"Das schmeckt nach Strom!"

Hochsensible Kinder sind einfach anders

Laut der Psychologin Elaine Aron, einer Pionierin auf dem Gebiet der Hochsensibilität, sind etwa 15 % der Menschen HSP, Highly Sensitive Persons. Das bedeutet zunächst einmal nur, dass diese Kinder eine andere Reizschwelle haben als andere. Sie nehmen überdurchschnittlich viele Reize auf und sind folglich schneller überreizt als andere. Segen und Fluch zugleich.
Da sie so viel und vielfältig wahrnehmen, sind hochsensible Kinder schneller überfordert, brauchen mehr und längere Ruhe- und Verarbeitungsphasen und sind in vielerlei Hinsicht einfach anders. Hochsensibel meint also nicht eine höhere emotionale Kompetenz, sondern zunächst einmal eine neurologische Besonderheit.

"Das schmeckt nach Strom!"

Ein Junge ärgert sich über die Schwerkraft, fällt oft hin und bleibt dann aus Protest liegen. Er ist kaum zum Aufstehen zu bewegen. Überhaupt geht er nicht gerne aus dem Haus. Nach langem Herumprobieren stellen seine Erzieher fest, dass er fröhlich in die Welt hinaus spazieren kann, wenn er zwei Luftballons dabei hat: einen am rechten und einen am linken Handgelenk. Ein anderer Junge möchte alles in seinem Zimmer in der Farbe Grün haben, ein Mädchen setzt sich nicht auf Kissen, an denen sich ein Reißverschluss befindet. Überhaupt Reißverschlüsse und Schilder an Kleidern: ein Graus für hochsensible Kinder.

Komische Marotten haben sie, diese Kinder, von denen es gar nicht wenige gibt. Und ihre häufig überforderten Eltern müssen sich auf spezielle Menschen einstellen und unorthodoxe Lösungen finden.
Bei vielen Hochsensiblen ist schon während der Schwangerschaft bemerkbar, dass sie Konflikte schwer aushalten und selbst bei feinen Stimmungsveränderungen der Mutter oder innerhalb der Partnerschaft anfangen, sich heftig im Mutterleib zu bewegen oder zu treten, bis der Konflikt sich beruhigt hat.

Ruhe und Struktur können helfen

Auch als Säuglinge sind sie anfälliger für Unruhe, Lärm, Chaos, unstrukturiertes Leben oder fremde Menschen. Ein regelmäßiger Tagesablauf und eine reizarme Umgebung sind das Heilsamste, was man einem solchen Baby geben kann. Oft wollen sie eine große Nähe zur Mutter, eng am Körper getragen werden, haben Schwierigkeiten mit dem Einschlafen und Durchschlafen und schreien viel. Es kann ihnen mitunter schon zu viel sein, wenn jemand durch das Zimmer geht, und das Geräusch eines Staubsaugers ist reinste Folter für sie, ebenso wie Fahrten in ratternden Regionalzügen, laufende Fernseher und Radios im Hintergrund oder Familienfeste. Besuch überhaupt überfordert sie schnell.

Ruhephasen, frische Luft und ein geregelter Tagesablauf werden für diese Kinder auch im Kindergarten und Schulalter wichtig. Grelle Tapeten oder Bettwäsche, zu viele Möbel und Chaos im Kinderzimmer sind ebenso eine Überforderung wie schlechte Stimmung zwischen den Eltern. Innerfamiliäre Konflikte sind für jedes Kind eine Belastung, hochsensible Kinder neigen noch schneller dazu, alles auf sich zu beziehen, Konflikte auf sich zu nehmen (Rückenprobleme) und Kummer in sich hineinzufressen.

Sie haben feine Antennen für Stimmungen, bemerken Veränderungen schnell, auch wenn es nur eine neue Frisur oder das Verrücken eines Möbelstücks ist. Es kann gut sein, dass ein Geschwisterkind morgens in die Küche kommt und alles wie immer vorfindet, das hochsensible Kind aber sofort bemerkt, dass Papas Jacke nicht am Haken hängt, die Augen der Mutter merkwürdig glänzen und im Müll die Scherben eines Tellers liegen. Eine zufällig gesehene Gewaltszene im Fernsehen kann für ein hochsensibles Kind eine regelrechte Traumatisierung darstellen, während das Geschwisterkind nur kurz verstört ist und bald weiterspielt.

Extrem empfindlich bei Farben, Gerüchen, Geschmack, Temperaturen und Geräuschen

Bezeichnend ist auch diese Geschichte einer Mutter – eins von vielen Fallbeispielen aus dem Buch „Empfindsam erziehen“ von Juli Leuze:

Eine Frau erzählt ihrem hochsensiblen Sohn von ihrer Kindheit und dem schönen Garten, in dem sie immer gespielt hat. Sie glaubt, ihrem Sohn damit eine Freude zu machen. Doch der Junge fragt nur, ob es den Garten noch gäbe. Die Mutter erzählt daraufhin, dass sie natürlich irgendwann weggezogen ist. Der Junge beginnt schrecklich zu weinen und braucht lange, um sich zu beruhigen.

Die Geschichte macht vielleicht deutlich, dass hochsensible Kinder viele Dinge schwernehmen, die für nicht hochsensible Erwachsene überhaupt nicht nachvollziehbar sind. Sie zeigen sich extrem empfindlich, was Farben, Gerüche, Geschmack, Temperaturen und Geräusche angeht, und klagen oft über kratzende Klamotten, zu enge Strumpfhosen oder Essen, das Ekel in ihnen auslöst. Sie ertragen bestimmte Farben nicht oder flippen regelrecht aus, wenn die Schwiegermutter zu Besuch kommt – weil ihr Parfum zu aufdringlich ist. Sie leiden, betont Elaine Aron, wirklich darunter und tun es nicht, um ihre Eltern zu quälen oder zu provozieren.

Sehr einfühlsame Wesen, die gut zuhören, aber oft übersehen werden

Hochsensible Kinder brauchen länger als andere Kinder, um sich auf eine neue Umgebung und fremde Menschen einzustellen, entsprechend schwierig sind für sie Übergänge in die Kindergarten- und Schulzeit oder der Besuch auf die weiterführende Schule.

Viele hochsensible Kinder sind sehr intelligent, viele hochbegabt, wenn auch nicht zwangsläufig. Nicht alle hochsensiblen Kinder sind introvertiert und schüchtern, es finden sich auch Extrovertierte unter ihnen. Die Mehrheit der hochsensiblen Kinder tut sich allerdings eher schwer mit der Kontaktaufnahme, besonders in Gruppensituationen, bei lauten Gesellschaften oder mit völlig Fremden. Sie brauchen länger, um im Kindergarten oder in der Schule Freundschaften zu schließen, sind aber oft sehr einfühlsame Wesen, die gut zuhören, aber übersehen werden, weil sie sich schwer durchsetzen können.

Kindergartengruppen und Schulklassen stellen für hochsensible Kinder oft eine reine Reizüberflutung dar: Es ist zu voll, zu laut, es gibt zu viel Gängelei und Kontrolle. Hochsensible Kinder sollten nach der Schule anstelle von Vereinsaktivitäten und Lernstress viel in die Natur gehen und wenig Bildschirmmedien konsumieren. Sie pflegen besondere Beziehungen zu Pflanzen und Tieren, manche haben sogar übersinnliche Wahrnehmungen, die ernst genommen werden wollen. Sie lieben das Spiel mit Naturmaterialien, den Umgang mit Erde, Blüten, frischer Luft und Licht. Es ist für hochsensible Kinder besonders wichtig, die vielen Reize, die auf sie einströmen, ausdrücken zu können.

Das Kind in seinen Eigenheiten unterstützen

Nicht selten kommt es bei Überreizung entweder zum totalen Rückzug oder zu Wutanfällen. HSP können stundenlang in ihrem Zimmer sitzen und ein Buch lesen oder einfach aus dem Fenster schauen. Was Eltern langweilig erscheint, ist für sie notwendige Verarbeitung und Regeneration. Nicht selten ergreifen hochsensible Kinder später einen künstlerischen Beruf, der Umgang mit Farben, Sprache oder Theaterspiel ermöglicht es ihnen, ihre oft extremen Gefühle in den Griff zu bekommen. Der Umgang mit Schönheit, mit Schönem, ist für jeden Menschen wichtig, für hochsensible Kinder besonders.

Diese Kinder können eine Einladung sein, zu überdenken, was wir uns täglich „reinziehen“, was davon förderlich für unser Gehirn und unsere Seele ist. So schwierig der Alltag mit einem Kind ist, das etwas nicht essen will, weil es „nach Strom“ schmeckt, das Angst vor Geburtstagspartys hat und oft nicht angefasst werden will, das einfach in seinem Zimmer liegen möchte oder nur einen einzigen guten Freund hat, so sehr braucht das Kind die Stärkung der Eltern, in seinem Anderssein angenommen und gleichzeitig ermutigt zu werden, in die Welt zu gehen und sich den Aufgaben zu stellen, die dort warten.

Eltern sollten dem Kind ganz praktisch dabei helfen, schlägt Julie Leuze vor. Wenn das Kind Angst hat, andere Kinder anzusprechen, können Eltern ein Gartenfest ausrichten und ihrerseits Kontakt zu anderen Eltern in Kindergarten und Schule suchen und dem Kind das Gefühl geben, dass es irgendwann die richtigen Freunde finden wird. Eltern von hochsensiblen Kindern sollten, so Elaine Aron, das verständnisvolle Wesen des Kindes nicht ausnutzen oder ihm Probleme aufladen, sondern im Gegenteil eher an ihrem eigenen Selbstwertgefühl arbeiten.

Fluch und Segen zugleich

Hochsensible Kinder werden in der Schule oft Opfer von Mobbing, weil sie schüchtern am Rand stehen und nicht unbedingt durch witzige Wortbeiträge auffallen. Dass die Eltern zum Kind halten, ihm seine Stärken vor Augen führen, es dabei unterstützen, etwas zu finden, was ihm Freude macht und worin es glänzt, ist für hochsensible Kinder besonders wichtig, weil sie oft perfektionistisch und überkritisch sind und eine niedrige Frustrationstoleranz besitzen.

Schon früh interessieren sich hochsensible Kinder für spirituelle Fragen nach Leben, Tod und Seele. Es kann sein, dass ein solches Kind plötzlich zum Kindergottesdienst gehen möchte, obwohl seine Eltern mit der Kirche nichts am Hut haben. Kleine Gebete, Segenssprüche und Phantasiereisen, Jahreszeitenaltäre und kleine Rituale bereichern das Leben eines hochsensiblen Kindes. Ein Krafttier oder ein Schutzengel können dabei helfen.

Ein hochsensibler Mensch kann sich nicht ändern, sondern nur lernen, sich zu schützen und seine Potentiale zu stärken. Wenn hochsensible Kinder viel Liebe, einen geregelten Tagesablauf, feinfühlige Unterstützung bei der Entfaltung ihrer Talente und dem Kontakte-Knüpfen zu anderen Menschen erhalten, können sie es wunderbar mit der Welt aufnehmen und ihre besonderen Qualitäten entwickeln. Der Fluch, so viel wahrzunehmen, ist zugleich ein Segen, weil hochsensible Kinder intensive Erfahrungen machen und vieles wahrnehmen, was anderen verborgen bleibt.

"Alles, was wir sehen, hinterlässt in uns seine Spuren."

Hochsensible müssen nur lernen, sich Ruheinseln zu schaffen, sich abzugrenzen und sich nicht zu überfordern. Ein Kind, das im Geruch eines Hundes etwas „Erdnuss“ erkennt und das vor dem Geräusch des Radios flüchtet, ist auch eine Einladung an die Eltern sowie an die gesamte Gesellschaft: anders hinzuschauen, hinzuhören, zu riechen und zu schmecken, das Leben verlangsamen und hinschauen, wo es zu viel und zu schnell ist.

Geduld üben, weil das Kind für alles so lange braucht. Den ernsthaften Fragen des Kindes nachgehen und diese Fragen wieder entdecken: nach Anfang und Ende, Leben und Tod, Schatten und Licht. Raum für Schönes entstehen lassen. Wo in unserem Leben herrschen der Pragmatismus vor, die Sorgen um das Geldverdienen und das Funktionieren in unserer Gesellschaft? Und wann schauen wir einfach nur aus dem Fenster auf einen blühenden Baum? Der Neurobiologe und Psychotherapeut Joachim Bauer sagt hierzu: „Bilder werden als neuronale Muster im Gehirn abgebildet, was für Bilder der Gewalt gilt, gilt für das Schöne auch: Alles, was wir sehen, hinterlässt in uns seine Spuren. Wir sollten uns aktiver darum bemühen, mehr von dem zu sehen, was wir als schön empfinden.“

Der Benediktinerpater Anselm Grün sagt das Gleiche für die Seele, was Bauer für das Gehirn feststellt: „Wenn wir ganz im Schauen aufgehen, werden wir eins mit dem Geschauten. Das Auge braucht Schönes, damit es sich in der Seele einbildet und so die Seele schön macht.“ In diesem Sinne sind hochsensible Kinder eine Einladung, dem Schönen und Stillen in der Welt mehr Raum zu geben, weil es für jeden Menschen heilsam ist.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Info:
Die amerikanische Wissenschaftlerin Elaine N. Aron hat den Begriff Highly Sensitive Person (HSP) 1997 geprägt. Seither sind einige Bücher zum Thema erschienen. Für mehr Informationen besuchen Sie die Website des Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität e.V. Hochsensibel.org.

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