Hausgeburt – Ja oder nein?

Erfahrungen und Gedanken einer Doula

Samstag früh, es ist kurz nach 9 Uhr und ich freue mich darüber, auszuschlafen. Mein Handy liegt auf dem Nachtkästchen, es piepst. Eine SMS. Michaela schreibt „es geht los!“. Wenig später klingle ich an der Haustüre und höre Michaela schon tönen. Wir strahlen uns an, sprechen gar nicht, ich lege meine Hand auf ihre Schultern und atme mit ihr. Die Atmosphäre ist ruhig, gelassen und voller Vorfreude auf das Baby, das bald geboren wird, die Rollläden sind ein wenig heruntergelassen und die Sonne strahlt durch die Ritzen herein. Ich stelle meine Tasche auf die Seite und massiere Michaela in einer Wehenpause, streiche ihr sanft den schmerzenden Rücken aus und erzähle ihr, wie gut sie mit den Wehen umgeht.

Baby Füße Plüschbär

Es ist ihr fünftes Kind. Seit einigen Jahren hat sie einen neuen Partner. Es ist ihr erstes gemeinsames Kind. Harald bereitet den Geburtspool vor, die Wehen werden stärker. Michaela bittet ihn, die Hebamme Anja anzurufen. Sie sitzt auf dem Boden, über einen Gymnastikball gebeugt, ganz und gar auf ihre Geburtsarbeit konzentriert. Kein Zweifel, keine Unsicherheit, sie lässt ihren Körper einfach machen, gibt sich dem Geburtsverlauf völlig hin… zeitlos!

Ich reiche Michaela ein Glas Wasser und wir machen ein paar Scherze in den Wehenpausen, die nun immer kürzer werden. Es klingelt an der Tür, die Hebamme ist da. Sie untersucht Michaela: Schon fünf bis sechs Zentimeter sind geschafft. Kurze Zeit später ruft die Hebamme ihre Kollegin Stefanie an, denn in der Endphase der Geburt arbeiten die Hebammen immer zu zweit. Dann packt sie das tragbare CTG aus und hört damit die Herztöne des Kindes. Alles in bester Ordnung. Ich streiche über Michaelas Haare. Wir tönen nun alle zusammen, wenn die Wehen stärker werden.

Von draußen dringen die Geräusche des Alltags der Nachbarn herein und kaum einer weiß, dass hier gerade etwas so Besonderes, etwas so Wunderbares geschieht – eine Frau bekommt ihr Baby. Dabei wird ja nicht nur das Kind geboren, auch für die Frau ist dies ein herausragender Übergang in eine völlig neue Lebensphase – sie wird Mutter, Ernährerin, Versorgerin, Trösterin… Sie nährt und trägt ihr Baby viele Monate in der Schwangerschaft und wird dies auch noch nach der Geburt viele Monate tun. Und die intensivsten Gefühle des Lebens gehören ebenfalls zu diesem Ereignis: Schmerz, Stolz und Liebe.

Glückseligkeit – unendliche Freude über ein gesundes, süßes Mädchen

Kurz später ist das Geburtsteam vollzählig. Michaela steigt in den Geburtspool, während die Hebammen ihrem Mann erzählen, wie er das Baby in Empfang nehmen kann. Kurze Zeit später muss Michaela schon mit schieben. Ich reiche ihr ein Handtuch, spreche ihr Mut zu. Währenddessen richten die Hebammen alles her und Harald legt noch die Handtücher in den Ofen, damit man später das Baby dann in schön gewärmte Handtücher einpacken kann.

Michaela ruft „Hand-Hand!“ und Harald springt schnell in den Geburtspool, er hält seine Hände auf den schmerzenden unteren Teil des Rückens, ich sitze vor ihr und sie drückt meine Hände und die Hebammen sitzen rechts und links von den werdenden Eltern. Dann ist der heilige Moment gekommen und die Welt steht still: Das Baby wird in die Hände seines Vaters geboren, die Hebammen reichen es unter Michaela hindurch und sie nimmt es aus dem Wasser empor und legt es auf ihre Brust. Sofort ist ein warmes Handtuch da und nachdem die Hebammen mit einem Blick erkennen, dass alles in Ordnung ist, treten wir alle einen Schritt zurück und lassen die Familie diesen Moment genießen und ihr Kind begrüßen. Glückseligkeit – unendliche Freude über ein gesundes, süßes Mädchen, das den Namen Katharina tragen wird.

Eine Stunde später liegen Michaela und Harald mit ihrem Baby Katharina im Ehebett. Wir alle lachen vor Freude über diese wunderbare, einfache und sichere Geburt. Erst eine weitere Stunde später wird das Baby, nachdem es bereits einige Male an der Brust getrunken hatte, untersucht, gewogen und angezogen. Langsam, in Ruhe – während Harald stolz auf einem Stuhl sitzt und erste Mails an Freunde in alle Welt verschickt.

Was bedeutet es in der heutigen Zeit, eine Hausgeburt zu planen und zu erleben?

Ich schreibe einige Daten auf, um diese später im Geburtsbericht, den ich für das Kind schreibe, parat zu haben. Als Doula hatte ich heute wenig zu tun – das ist nicht immer so. Unabhängig von der Geburtsdauer, bleibe ich kontinuierlich bei der werdenden Mutter und ihrem Partner, bis das Baby geboren ist. Und nicht immer erlebe ich dabei so eine wunderbare Atmosphäre wie während dieser Hausgeburt. Es macht mir sehr viel Freude, schwangere Frauen und ihre Partner zu begleiten, sie zu umsorgen und dabei zu unterstützen, die Geburt und den Übergang zur Mutter selbstbestimmt und bewusst zu erleben.

Jede Frau hat andere Erfahrungen, hat ein anderes Körperbewusstsein. Meine Aufgabe ist es, sie an ihre ureigenen weiblichen Kompetenzen zu erinnern und die Informationen zur Verfügung zu stellen, die schwangeren Frauen helfen, während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit selbstbestimmt ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Dabei ist es sehr wichtig, über Wünsche, Fragen und auch Ängste zu sprechen. Und es ist ganz besonders wichtig, dass jede Frau ihren eigenen Weg geht – und auf diesem begleite und unterstütze ich sie. Es ist ein Hand-in-Hand-Arbeiten mit den Hebammen, sowohl in der Klinik als auch im Geburtshaus oder zu Hause.

Die Vorbereitung auf eine Hausgeburt ist wesentlich intensiver als die Vorbereitung auf eine Klinikgeburt. Dabei wird auch sehr deutlich, dass die Hausgeburtshebammen über ein ausgeprägtes Risikomanagement verfügen und jederzeit eingreifen bzw. die Hausgeburt abbrechen, sollte es Komplikationen bei oder nach der Geburt geben. Aktuelle Studien belegen, dass eine gut vorbereitete Hausgeburt bei einer gesunden Schwangeren gleichviele, u. U. sogar weniger Risiken birgt als eine Klinikgeburt.

Der Brief einer werdenden Mutter…

…an ihre Krankenkasse und die Gesundheits- und Familienministerin:
„Ich bin schockiert, wütend und gleichzeitig ohnmächtig! Von Tag zu Tag schwindet mein Vertrauen in einem Sozialstaat auf freie, kompetente Hebammenhilfe bauen zu können, mehr. Warum? Ich kann keine Hebamme in unserer ganzen Region finden, die es sich noch leisten kann, Hausgeburten zu begleiten!
Meine letzten Geburten waren komplikationslos, wunderbar ekstatisch und schmerzfrei, gerade durch eine kompetente und kontinuierliche Hebammenbegleitung. Ich sehe NICHT ein, warum ich auf Grund politischen Schweigens und fehlender Stellungnahme das Komplikationsrisiko meiner anstehenden Geburt erhöhen sollte.
Die einzige Möglichkeit, im Krankenhaus zu gebären, stellt für mich KEINE Alternative dar. Das Risiko, hier in einer hausgemachten Komplikationsspirale zu landen, keine heimische Atmosphäre um mich zu haben und nicht selbstbestimmt in meinem für die Geburt so wichtigen eigenen Rhythmus gebären zu können, ist mir hier zu hoch.
Ich möchte lediglich bewusst von meiner Wahlfreiheit Gebrauch machen, kombiniere dies mit meinem Wissen, dass eine kontinuierliche und kompetente Geburtsbegleitung durch eine Hebamme in heimischer Atmosphäre die für mich sicherste Gebärmöglichkeit wäre und muss feststellen, dass es mit der Wahlfreiheit als Frau im deutschen Staat nicht weit her ist!
Ich bin im Schönreden nicht so gut! Und ich wünsche mir aufs Dringendste eine Möglichkeit, mein Kind mit kompetenter Hebammenbegleitung zu Hause gebären zu dürfen!
Mit hoffnungsvollen Grüßen,
Navina Salomon“

Die Krankenkassen profitieren von jeder Hausgeburt

Auf die Problematik der Haftpflichtversicherung und deren Auswirkungen weist auch der Dachverband für Hausgeburtshilfe hin. Mitunter müssen Hausgeburtshebammen sieben und mehr Geburten im Jahr begleiten, um überhaupt die Kosten der Haftpflichtversicherung decken zu können. Als Alternative bleiben zwei Wege: 1. Aufhören mit der Hausgeburtshilfe oder 2. die Kosten auf die werdenden Eltern umlegen. Dies wiederum können nicht alle finanziell tragen, die eine Hausgeburt einer Klinikgeburt vorziehen würden.

An diesem Punkt ist der Staat in Zusammenarbeit mit den Krankenkassen gefragt. Denn schlussendlich profitieren sogar die Krankenkassen von jeder Hausgeburt, die in Deutschland durch eine Hebamme durchgeführt wird, da diese Geburtsform mit den geringsten Kosten verbunden ist. So kostet die Krankenkassen eine Hausgeburt durchschnittlich 550 €, während eine Klinikgeburt zwischen 1.000 € und 1.800 € kostet und die „teuerste Form der Geburtshilfe“ der Kaiserschnitt ist und mit 3.000-5.000 € zu Buche schlägt.* Diese Kosten werden letztendlich von allen Versicherten, also der Gesellschaft, getragen. Und spätestens hier sollte auffallen, dass in der Schwangerschaftsbetreuung und der Geburtshilfe auch eine Menge Geld zu verdienen ist.

Jede Schwangere hat ein Recht auf zehn Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft. Dass sie diese auch bei einer Hebamme (ausgenommen davon sind die drei vorgesehenen Ultraschall-Untersuchungen) vornehmen lassen kann, ist leider immer noch viel zu wenigen Frauen bekannt. Schwangerschaft und Geburt bergen immer ein gewisses Risiko. Und leider gibt es keine „Garantie“ für ein gesundes Kind, ob mit oder ohne medizinische Untersuchungen… Ein gesundes Körperbewusstsein, Vertrauen in den eigenen Körper und mit VORFREUDE „in guter Hoffnung sein“, dieses Erleben ist immens wichtig für werdende Mütter und ebenso wichtig ist, dass sie darin unterstützt werden, eine innere Verbindung zu ihrem Kind aufzubauen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und selbstbestimmt ihren eigenen Rhythmus während der Wehen zu finden.

„Wo zwei Menschen sich lieben, ist der beste Ort, ein Kind zu bekommen“

Viele Menschen sagen zu Hausgeburtseltern: „Wow – wie mutig von euch“. Hausgeburtseltern wiederum finden es eher mutig, sich zur Geburt des Kindes in eine fremde Umgebung zu begeben, Routineabläufen auszusetzen und ihre Privatsphäre aufgeben zu müssen. Ich wünsche mir, dass in Deutschland wieder mehr Kinder zu Hause geboren werden. Häufig ist dies ja auch der Ort ihrer Zeugung. Dr. Michel Odent (Geburtshelfer und Autor) sagt: „Dort, wo zwei Menschen sich lieben, ist der beste Ort, ein Kind zu bekommen“. Und der Grund dafür ist einleuchtend: Auch wenn es manchen Menschen eine peinliche Röte ins Gesicht zaubert, ist es erwiesen, dass während der Geburt dieselben Hormone ausgeschüttet werden wie während des Geschlechtsverkehrs. Eine gewohnte, vertraute Umgebung, die an Privatsphäre erinnert, begünstigt diesen Vorgang natürlich.

Als sehr schön erleben die Eltern einer Hausgeburt, dass sie nach der Geburt in ihrem eigenen Bett liegen und ihr Baby genießen können. Die wichtige Bindungsphase von Mutter, Kind UND Vater findet in vertrauter Umgebung statt. Die Hebammen (evtl. GynäkologIn) ist Gast, verhält sich respektvoll und hat Zeit für die Routineuntersuchungen. Das Baby darf sofort zur Mutter und bleibt dort, solange es beide möchten. Alle Untersuchungen am Baby können auf dem Bauch der Mutter stattfinden. Dies alles sind Pluspunkte für ein friedliches Ankommen des neuen Familienmitgliedes und geht nicht zulasten der Sicherheit von Mutter und Kind.

Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft mehr darüber spricht, wie groß der Einsatz der Hausgeburtshebammen ist, wie viel Zeit sie investieren und vor allem wie groß die Verantwortung für das Leben von Mutter und Kind ist, die allein auf ihren Schultern lastet. Es ist sehr schade, dass dieser Beruf so wenig honoriert wird und viele Hebammen von ihrem Einkommen mehr schlecht als recht leben können.

Die Gebärende ist die Königin

Im Vergleich dazu muss und kann ich als Doula von meinem Verdienst nicht leben. Es ist ein Zubrot, ein „Nebenverdienst“. Ich arbeite freiberuflich und habe weder einen immens hohen Dokumentationsaufwand für die Krankenkasse, noch bin ich der Philosophie und den Vorgaben von Geburtskliniken verpflichtet. Seit Beginn meiner Tätigkeit als Doula begleite ich im Jahr durchschnittlich sechs Geburten. Die meisten Frauen treffe ich dreimal während der Schwangerschaft, wir stehen in regelmäßigen Telefonkontakt und sie können mich 14 Tage vor und nach errechnetem Termin rund um die Uhr erreichen, sobald die Wehen beginnen.

Dann begleite ich sie kontinuierlich am Ort ihrer Wahl, bis das Baby geboren ist, und gehe erst dann nach Hause, wenn die Mutter sich wohlfühlt und in guter Betreuung ist. Meistens besuche ich die Mütter/Eltern noch ein bis zwei Mal nach der Geburt und überreiche ihnen zum Abschluss einen Geburtsbericht, den ich an das Baby geschrieben habe. Während dieser ganzen Zeit entsteht ein enges Vertrauensverhältnis und dies ist auch die Grundlage dafür, dass ich in einem so intimen Moment wie der Geburt nicht als „fremde“ Person erlebt werde, sondern durch meine Anwesenheit beruhigend auf die werdenden Eltern wirken kann. In erster Linie sind wir Doulas den Interessen der werdenden Mutter und ihres Partner verpflichtet und mir ist diese Unabhängigkeit sehr wichtig.

Während und nach den Geburten, die ich als Doula begleitet habe, sind schon viele wunderbare Kontakte mit Hebammen entstanden und ich schätze diesen Austausch sehr. Denn wir haben dasselbe Ziel: eine Geburtskultur in Deutschland, die die Interessen der schwangeren/gebärenden Frauen und ihrer (ungeborenen) Kinder in den Vordergrund stellt – wo Hebammen, Doulas und GynäkologInnen Hand in Hand arbeiten und die Medizintechnik nur dann zum Einsatz kommt, wenn es unabwendbar ist. Und in diesen Fällen sind wir alle heilfroh, dass sie da ist. Der Slogan für alle Geburten könnte lauten: Die Gebärende ist die Königin und alle anderen (Fachleute, Ehemänner, Partner) sind ihre Untertanen. Denn Frauen WISSEN, wie Gebären geht, was sie brauchen und welche Unterstützung für sie wichtig ist – solange man ihnen diese Kompetenz nicht abspricht.

Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe:

*Quelle: Fachverband für Hausgeburtshilfe und Deutsche BKK, „Kosten für Kaiserschnitt doppelt so hoch wie natürliche Geburt“

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