„Mind the music“

Das völlig andere Achtsamkeitsprogramm für Jugendliche

Achtsamkeitsangebote für Jugendliche sind Mangelware. Bislang ist mir kein Ansatz, keine Übung begegnet, die mich wirklich überzeugt hätte. Aber, es gibt eine Branche, die sehr wohl sehr eng mit Jugendlichen verbandelt ist – die Musikbranche! Viele Jugendliche hören täglich stundenlang Musik, machen Musik, tauschen sich über Musik aus, tanzen zu Musik … Und deshalb ist die Idee zweier Achtsamkeitslehrer aus den USA so genial: eine Achtsamkeitspraxis zu entwickeln, die auf der Musik der Jugendlichen aufbaut!

Jugendliche Musik

Die Titelzeile hätte auch lauten können: Endlich ein Achtsamkeitsprogramm für Jugendliche! Menschen, die in die Rubrik „Jugendliche“ eingeordnet werden, gehören im Allgemeinen nicht zu der beliebtesten Zielgruppe der Gesellschaft – egal, um welche Angebote es sich handelt. Manchmal scheint es mir sogar, als ob ich gesamtgesellschaftliche „Kontakt-Vermeidungs-Tendenzen“ in Bezug auf Jugendliche und/oder Menschen in der Pubertät erkennen könnte.

Auffallend oft erlebe ich in Gesprächsrunden, dass Eltern zutiefst mitleidige Blicke und ein herzzerreißendes Seufzen und Stöhnen ernten, wenn sie erzählen, dass sie Kinder in der Pubertät haben. Und ganz sicher kann diese Zeit im Miteinander wieder einiges an Baustellen auf den Tisch bringen – die der Jugendlichen, aber auch die der Eltern. Und wer würde nicht eine gemütliche Ruhephase einer anstrengenden Sich-miteinander-auseinander-setzen-Phase vorziehen? Aber „Es is’ ja, wie’s is’“, wie eine Figur bei uns im Norddeutschen Radio immer wieder sagt. Meine Sorge ist an dieser Stelle nur, dass es einen unausgesprochenen Schulterschluss unter den Erwachsenen gibt, der besagt: „Augen zu und durch!“ Und mit geschlossenen Augen ist nun mal nicht so viel von dem wahrzunehmen, was um einen herum passiert – erst recht nicht, wenn die Botschaften von Jugendlichen manchmal etwas „verschlüsselt“ daherkommen.

Musik und Achtsamkeit

Zurück zum Thema „Achtsamkeit“. „Mind the music“ heißt das Programm von Soryu Forall und Shinzen Young. Beide sind oder waren buddhistische Mönche, die unter anderem in japanischen Klöstern ausgebildet wurden und heute ihr Wissen westlichen Menschen zugutekommen lassen. Vor allem Soryu Forall hat sich dabei hauptsächlich auf die Arbeit mit Jugendlichen spezialisiert. Beim Tummeln in internationalen „Mindfulness“-Gewässern stieß ich auf diesen spannenden Ansatz und vor allem auf vier 5minütige Youtube-Interviews mit Jugendlichen, die von ihren Erfahrungen mit dem Mind-the-music-Programm berichten – unglaublich beeindruckend! Hier kommen Jugendliche zu Wort, die ganz offensichtlich nicht aus behüteten Elternhäusern stammen und bereits eine umfassende Geschichte hinter sich haben. Soryu Forall bzw. Teal Scott (Foralls Geburtsname) führt die Interviews und gibt Erläuterungen zu dem Programm.

Was ist es denn nun, was so ungewöhnlich, so anders, so begeisternd ist?

Zunächst einmal ist es die umfassend respektvolle, konzentrierte und unbedingt authentische Haltung, mit der Soryu Forall den Jugendlichen begegnet, schon vor Beginn des eigentlichen Programms. So sucht er zum Beispiel ein, zwei Wochen vor Programmbeginn die Jugendlichen im Jugendzentrum auf, knüpft erste Kontakte, fragt sie nach ihrer Lieblingsmusik. Diese Songs werden dann auf jeden Fall während des Achtsamkeits-Programms benutzt, ganz gleich, ob sie nun seinem Geschmack entsprechen oder nicht. Man kann sich vorstellen, dass auf diese Art und Weise schon erste Türen geöffnet werden, wenn jemand sich ehrlich interessiert nach einem erkundigt und ein Angebot macht, in dem auf jeden Fall die eigene favorisierte Musik anerkannt und sogar genutzt wird.

Sehr oft scheint es Heranwachsenden jedenfalls nicht zu passieren, dass ältere Menschen sich für ihre Musik interessieren oder sie gar mögen. Neben den Erinnerungen an meine eigene Pubertät habe ich zu dem Thema eine Passage aus dem Song „Junge“ von den Ärzten im Ohr:

„… Junge, und wie du wieder aussiehst,
Löcher in der Nase und ständig dieser Lärm.
(Was soll’n die Nachbarn sagen?)
Elektrische Gitarren,
Und immer diese Texte,
Das will doch keiner Hören!
(Was soll’n die Nachbarn sagen?)…“

Es ist immer richtig was die Jugendlichen zurückmelden

Das Achtsamkeits-Programm „Mind the music“ kann grundsätzlich im Rahmen eines vorgegebenen Lehrplans unterrichtet werden. Aber die Kür ist meiner Ansicht nach die Variante, die ich bei Soryu Forall kennengelernt habe. Er unterrichtet nach dem „Algorithmus-Ansatz“ von Shinzen Young und praktiziert „student led teaching“ – DAS ist wirklich etwas anderes und begeistert mich vollends! Shinzen Young versteht das Nicht-Beschämen als einen der wichtigsten Aspekte beim Unterrichten: „Don’t set your students up for failure.“

Konsequent berücksichtigt, hat diese Haltung einen kompletten Paradigmenwechsel im Unterrichten zur Folge. Es geht nicht länger darum, dass Kinder herausfinden müssen, was der Lehrende im Kopf hat – es ist genau umgekehrt. Die Schüler und Schülerinnen in der Schule oder die Jugendlichen im Jugendzentrum geben Rückmeldungen zu den von Musik begleiteten Achtsamkeitsübungen an Soryu Forall zurück, und es ist seine Aufgabe, die Weisheit in dieser Rückmeldung zu erkennen, eine Achtsamkeitstechnik daraus zu kreieren und den wichtigen persönlichen bzw. gesellschaftlichen Kontext zu dieser Äußerung zu erläutern. Es ist immer richtig, was die Jugendlichen zurückmelden. Auf die Erwachsenenreaktion kommt es an.

Was für eine Herausforderung und was für eine Chance – sowohl für den Lehrenden, als auch für die Jugendlichen!

Es ist diese Art, die vielleicht zunächst irritiert – das ist so anders, als die jungen Menschen es oftmals viele Jahre kennengelernt haben. Sie haben hier jemanden vor sich, der sie sieht, sie annimmt, wie sie sind, und der nun auch noch einen Wert in dem findet, was sie sagen. Egal, was sie sagen! Da gehen längst verschlossen geglaubte Türen plötzlich wieder einen Spalt auf und „trouble maker“ werden zu Stars in der Klasse. Nicht immer natürlich, und sicher nicht bei allen auf Anhieb. Aber bei vielen, und auch bei solchen, mit denen Erwachsene sich nicht mehr beschäftigen wollen. „The tough ones. They put them all in one class, close the door and wish them a good journey.“

In diversen Schulen, Camps in den USA oder im Jugendzentrum Burlingtons bietet Soryu Forall seit einigen Jahren das „Mind the music“-Programm an. Burlington hat viele Flüchtlinge aus aller Welt und diese Kinder und Jugendlichen haben in ihrem Leben schon so viel Leid erlebt, wie wir es uns nur schwer vorstellen können. Umso beeindruckender ist es zu sehen und zu hören, wie diese jungen Menschen durch das Angebot von Soryu Forall zu sich selbst finden, ihre Kompetenzen und Fähigkeiten entdecken und entwickeln und Werkzeuge an die Hand bekommen, die ihnen erkennbar helfen, mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen. Und nicht nur das, sie definieren Lebensziele für sich – kurzfristige und langfristige, die ihnen ganz offensichtlich Kraft geben, denen sie sich verpflichtet fühlen und die sie mit großer Entschlossenheit verfolgen.

Einige der Teenager sind inzwischen selbst zu Trainern von „Mind the music“ herangewachsen und unterrichten Jüngere in verschiedenen Settings. Das allein, man kann es sich vorstellen, hat ihren eigenen Fähigkeiten jeweils einen immensen Schub verliehen.

Vier grundlegenden Fertigkeiten, die im „Mind the music“-Programm geübt werden und wieso sie wichtig sind

1. Entspannung
„Stress verändert auf körperlicher Ebene die Gehirne der Kinder – lässt den Hypocampus schrumpfen, ein Gehirnteil, der Erinnerungen speichert und entlässt.“
Stress ist ein zunehmend großes Problem schon bei Kindern. Sie haben oft einen vollen Terminplan und sehen sich vielen Anforderungen in der Schule und mit Freunden, Freizeit und Familie gegenüber. In diesem Zusammenhang ist das Achtsamkeitstraining als eine wissenschaftlich belegt wirksame und präventive Gesundheitsvorsorge für die Gegenwart und Zukunft zu sehen.

Zuhören/Konzentration
Von Kindern und Jugendlichen wird erwartet, dass sie den ganzen Tag zuhören. Aber hat ihnen irgendwann irgendjemand gezeigt, wie das geht? Ohne die Fähigkeit des Zuhörens bleibt Kindern der Inhalt vieler Unterrichtseinheiten verschlossen. Verfügen sie über diese Fertigkeit, haben sie überhaupt erst die Chance, am Unterricht teilzunehmen und ihr Lernen effektiv zu gestalten. Ebenso wichtig ist die Kunst des Zuhörens, wenn man in Kontakt sein und mit anderen Menschen kommunizieren möchte, wenn man Beziehungen pflegen will.

Umgang mit Gefühlen
Wer mit seinen Emotionen umgehen kann, ist erfolgreich im Leben und lässt sich weder von den eigenen noch von den Gefühlen anderer überrollen. Mobbing, Drogen, Suizid sind Vorkommnisse im Leben von Kindern und Jugendlichen, die nicht mit ihren Gefühlen umgehen können. In der Pubertät müssen die Heranwachsenden neben dem eigenen Umbau des Körpers auch noch vielen Erwartungen, Herausforderungen, Veränderungen und überhaupt Unsicherheiten begegnen, die i.d.R. ständig die Gefühlsachterbahn bedienen. Insbesondere in diesen Zeiten, aber auch für das spätere Erwachsenenleben ist die Fähigkeit, Gefühle zu erkennen, zu benennen und zu sortieren, äußerst hilfreich.

Erleben der eigenen positiven Kräfte in uns selbst bzw. eigene kurzfristige und/oder langfristige Ziele setzen
Mit diesem Aspekt soll das Vertrauen des Jugendlichen in die eigenen Fähigkeiten gestärkt und das tatsächliche Erreichen von selbst gesetzten, kurz- und längerfristigen Zielen angeleitet werden. Durch das Achtsamkeits-Training lernen die Kinder, ihre Gedanken und Gefühle klar zu erkennen und von anderen zu unterscheiden. Mit der gewonnenen Klarheit ist es möglich, eigene Ziele zu setzen und zu erkennen, was nötig ist, um diese Ziele zu erreichen. Sie wissen um ihre Fähigkeiten und Stärken und lernen bei diesem Aspekt, sie sinnvoll einzusetzen.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Weitere Infos und Video-Interviews in englischer Sprache finden Sie unter cml.me oder auf Soryu Foralls Website.

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: Arbor Verlag/Sabine Heggemann