Vom Wunsch, gute Eltern sein zu wollen…

Wieder so ein Punkt. Ich bin unsicher in der Beziehung zu meinem Sohn. Eine neue Phase hat begonnen: Der Eintritt in die Adoleszens. Vieles von dem, was zu Kinderzeiten in unserem Umgang miteinander gepasst hat, passt nun nicht mehr. Er wirkt unsicher in seinem großen, schlacksigen Erwachsenenkörper, in dem er noch nicht angekommen zu sein scheint. Und ich bin unsicher im Umgang mit dem jungen Mann, zu dem mein Sohn geworden ist. Neuland.

Leonie Abessi - Vom Wunsch, gute Eltern sein zu wollen…

Mit Kindern betreten wir ständig Neuland und Übergänge sind fast schon Alltag. Als Säuglinge beginnen sie plötzlich zu krabbeln und wir müssen schnell die Wohnung kindersicher machen; haben wir uns an diese Art der Fortbewegung gewöhnt, beginnen sie zu laufen. Und gerade wenn wir uns nach ein paar Jahren daran gewöhnt haben, sie immer um uns zu haben, entdecken sie, dass sie alleine unterwegs sein können, zuerst nur um die Hausecke, dann zum Nachbarskind, schließlich zum Einkaufen und für ein Wochenende alleine zu den Großeltern.

Ständig ist von uns Eltern Anpassung, Einfühlung und Augenmaß gefragt. Manchmal ist das leicht und manchmal ganz schön schwierig. Die Unsicherheit, die ich gerade in dieser Übergangszeit mit meinem Sohn empfinde, ist mir nicht neu. So unzählige Male war sie in meiner Mutterschaft zu Gast, dass ich sie diesmal mit Gelassenheit begrüße, genauso wie das Nicht-Wissen darüber, was zu tun ist oder wie ich mich verhalten kann.

Das erfordert Mut und Hingabe

Das war nicht immer so (und ist auch noch immer nicht immer so). Unsicherheit gehört für mich nicht zu den angenehmsten Gemütslagen. Und Nicht-Wissen und Anfängergeist in der Kindererziehung hielt ich zwar theoretisch immer für eine gute Idee (die ich insbesondere immer dann im Brustton der Überzeugung bejahen konnte, wenn ich gerade ganz genau wusste, was zu tun war.) Doch sich diesem Moment des Nicht-Wissens zu überlassen in dem Augenblick, in dem er tatsächlich da ist, erfordert Mut und Hingabe.

Nicht die Art von Mut, mit dem laut spektakuläre Rekorde gebrochen werden oder absurde Mutproben bestanden werden. Nein, die kleine, leise Art von Mut, die es braucht, um uns bei einer Freundin zu entschuldigen oder die es braucht, um erstmal wirklich hinzuschauen, bevor wir handeln, oder die Art von Mut, die es braucht, um erstmal still zuzuhören und das, was uns bereits auf der Zunge lag, loszulassen. Die Art von Mut, die es braucht, um unser Herz zu öffnen und zu lieben. Und damit die Erkenntnis zuzulassen, dass nicht alles unter unserer Kontrolle ist.

Diesen kleinen, großen Schritt zuzulassen, den auch Pema Chödrön in ihrem Buch Geh an die Orte, die Du fürchtest beschreibt, heißt, den ersten Schritt auf dem Weg der Hingabe zu gehen.

Wie sollen wir uns dem Fluss des Lebens anvertrauen?

Als Eltern hält uns jedoch nicht nur die Angst vor der Unsicherheit davon ab, Momente oder Phasen des Nicht-Wissens zuzulassen, sondern auch unsere eigenen Konditionierungen. Sind diese positiv, so können wir vieles davon weitergeben; Wärme, Sicherheit und Geborgenheit, die wir selbst erfahren haben, fließen in die Art, mit unseren Kindern zu sein, ein.

Sind unsere eigenen Konditionierungen eher von Verlassenheit, Schroffheit oder sogar Gewalt geprägt, so wird es schon schwieriger. Wie sollen wir unseren Kindern Liebe, Wärme und Geborgenheit mitgeben, wenn wir es selbst nicht erfahren haben? Und wie sollen wir uns dem Fluss des Lebens anvertrauen, wenn wir noch niemals gelernt haben, anderen Menschen zu vertrauen?

Der Widerspruch zwischen der Liebe, die wir für unsere Kinder empfinden, und der Unfähigkeit, eben jene auszudrücken, weil wir sie als gelebte Erfahrung nicht verinnerlicht haben, kann fast unaushaltbar erscheinen.

Der lebendige Kontakt mit unseren Kindern

Ein Weg, diese Spannung scheinbar umgehen zu können, sind Ideale. Ideale scheinen uns zunächst Halt zu geben und uns die Möglichkeit zu zeigen, etwas Besseres mit unseren Kindern zu leben, als das was wir selbst erlebt haben und schnellstmöglich hinter uns lassen möchten. Dr. Karl-Heinz Brisch spricht darüber, dass alle Paare in den Safe-Kursen vor der Geburt ihrer Kinder hohe Ideale haben. Und je schwieriger die eigene Kindheit war, desto höher sind diese Ideale, so Brisch.

Verständlich, Ideale bieten uns eine scheinbare Zuflucht vor Schmerz und Unsicherheit. Dem Schmerz der eigenen Kindheitswunden und der Unsicherheit des Nicht-Wissens. Beides vermeiden zu wollen macht uns empfänglich dafür, uns Idealen zu verschreiben, in dem Streben danach perfekte Eltern zu sein. Ich spreche aus Erfahrung und weiß, wie schmerzhaft es sich anfühlt, dem eigenen idealistischen Mutterbild nachzujagen, ich habe es eine ganze Zeit lang ausprobiert.

Anstrengend, sehr anstrengend. Und jede pädagogische Richtung – auch und gerade sehr gute, die tatsächlich gute Inspirationsquellen sein können, sei es Pickler-Pädagogik, Montessori, Achtsamkeit mit Kindern, kann statt zur Inspiration zum Ideal und damit zur Qual werden. Letztendlich ist es dabei egal, ob wir es schaffen, unserem Ideal in der Realität sehr nahe zu kommen, oder ob wir weit davon entfernt bleiben: Unsere eigenen Idealvorstellungen halten uns vom lebendigen Kontakt mit unseren Kindern ab.

So entsteht Raum für die Kraft der Liebe

Dieser führt über unser Herz und wenn dort noch alte Wunden sind, so gehören auch diese zu unserem Weg dazu. Dem zu begegnen ist nicht immer leicht. Ich erinnere mich noch gut an Situationen in meinem Eltern-Dasein, in dem so viel Schmerz aus meiner eigenen Geschichte auf mich einstürzte, dass ich meinte, es nicht aushalten zu können. Zugleich hatte ich das Gefühl, überhaupt nicht zu wissen, wie ich eigentlich mit meinen Kindern umgehen könnte. Es war ein Moment der Verzweiflung.

Mittlerweile weiß ich, dass viele Eltern diese Momente erleben. Wenn wir es schaffen, in solchen Momenten anwesend und offen zu bleiben und den kleinen Schritt großen Mutes zu gehen, das erscheinende Nicht-Wissen nicht mit Idealen zu umgehen, so entsteht Raum für die Kraft der Liebe. Diese Kraft ist es, die uns neue Wege zeigt und von der wir lernen können.

Ich weiß noch nicht, wohin der Weg im Kontakt mit meinem Sohn jetzt führt. Vielleicht liegt es daran, dass seine Kindheit nun zu Ende geht, dass ich mich auch an all die „Fehler“ – unzählige, kleinere und größere, schlimme und weniger schlimme – erinnere, die ich im Laufe der Jahre begangen habe. Doch mit Abstand der schlimmste, wirkliche Fehler war mich immer mal wieder, in die Sackgasse begeben zu haben, eine „gute Mutter“ sein zu wollen statt, einfach dazu sein – mit allen Stärken und Schwächen und allem, was ist.

Denn einfach nackt im Moment da zu sein, uns zu zeigen und unsere Kinder wirklich zu sehen ist letzlich das Einzige, was wir wirklich geben können.

Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe:

Dieser Artikel stammt von Leonie Abessi. Sie ist pädagogische Fachkraft im Kinderschutz und Mutter von drei Kindern.

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