidungen Ihres Kindes. Auf die Frage: „Warum verleiht Lily ihr Fahrrad nicht?“, können Sie antworten: „Es muss ihr sehr wichtig sein. Ich kann sehen, wie sehr du es magst, aber wir werden ihre Entscheidung respektieren.“ Zeigen Sie Einfühlungsvermögen und informieren Sie über verfügbare Spielzeuge, aber vertrauen Sie dem Kind, das zu Besuch ist, dass es sein Dilemma selbst lösen kann. Wenn von ihm erwartet wird, dass es in seinem eigenen Zuhause teilt, könnten Ihre Worte sein unausgesprochenes Bedürfnis, seinen Besitz zu schützen, bestätigen.
Bei Lebensmitteln ist es am einfachsten, großzügige Mengen anzubieten, sodass jede(r) so viel essen kann, wie sie oder er möchte. Vor die Aufgabe gestellt, etwas mit einigen wenigen zu teilen, handeln Kinder oft gerecht. Es ist unfair, einem Kind eine Süßigkeit zu geben und dann zu erwarten, dass es einen Teil davon abgibt. Wenn ein Kind eine Süßigkeit auf einer Party erhält, an der sein Geschwisterkind nicht teilgenommen hat, muss es die Süßigkeit nicht teilen, es sei denn, es entscheidet sich aus freien Stücken dazu. Sie können dem Geschwisterkind etwas anderes anbieten oder, falls es keine Süßigkeit gibt, Empathie zeigen. Es gibt keinen Grund, Kinder vor den Erfahrungen des Zusammenlebens mit anderen zu bewahren, man muss nur Mitgefühl zeigen.
Kein Besitz
Es ist möglich, Kinder mit einer geringeren emotionalen Belastung in Bezug auf Besitz zu erziehen. Kaufen Sie weniger Dinge, und erklären Sie, dass die Dinge der Familie und nicht einer Einzelperson gehören. Bitten Sie Familienangehörige und Freund*innen, ihre Liebe mit qualitativ hochwertiger Zeit statt mit materiellen Gütern auszudrücken, und tun Sie selbst das Gleiche. Vermeiden Sie es außerdem, „das gehört mir“ oder „das gehört ihm“ als Grund dafür anzuführen, weshalb das Kind es nicht haben kann. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf die Beschaffenheit des Gegenstandes: „Das kann kaputt gehen“, „Das ist nicht sicher“ usw.
Achten Sie darauf, wie Sie dem Kind tatsächlich durch Vorbild beibringen, nicht zu teilen, und ändern Sie es in sich selbst. Ihr Kind wird dann eine(n) Lehrer*in für Großzügigkeit haben.
Naomi Aldort bietet Hilfestellungen in spezifischen Fragen im Umgang mit Kindern allen Alters, oder als Familientherapeutin, die sich den alltäglichen Schwierigkeiten des Elternseins zuwendet.
Dieser Text ist erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe: Heft Juli 2024