Katharina Martin

Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt

Wie man den Alltag beseelen kann und weshalb Kinder Meister darin sind
Katharina Martin: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt
© Daniela Drews

Das Spiel entsteht im Zwiegespräch zwischen Mutter und Kind, ist Kommunikation über die Worte hinaus, wenn zum Notwendigen das Schöne hinzukommt und aus der Liebe das Poetische erwächst.

Eine aus Brot geknetete Figur muss nicht der Anlass sein für eine Ermahnung, sie darf auch Teil einer kleinen Darbietung sein, die eine bloße Nahrungsaufnahme verschönert. Spiel lockert starre Lebensregeln auf, erfordert von den Eltern Mut, sich einzulassen und bringt eine andere Qualität in das Zusammenleben.

Es ist ein gestaltendes Zwiegespräch des Kindes mit der Welt, in dem es sich in seinen Äußerungen und Handlungen gespiegelt findet und erkennen kann. Im Spiel entsteht ein Raum, in dem sich die Kinder mit der Welt um sich herum verbinden können. Dies ist ein Urbedürfnis des Menschen, der Bindungstrieb. Wenn er nicht erfüllt werden kann, entstehen zumindest Orientierungslosigkeit und erhebliche Selbstwertstörungen. Spiel ist eine existentielle Arbeit des Kindes auf dem Weg zur Menschwerdung und eine Form der Weltaneignung. Spiel ist äußere und innere Bewegung, bei der das Kind verbunden ist mit einer Kraft, die lebendig hält.

Der Glückszustand des Spiels

Das Spiel bringt Freude in unser Leben, und es ist leicht, mit Kindern zu spielen, da ihnen die Welt noch nicht als Getrenntes gegenübersteht und sie nicht beschwert sind von Lasten der eigenen Lebensgeschichte. Ein hölzernes Pferdchen läuft für sie vielleicht aus eigener Kraft, während es auf unserer Seite der Wirklichkeit von Händen über den Tisch gezogen wird. Im Spiel berühren sich diese beiden Welten, was von großen Künstlern auch als Aufgabe der Kunst angesehen wird: Das Unsichtbare spürbar zu machen. Den Kindern hilft das Spiel, den Kontakt dazu zu erhalten.

Spielen macht auch die Erwachsenen glücklich, wenn sie sich ganz dem Spiel mit dem Kind zuwenden und sich darauf einlassen. In einer Studie von Kreativitätsforschern stellte sich heraus, dass Mütter, die innig mit ihren Kindern spielten, in einen ähnlichen Zustand von Flow gerieten, einen Glückszustand, den z.B. ein Künstler verspüren kann, der ganz in seinem Werk aufgeht.

Ein weiteres Grundstreben des Menschen ist der Explorationstrieb. Im Spiel findet er ein geeignetes Betätigungsfeld und zahllose Anlässe, sich zu erproben, auszuleben und sich so in der persönlichen Struktur zu verankern. Es wird dieses und jenes auseinandergebaut, neu zusammengefügt und vieles gekostet, es wird erkundet, wie die Welt hinter dem Gartentor aussieht... Im späteren Leben wird dann Handlungsfähigkeit und schöpferische Kraft darauf aufbauen können.

Damit der Alltag beseelt wird...

Ein großer englischer Psychiater meinte einmal, dass die eigentlich Verrückten die sind, die jeden Tag mit Aktentasche und grauem Anzug zur selben Zeit dieselbe Strecke fahren und dieselbe Arbeit tun. Also spielen wir mit unseren Kindern, damit der Alltag beseelt wird und das Menschliche seine Heimat behält.

Auf dass wir wieder spielen können und Mensch sein können. Denn wie schon Friedrich Schiller sagte: „Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

 

Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe: Sonderheft Kreativität & Erziehung