Buchbesprechung: Ein Wegweiser zu einer wahrhaft integralen Sichtweise

Carsten Börger über „Integrale Psychologie“

Es fällt mir nicht leicht dieses Buch zu kritisieren. Und zwar aus mehreren
Gründen. Diejenigen die Wilber bisher verstanden haben, denen möchte ich
dringend ans Herz legen: lest dieses Buch - unbedingt. Es ist keine leichte
Kost und der Anspruch der dahinter durchschimmert ist ein gewaltiger.
Es ist nicht weniger als ein Aufruf an die, die es fassen können: tut was!
Stellt Euch in den Dienst, auf daß sich der GEIST durch Euch, auf allen Ebenen
und in allen Quadranten, manifestieren kann.
Und wenn ich diese Worte schreibe, dann ahne ich schon die Gefahr, die im
Hintergrund lauert. Wilber ist ein Genie und er ist ziemlich einzigartig, aber
tun wir ihm und uns und dem Kosmos den Gefallen und mythologisieren ihn nicht.
Stampfen wir ihn nicht ein auf die Ebene des Flachlandes die unser Held (das darf er sein, finde ich) so ve-
hement bekämpft und dieser Kampf, den jeder einzelne nachvollziehen muß, scheint ein Grenzscheide zu sein.

Worum geht es in dem Buch?
Es geht um die gröbsten Umrisse eines Konzeptes einer Integralen Psychologie.

Wilber weiß um seine Kraft und hat es deshalb unterlassen eigene Ideen übermäßig einzubringen, er liefert
nur das rohe Gerüst. Das ist jedoch schlüssig und wie immer gut belegt.
Sehr interessant ist ein (gegenüber dem „Atman-Projekt“ sehr stark erweiterter) tabellarischer Teil über
die Stufen der Entwicklung, diese Tabellen erklären sich selbst.
Immer wieder unglaublich finde ich, mit welcher Klarheit und Präzison sich Wilber Themen aus
verschiedenen Fachbereichen vorknöpft und in einer seiner gefürchtet langen (aber genialen) Fußnoten
bearbeitet. Dabei liefert er mehr als nur brauchbare Ansätze zur Körper-Geist Problematik oder dem Leib-
Seele Dualismus, oder wie immer man es nennen will.
Die Gefahr die von Wilbers Büchern ausgeht ist, so blöd es klingen mag, eine gewisse Lähmung der eigenen
Arbeit, zumindest wenn man sich mit ähnlichen Bereichen befaßt. Es ist schon schwer genug mit Wilbers
Gedanken Schritt zu halten, selten gelingt es jemandem ihn zu überholen. Zurück zum Buch selbst, es ist
ein Überblick über das Beste aus drei Zeitepochen (Prämoderne, mit der Entdeckung der Großen Kette des
Seins; Moderne mit der Differenzierung der Großen Drei; Postmoderne, z.B. linguistische Wende,
Aperspektivismus - wem all diese Begriffe nur ein Achselzucken entlocken, sollte sich zum Warmwerden
erst andere Wilberbücher vornehmen) verknüpft zu einer Einheit. Wie die aussehen kann steht im Buch.
Diejenigen, denen Wilber immer schon zu theoretisch war kann ich das Buch nicht empfehlen, man braucht
einiges Vorwissen um es mit dem gebührenden Genuß lesen zu können.

Es bleiben zwiespältige Gefühle beim Lesen zurück (zumindest bei mir)
und Wilber formuliert diese selbst wenn er sagt:
„Offensichtlich bleibt noch viel zu tun.“

Aber eine erstaunliche Menge an Belegmaterial - prämodernes, modernes und postmodernes – weist sehr
deutlich auf diesen Ansatz hin, der alle Quadranten auf allen Ebenen in Betracht zieht. Die bloße Menge
dieser Belege weist unabweisbar auf die Tatsache hin, daß wir heute so weit sind, zwar nicht eine ganz
vollständige und integrale Sicht des Bewußtseins zu entwerfen, aber uns von jetzt an nichts Geringeres als
das zum Ziel zu setzen." (S.209) Und? Sollen wir uns jetzt freuen oder weinen?
Okay, freuen wir uns und jeder der meint dieses Buch verstehen zu können sollte es wirklich lesen.
Wer es dann wirklich verstanden hat sollte es wohl irgendwie versuchen umzusetzen. Immerhin einige
Ahnungen wie das gehen könnte haben wir doch schon, oder?
Wie so häufig ist dieses Buch auch eine Einladung die eigene Sichtweise um jeweils andere Bereich zu
erweitern. Psychologen wünsche ich von Herzen dieses Maß an Offenheit, ihre Patienten könnten davon
profitieren und viele der heute führenden psychologischen Ansätze könnten ein gerüttelt Maß an integraler
Sicht sehr dringend gebrauchen.

Wir vom Arbor Verlag danken Carsten Börger für die freundliche Genehmigung,
seinen Text an dieser Stelle abzudrucken.