Wie wir uns trennen und wieder verbinden
Konfliktsituationen und ihre Aufarbeitung
Wir haben ganz andere Wünsche, Ziele und Zeitpläne als unsere Kinder. Deswegen kann es leicht zu Missverständnissen oder Spannungen im Verhältnis untereinander kommen. Obwohl sich gewisse Brüche nicht vermeiden lassen, ist es für uns wichtig, sie zu kennen und mit ihnen umzugehen zu wissen, damit sie anschließend wieder eine gemeinschaftliche und förderliche Beziehung zu ihren Kindern herstellen können. Dieses Wiederherstellen der Verbindung kann man als Reparatur bezeichnen. Eine Reperatur eines solchen Bruches verlangt jedoch, dass wir auch unser eigenes Verhalten und unsere Gefühle verstehen.
Eltern müssen fähig sein, ihr eigenes Verhalten, ihre Gefühle und ihren möglichen Anteil an einem Bruch zu verstehen, damit sie die Reparatur einleiten können. Nicht reparierte Brüche führen zu einem verstärkten Gefühl der Trennung zwischen Eltern und Kind. Wenn solche Trennungen länger anhalten, können sie beim Kind ein Gefühl von Scham und Demütigung auslösen, das wie Gift für sein im Wachstum begriffenes Selbstwertgefühl ist. Aus diesem Grund müssen Eltern unbedingt dafür sorgen, die Verbindung rechtzeitig wiederherzustellen.
Unser Geist ist durch das Senden und Empfangen von Signalen grundlegend mit dem unserer Mitmenschen verbunden. Unterbrochene Verbindungen, insbesondere auf nonverbaler Ebene, trennen unsere primären Emotionen von der anderen Person, wir treiben ab und können unseren Geist nicht länger im Geist des anderen wahrnehmen. Wir fühlen uns nicht mehr gefühlt, sondern missverstanden und allein. Wird die Verbindung zu einer wichtigen Bezugsperson in unserem Leben unterbrochen, wird dadurch sehr wahrscheinlich unser Gleichgewicht und unsere Kohärenz gestört. Wir sind nicht dazu geschaffen, isoliert zu leben, sondern brauchen einander, damit wir uns wohl fühlen.
Eine Tür zur Wiederverbindung öffnen
Natürlich entstehen auch Spannungen in Beziehungen zu Kindern. Eltern bringen ihren Kindern nicht ununterbrochen Liebe oder positive Gefühle entgegen, besonders dann nicht, wenn letztere ihnen durch ihr Verhalten das Leben schwer machen. Wenn Sie Ihren eigenen Emotionen mit Mitgefühl begegnen, können Sie diese anstrengenden Auseinandersetzungen mit Ihren Kindern gelassener hinnehmen, ohne sich selbst zu verurteilen. Eltern könnten vor lauter Schuldgefühl darüber, dass sie ihren Zorn an ihren Kindern ausgelassen haben, eine unterbrochene Verbindung gar nicht wahrnehmen oder sie spielen sie herunter. Unglücklicherweise können solche Schuldgefühle die „Einleitung einer Reparatur“ verhindern und den Abstand zwischen Eltern und Kind vergrößern. Durch ein besseres Verständnis dieser Vorgänge in uns selbst können wir die wichtige Tür zur Wiederverbindung öffnen.
Es kann Eltern schwer fallen, ihren Kindern klare Strukturen und Grenzen aufzuzeigen und ihnen gleichzeitig gemeinschaftliche Kommunikation und emotionale Einstimmung und Verbundenheit zu bieten. Wie kann man das erreichen? Wir können uns bemühen, ein Gleichgewicht zwischen Struktur und Verbundenheit herzustellen, aber es wird uns nie vollständig gelingen. Wenn Eltern lernen, ihre eigenen Emotionen im Gleichgewicht zu halten, ohne zwischen eigenen Schuldgefühlen und Zorn auf ihr Kind hin und her zu schwanken, können sie es sowohl leichter unterstützen als auch ihm Struktur vermitteln. Sich selbst gegenüber wohlgesinnt und auf sich eingestimmt zu sein kann Ihnen dabei helfen, sich nicht zu sehr in Ihre emotionalen Reaktionen gegenüber Ihrem Kind zu verstricken.
Unterbrechungen sind ein normaler Bestandteil jeder Beziehung
Reines Verstehen kann jedoch nicht verhindern, dass es zu solchen gestörten Verbindungen kommt, es ist einfach unausweichlich. Die Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen, ist, unsere eigene Menschlichkeit mit Humor und Geduld hinzunehmen, so dass wir unseren Kindern wiederum offen und freundlich begegnen können. Wenn wir uns andauernd unsere „Fehler“ vorhalten, bleiben wir in unseren eigenen emotionalen Schwierigkeiten gefangen und haben keinen Bezug zu unseren Kindern. Es ist wichtig, dass wir die Verantwortung für unsere Handlungen übernehmen. Genau wie unsere Kinder tun wir einfach unser Bestes, und genau wie sie lernen wir respektvollere Arten der Kommunikation. Egal wie gut wir alle besten Erziehungsgrundsätze anwenden, es wird unvermeidlich zu Missverständnissen und Störungen kommen. Es bringt uns mehr voran, wenn wir unsere Energie darauf verwenden, die möglichen Wege zu erforschen, wie wir uns wieder verbinden können, und diese Zeit als Gelegenheit zum Lernen anzusehen.
Wechselnde Unterbrechungen und gutartige Brüche
Der ideale Grad an Verbundenheit kann schon aus seiner Natur heraus nicht ständig aufrechterhalten werden. Diese unvermeidlichen Unterbrechungen haben viele Formen. Im täglichen Leben haben sowohl Eltern als auch Kinder ein wechselndes Bedürfnis nach Verbindung und Alleinsein. Eingestimmte Eltern spüren dieses wechselnde Bedürfnis Ihres Kindes und geben ihnen Raum, so dass sich eine natürliche Trennung vollziehen kann, und sie stehen zur Verfügung, wenn das Kind ihre Nähe braucht. Wenn Eltern etwas Zeit für sich selbst haben möchten, kann es ihnen aufdringlich vorkommen, wenn das Kind Nähe wünscht. Einem kleinen Kind sollten sie in solchen Situationen den Vorrang geben, größere Kinder können das Bedürfnis der Eltern nach Ruhe besser verstehen und tolerieren, da sie auch klarere Grenzen zwischen ihren eigenen Bedürfnissen nach Nähe und nach Abgeschiedenheit erfahren. Heranwachsende sind ein Thema für sich. Sie suchen oft eine weitgehende Trennung von den Eltern und eine nähere Verbindung zu ihren Altersgenossen.
Klarheit über eigene Bedürfnisse schaffen
Wenn Sie den Wunsch verspüren, allein zu sein, sollten Sie dies dem Kind gegenüber direkt zum Ausdruck bringen. Wenn Sie sagen können: "Ich brauche jetzt etwas Zeit für mich allein, aber in zehn Minuten kann ich dir die Geschichte vorlesen", dann ist das besser, als wenn Sie versuchen, das Kind zu ignorieren, oder es ihm übel nehmen, weil es Sie „zwingt“, Zeit mit ihm zu verbringen. Indem Sie Ihrem Kind vermitteln, dass Ihre Gefühle und Handlungen Ihren eigenen Bedürfnissen entspringen und nichts mit seinem Verhalten zu tun haben, wird es Ihren Wunsch nach Ruhe nicht automatisch als persönliche Ablehnung erfahren. Ohne Klarheit über Ihre eigenen Bedürfnisse könnten Sie versucht sein, auf wenig förderliche Weise Abstand zu schaffen, indem Sie wütend auf das Kind werden oder es für „zu anhänglich“ halten.
Eine andere Form von Unterbrechung sind zum Beispiel Missverständnisse, bei denen Eltern die vom Kind übermittelte Botschaft nicht „empfangen“. Vielleicht haben sie nicht zugehört oder waren mit etwas anderem beschäftigt. Oder die Bedeutung der Signale wurde nicht richtig verstanden. Kinder drücken in Worten oft nicht genau aus, was sie im Sinn haben. Auch wenn die Botschaft zweideutig ist, möchte das Kind immer noch verstanden werden. Eltern könnten sich nur auf den äußeren Aspekt des kindlichen Verhaltens konzentrieren, wobei ihnen die tiefere Bedeutung entgeht, oder sie vermitteln selbst unvereinbare Botschaften, die Kinder sehr verwirren.
Brüche durch das Setzen von Grenzen
Es tut Kindern gut, wenn die Eltern klare Strukturen in ihr Leben bringen. Ein Kind lernt durch die von den Eltern gesetzten Grenzen, wie man sich in der Familie und im größeren Kulturkreis angemessen verhält. Das Setzen von Grenzen kann Spannungen zwischen Kindern und Eltern hervorrufen. Wenn ein Kind etwas tun möchte, das die Eltern nicht gestatten können, kann es dadurch zu einem Bruch kommen. Ein solcher Bruch stürzt das Kind in emotionalen Aufruhr und geht mit einer Trennung vom Grenzen setzenden Elternteil einher. In dieser Situation wird der Wunsch des Kindes, etwas Bestimmtes zu tun oder zu haben, von den Eltern nicht unterstützt. Dieser Mangel an gleicher Ausrichtung zwischen Kind und Eltern kann dem Kind Kummer bereiten. Eltern können den Forderungen ihrer Kinder natürlich nicht immer nachgeben.
Erfahrungen mit dem Setzen von Grenzen sind für ein Kind von entscheidender Bedeutung. Durch sie entwickelt das Kind einen gesunden Sinn für Hemmungen, bei dem es lernt, dass das, was es tun wollte, nicht sicher oder in der gegebenen Familie sozial angemessen ist. Wenn ein Kind ein „Nein“ hört, hat es das Gefühl, dass sein Wunsch oder seine Handlung „falsch“ war. Die Eltern können ihm dabei helfen, seinen Impuls in eine sozial verträglichere oder sicherere Richtung zu leiten. Der Schlüssel dazu, in einer solchen Grenzen setzenden Situation nicht den Kontakt zu verlieren, liegt darin, sich erneut an den primären Emotionen des Kindes auszurichten. Sie können die Essenz seines Wunsches nachempfinden und reflektieren, ohne den Wunsch selbst zu erfüllen: „Ich weiß, dass du jetzt gern ein Eis hättest. Aber gleich gibt es Mittagessen. Danach kannst du gern ein Eis haben.“ Das ist für das Kind eine ganz andere Erfahrung, als wenn die Eltern nur sagen: „Nein! Das bekommst du nicht.“
Dem Kind seine Gefühle lassen und ihm vermitteln, dass Sie es verstehen
In vielen Fällen können mitfühlende und reflektierende Kommentare Ihrem Kind helfen, über seine Enttäuschung hinwegzukommen. Doch wie verständnisvoll Eltern mit ihrem Kind auch umgehen, es kann trotzdem verärgert sein und auf seinem Wunsch beharren, egal was Sie sagen oder tun. Wenn Sie Ihr Kind seinen Unmut erleben lassen, ohne es dafür zu bestrafen oder ihm nachzugeben, bieten Sie ihm damit die Gelegenheit, zu lernen, sein eigenes ungutes Gefühl zu tolerieren. Sie müssen die Situation nicht in Ordnung bringen, indem Sie nachgeben oder versuchen, es von seinem unangenehmen Gefühl zu befreien. Dem Kind seine Gefühle zu lassen und ihm zu vermitteln, dass Sie verstehen, wie schwierig es ist, wenn man seinen Willen nicht bekommt, ist das Hilfreichste und Freundlichste, was Sie in diesem Moment tun können.
Ein besseres Verständnis der Dynamik einer Mutter-Kind-Beziehung erlangen
Ein Beispiel:
Es ist halb acht morgens und Mama bereitet in der Küche das Frühstück vor, während sie im Geist durchgeht, was sie heute alles zu erledigen hat. Der vierjährige Jack ist energiegeladen wie immer und versucht, an einigen Körben hochzuklettern, die neben dem Kühlschrank aufgestapelt sind.
„Kletter’ nicht da hoch. Die können leicht kippen. Was willst du überhaupt da oben?“ „Ich möchte mein Ostergras“, antwortet Jack.
Mama hat definitiv keine Lust, sich mit dem übrig gebliebenen Gras aus dem Osternest zu befassen, also lügt sie und behauptet, dass gar kein Ostergras oben auf dem Kühlschrank ist. Jack, der weiß, dass sie lügt, widerspricht ihr: „Ist es wohl!“ Mama hat ein schlechtes Gewissen, weil sie gelogen hat, holt das Ostergras herunter und reicht es ihm widerwillig mit der Frage: „Was willst du damit?“ Jack nimmt das ganze Ostergras aus dem Beutel und geht Richtung Esszimmer. „Bleib mit dem Zeug in der Küche. Ich will es nicht im ganzen Haus verteilt haben. Es verstopft den Staubsauger.“ Jack ignoriert sie, bis sie sehr streng seinen Namen ruft, und wendet sich dann wieder zur Küche. Mit den Worten „War nur ein Scherz“ geht er zu seiner Spielküche und beginnt diese mit dem Gras zu „schmücken“.
Papa sitzt am Küchentisch und liest Zeitung. Ein paar Minuten später schaut Mama herüber und sieht, dass Jack jetzt den Frühstückstisch „schmückt“. Jedes Platzset sowie der Salz- und der Pfefferstreuer sind nun mit Stücken von grünem Plastikgras bedeckt. Mama empfindet das als großes Durcheinander, um das sie sich wird kümmern müssen, und sagt streng: „Leg kein Gras auf meinen Platz.“ Jack ignoriert sie und „schmückt“ ihren Platz. „Die meisten Kinder bekommen nicht einmal Ostergras, wenn es nicht Ostern ist“, sagt sie, aber Jack ignoriert sie weiterhin. „Du hörst mir gar nicht zu“, schimpft sie.
Papa versucht sie zu unterstützen: „Deine Mutter will dort kein Ostergras.“ Aber Jack scheint taub geworden zu sein und spielt weiter. Aufgebracht schreit Mama: Nimm das Ostergras da weg!“ Papa ruft drohend Jacks Namen.
Jack, wütend darüber, dass er angeschrieen wurde, murmelt „Na gut“, entfernt das Gras vom Platz seiner Mutter und wirft es auf den Boden. Dieser offene Akt der Missachtung erzürnt Papa, der aufspringt und versucht, seinem Sohn das übrige Gras zu entreißen. „Das war’s! Weg mit dem Zeug!“, ruft er. Jack schreit und weint, versucht das Gras festzuhalten und heult: „Aber ich habe doch gemacht, was du gesagt hast! Ich habe es weggenommen!“
Der Morgen artet zu einer wilden Schreierei aus, als Mama und Papa versuchen, ihrem Sohn das Gras zu entreißen. Sie empfinden die ganze Situation als überaus unsinnig. Jack ist wütend und wird von Moment zu Moment aufgebrachter. Verärgert bieten die Eltern eine uneffektive Konsequenz als „Kompromiss“ an, bei dem das Ostergras eine „Auszeit“ bekommt und im Schrank landet. Später am Tag, als seine Eltern nicht da sind, überredet Jack seinen Babysitter, ihm das Ostergras zu geben und zuzulassen, dass er es im ganzen Haus verstreut. „Klar erlaubt Mama das“, sagt er.
Wie hätte dieser Morgen anders verlaufen können?
Eine offensichtliche Lösung wäre gewesen, das verbliebene Ostergras wegzuräumen, wenn nicht damit gespielt werden sollte. Aber so etwas lässt sich im Nachhinein immer leicht sagen. Es gibt in diesem Kommunikationsszenario viele andere Momente, in denen das Geschehen in eine positivere Richtung hätte gelenkt werden können. Schauen wir uns ein paar Möglichkeiten an.
Mama hätte die Wahrheit über das Ostergras auf dem Kühlschrank sagen und direkt die Grenze aufzeigen können: „Ja, das Ostergras ist da oben, aber du kannst jetzt nicht damit spielen. Möchtest du es dir für später aufheben, wenn wir zu Ende gefrühstückt haben?“
Wenn Mama ihm das Gras aber nun schon gegeben hätte, um ihn zu besänftigen und ihr eigenes Schuldgefühl über ihre Lüge zu lindern, bevor sie sah, welche Schwierigkeiten sich damit anbahnten? Sie hätte ihre Frühstücksvorbereitungen unterbrechen und die Situation ansprechen können, solange es nur ein kleines Ärgernis war. „Jack, so geht das jetzt nicht! Ich hätte gleich sagen sollen, ‚Kein Ostergras bis nach dem Frühstück’. Ich räume es jetzt weg und du kannst dir ja überlegen, wo du später damit spielen willst.“ Durch das frühe Setzen einer Grenze kann sie effektiver handeln und sich durchsetzen, ohne ihn zu verängstigen oder zu einem Machtkampf herauszufordern.
Es gibt keine einzelne richtige Antwort, sondern viele Möglichkeiten
Wir können uns die Szene an den Punkten, wo die Situation auf einen größeren Konflikt zusteuert, mit verschiedenen Möglichkeiten vorstellen. Was hätten die Eltern zu diesen Zeitpunkten anderes sagen oder tun können? Es gibt keine einzelne richtige Antwort, sondern viele Möglichkeiten, aus denen Eltern auswählen können. Es ist jedoch wichtig, dass die Eltern handeln und nicht nur verbal reagieren oder dem Kind drohen. Wie wir sehen können, versuchte Jack die Situation auszureizen, um zu erfahren, wann es „reichte“, denn die Grenzen waren in einem Zwiespalt gesetzt worden und es mangelte den Botschaften seiner Mutter an Klarheit und Eindeutigkeit. Sie gab ihm gemischte Signale, die ihn ermutigten herauszufinden, was sie wirklich wollte, und so fuhr er eben damit fort, die Grenzen auszutesten.
Wir müssen uns selbst darüber klar werden, welche Grenze wir setzen und welche Botschaft wir vermitteln möchten. Durch das Setzen von Grenzen zollen wir uns selbst und unseren Kindern Respekt; und das funktioniert besser, wenn wir es tun, bevor wir wütend werden.
Toxische Brüche und der untere Weg
Ein Bruch, der unter großer emotionaler Not und Verzweiflung die Verbindung zwischen Eltern und Kindern stört, kann für das Selbstgefühl eines Kindes schädlich sein. Wir nennen ihn daher einen „toxischen Bruch“. Kinder fühlen sich während solcher Reibungsmomente leicht zurückgewiesen und hoffnungslos allein. Wenn Eltern die Kontrolle über ihre Gefühle verlieren und herumschreien, das Kind beschimpfen oder sich ihm gegenüber bedrohlich verhalten, kann es zu einem solchen toxischen Bruch kommen. Dies geschieht vor allem dann, wenn ungelöste Probleme der Eltern ihren Geist und ihre Handlungen so weit irritieren, dass sie im Umgang mit ihren Kindern übermäßig ermotional und unberechenbar werden, ohne es eigentlich zu wollen. Auf diesem so genannten unteren Weg ist keine flexible und kontingente Kommunikation mehr möglich.
Diese toxischen Brüche sind für ein Kind die schlimmste Form von Beziehungsunterbrechungen, da sie oft mit einem überwältigenden Gefühl von Scham einhergehen. Dabei kommt es zu einer physischen Reaktion; Kinder können Bauchschmerzen bekommen, einen Druck in der Brust verspüren und dem Impuls folgen, den Blickkontakt zu meiden. Sie können sich herabgesetzt und zurückgewiesen fühlen und sich ab da für „schlecht“ und fehlerhaft halten.
Manchmal ist eine Rückzug nötig um zur eigenen Mitte zurückzufinden
Wenn Eltern mit unerledigten oder ungelösten Schwierigkeiten zu kämpfen haben, sind sie besonders gefährdet, mit ihren Kindern in solche Situationen zu geraten. Sie können sich in den Tiefen des unteren Weges verlieren und sind, selbst wenn sie den toxischen Bruch wahrnehmen, wahrscheinlich nicht in der Lage, ihn zu reparieren, bevor sie wieder zu sich gefunden haben. Dazu müssen sie sich oftmals zunächst vom Austausch mit ihrem Kind zurückziehen. Sie müssen nicht zwangsläufig physisch auf Abstand gehen, aber sie müssen normalerweise erst mental zu ihrer Mitte zurückfinden, um sich wieder zu beruhigen.
Anhaltende und häufige toxische Brüche können sich deutlich negativ auf das sich entwickelnde Selbstgefühl eines Kindes auswirken. Es ist wichtig, dass solche Brüche einfühlsam, wirksam und zeitig repariert werden, so dass die in der Entwicklung begriffene Identität des Kindes keinen Schaden nimmt.
Mit einem Kind gemeinsam über die innere emotionale Erfahrung einer Auseinandersetzung nachdenken
Wenn wir uns wieder ruhig fühlen und über die Situation nachdenken können, haben wir den unteren Weg verlassen. Es ist wichtig, dass wir die Verantwortung für unsere eigenen Handlungen übernehmen: Ein wichtiger Aspekt der Reparatur ist unser Eingeständnis, welche Rolle wir bei der Unterbrechung gespielt haben: „Es tut mir leid, dass ich dich angeschrien habe, als du zu spät zum Abendessen hereinkamst, ohne zuzuhören, was du mir sagen wolltest. Es wurde schon dunkel. Ich habe mir Sorgen gemacht, dass dir etwas passiert ist. Ich wollte dich mit dem lauten Geschrei nicht erschrecken, aber ich habe überreagiert. Ich hätte zuhören sollen, was du mir sagen wolltest, und dir dann sagen, warum ich mir Sorgen gemacht habe.“ Mit einem Kind gemeinsam über die innere emotionale Erfahrung einer Auseinandersetzung nachzudenken kann für Eltern und Kinder entscheidend sein. Dieses Reflektieren hilft häufig, sowohl den Bruch zu reparieren, als auch den Kindern das Gefühl von Demütigung und Scham zu nehmen, das sie erfahren, wenn sie unserem unkontrollierten Verhalten des unteren Weges ausgesetzt sind.
Reflektierende Dialoge und Diskussionen zwischen Eltern und Kindern über die innere Erfahrung konzentrieren sich auf die geistigen Elemente, die zu dem Bruch beigetragen und durch ihn erzeugt wurden. Auf diese Weise können Eltern sowohl über ihre eigenen inneren Erlebnisse und Reaktionen nachdenken als auch über die des Kindes. Ziel ist es, eine neue Ebene der gemeinsamen Ausrichtung zu erreichen, auf der sich Eltern und Kinder verstanden und verbunden fühlen und ihre Würde zurückerlangen, so dass sie sich in ihrer eigenen Haut wieder wohl fühlen.
Auch wenn man toxische Brüche vermeiden sollte, können wir sie als Chance zu tieferer persönlicher Einsicht und einem besseren gegenseitigen Verständnis nutzen. Im Verlauf der Reparatur lernt das Kind, dass es, wenn es einmal hart auf hart geht, trotzdem möglich ist, sich wieder zu verbinden und dadurch ein neues Gefühl von Nähe zu den Eltern zu erlangen.
Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:
Zum Artikel passen die Übungen von innen heraus, die ihnen eine Grundlage für eigene Reflexion über die Kommunikation mit ihren Kindern bieten können.


