Emotionale Intelligenz im Leben mit Kindern

Wie wir uns automatisches Handeln abgewöhnen können

Der intelligente Umgang mit Emotionen ist ein Thema, das vor allem durch Daniel Goleman in seinem Bestseller Emotionale Intelligenz ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht wurde. Emotionen färben unsere Wahrnehmung und starke Emotionen können uns leicht zu Handlungen hinreißen, die wir hinterher unter Umständen außerordentlich bedauern. Was bedeutet emotional intelligent zu sein? Und kann man diesen Gefühls-Verstand trainieren?

Mutter Tochter lachen Emotionen

Wie wir eine Situation wahrnehmen hängt maßgeblich von unserer Stimmung ab. Sind wir ausgeglichen und bei uns, können wir vielleicht erkennen, dass unser einjähriges Kind uns nicht zum Wahnsinn treiben möchte, wenn es immer wieder versucht, an unsere Wohnzimmerpflanze zu kommen und in der Pflanzenerde zu wühlen. Wir können die Situation mit den Augen des Kindes sehen und erkennen, dass es nur seinem Forschergeist folgt. Diese angemessene Wahrnehmung der Situation ermöglicht es uns auch eine Lösung zu finden, die es unserem Kind erlaubt diesen Forschergeist auszuleben – und zwar auf eine Art und Weise, dass wir uns sogar daran freuen können. Sind wir jedoch nicht so recht bei uns – im Stress oder in der alltäglichen Trance unserer Geschäftigkeit gefangen, werden wir vielleicht wütend und reagieren genervt oder sonst in einer Art und Weise, die dem Kind und unserer Beziehung zu ihm nicht gerade förderlich ist.

"Rechte Erziehung beginnt mit dem Erzieher, der sich selbst verstehen und von schematischem Denken befreien muss – denn was er ist, überträgt er auf andere. Wenn wir uns selbst nicht verstehen, wenn wir unsere Beziehung zum Kinde nicht erfassen – wie können wir dann überhaupt eine neue Art von Erziehung einführen?"
Jiddu Krishnamurti

In unserer Kindheit haben wir emotionale Gewohnheitsmuster entwickelt

Die Art und Weise wie wir die Welt sehen, wie wir emotional reagieren ist stark durch unsere eigene Kindheit geprägt. Wir haben emotionale Gewohnheiten oder Muster entwickelt, die wir teilweise von unserer Umgebung übernommen haben und teilweise entwickelt haben, um mit der Situation fertig zu werden, in der wir aufgewachsen sind. Sind wir von unseren Eltern gesehen und respektiert worden, so werden wir es leichter haben, unsererseits emotional angemessen zu reagieren. War dies aber nicht der Fall, so haben wir voraussichtlich einige destruktive Gewohnheiten entwickelt, die uns heute hindern, so mit unseren Kindern zu leben und umzugehen, wie wir das vielleicht gerne würden.

Die Entwicklung von emotionaler Intelligenz sieht im Umgang mit Kindern anders aus als bei Erwachsenen. Für uns bringt sie eine Art Bewusstseinsarbeit mit sich. Durch die Praxis der Achtsamkeit und dadurch, dass wir uns und unsere automatischen Gefühls- und Gewohnheitsmuster kennenlernen, gewinnen wir innere Freiheit und können anders, emotional angemessener, mit den Anforderungen umgehen, die uns im Leben begegnen. Bei Kindern ist die Situation eine andere. Kinder sind von Natur aus sozial, wenn die Bedingungen für ihr Aufwachsen entsprechend sind und wenn sie respektiert werden.

Jeder Mensch ein potentieller Buddha

Maria Montessori sagte einmal, dass mit jedem Kind Christus neu geboren würde, und dabei schwang wahrscheinlich gleichzeitig mit, dass er durch die übliche Erziehung auch immer wieder gekreuzigt wird. Im Buddhismus wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch ein potentieller Buddha ist. Das „grundlegende Gutsein“ eines jeden Menschen ist ein wesentlicher Aspekt dieser Weltanschauung, und es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir uns im Umgang mit Kindern auf dieses grundlegende Gutsein beziehen und nach Möglichkeiten suchen, dass es zum Vorschein kommen und sich entfalten kann.

Wenn wir unachtsam sind, nicht wirklich in Verbindung mit uns selbst und unseren Kindern, können sie unsere Liebe nicht erfahren – und wir werden zum Spielball unserer emotionalen Muster.

Mit Worten begleiten, was man tut

Ein Beispiel, wie Bewusstheit selbst starke emotionale Muster durchbrechen kann, erzählt Magda Gerber in einem Video zu ihrer Arbeit. Wie von der Kinderärztin Emmi Pikler gelernt, empfiehlt sie den Eltern, mit Worten zu begleiten, was sie mit ihrem Säugling tun werden: „Ich werde dich jetzt aufnehmen und zum Wickeltisch tragen. Jetzt werde ich deinen Pullover ausziehen ...“ In diesem Beispiel ging es um eine junge Mutter aus schwierigen sozialen Verhältnissen, die sehr schnell wütend wird und zur Gewalttätigkeit neigt – und dies zu ihrem eigenen Leidwesen auch mit ihrem eigenen Kind.

Die junge Frau berichtete folgende Begebenheit: Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, alles was sie mit ihrem Kind tat, mit Worten zu begleiten. Eines Morgens war sie sehr im Stress und als sich das Wickeln nicht ganz so zügig abspielen wollte, hörte sie sich sagen: „Jetzt werde ich dir die Hose anziehen und jetzt werde ich dich an die Wand ...“ In diesem Moment wurde ihr bewusst, was sie im Begriff war zu tun. Das Verbalisieren führte dazu, dass sie nicht impulsiv aus dem Bauch – also gemäß ihres destruktiven Gewohnheitsmusters – handelte, sondern sich ihres Tuns bewusst wurde und so unmittelbar innehielt. Diese Erfahrung war ein Durchbruch auf ihrem Weg, weniger automatisch zu reagieren und ihre negativen Verhaltensmuster nicht auf ihr Kind zu übertragen.

Der Zauber war gebrochen und ihre Wut verflogen

In diesem Zusammenhang gibt es eine schöne Geschichte von einer Mutter, die durch den Kontakt zu dem bekannten buddhistischen Meister Thich Nhat Hanh zur Praxis der Achtsamkeit gefunden hat. Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, wie leicht wir in unserem Alltag von unseren Gewohnheiten mitgerissen werden und wie schnell wir den Kontakt zu uns und zu dem, was wir gerade tun, verlieren. Um sich immer wieder daran zu erinneren, in den gegenwärtigen Moment zurückzukehren, war diese Familie dem Rat von Thich Nhat Hanh gefolgt und hatte in ihrem Wohnzimmer eine Klangschale aufgestellt. Immer mal wieder, wenn jemand an dieser Schale vorbeikam, oder wenn jemand merkte, dass sich eine Atmosphäre von Hast und Stress aufbaute, konnte er die Schale anschlagen. Dies war dann das Signal für alle innezuhalten, die Aufmerksamkeit nach innen auf den Atem zu richten, sich zuzulächeln und sich so einen Moment Raum zu geben, wieder bei sich anzukommen.

Wie die Mutter erzählte, hatte ihr dreijähriger Sohn den Wert dieser Praxis sehr schnell erkannt. Eines Tages, als sie gerade in Eile war, hörte sie im Nebenzimmer ein lautes Scheppern und Klirren. Als sie schon deutlich angespannt in das Wohnzimmer kam, sah sie, dass ihr Sohn bei dem Versuch eine Schale Kekse zu stibitzen, diese fallengelassen hatte, wodurch sie dann zu Bruch ging. Das war zuviel des Guten. Gerade kochten in ihr die Emotionen hoch und sie war kurz davor, ihren Sohn nicht gerade sehr achtsam und respektvoll zurechtzuweisen, als dieser schnell zu der Klangschale eilte und diese anschlug.

Es war also nun ihre Aufgabe, innezuhalten und sich nach innen zu wenden. Der Zauber war unmittelbar gebrochen und ihre Wut verflogen. Natürlich wies sie ihren Sohn dann trotzdem zurecht, aber es geschah in einer vollkommen anderen Weise, getragen von einem inneren Lachen und ohne Anwendung von Macht oder Gewalt.

Angriff oder Flucht

Vor allem unter Stress verlieren wir leicht die Kontrolle über uns und wir tun oder sagen Dinge, die wir später manchmal gar nicht mehr nachvollziehen können. Dies ist in gewisser Weise eine natürliche Reaktion, die in früheren Zeiten für unser Überleben unerlässlich war. Wenn wir in Gefahr gerieten, musste unser Organismus möglichst schnell zu Angriff oder Flucht aktiviert werden. Dazu werden bei Gefahr besondere Stresshormone wie Adrenalin ausgeschüttet, die dafür sorgen, dass wir möglichst schnell und automatisch reagieren. Die Pupillen weiten sich, unser Blick verengt sich, unser Denken ist stark eingeschränkt, Puls sowie Atmung beschleunigen sich und unser gesamter Körper wird so blitzartig in Kampf- beziehungsweise Fluchtbereitschaft gebracht.

Diese automatische Stressreaktion ist in unserer heutigen Zeit und vor allem im Leben mit Kindern natürlich wenig hilfreich. Aber sie ist es, die uns manchmal in einer Weise reagieren lässt, die uns vielleicht über uns selbst erschrecken lässt. Der erste Schritt, aus diesem Reaktionsmuster auszusteigen, besteht darin, dass wir erkennen, was sich gerade abspielt. Nur wenn uns mitten in einem solchen Anfall bewusst wird, dass wir beginnen auszurasten, können wir uns innerlich „Stop!“ sagen. Vielleicht merken wir dann, wie sich unsere Fäuste ballen, das Blut in den Kopf steigt und sich alles in uns darauf ausrichtet, das „Objekt“ unseres Stresses anzugreifen.

Kinder sind eine Chance für unser eigenes inneres Wachstum

In diesem Zustand sind wir nicht zu klarem Denken in der Lage und so mag es sehr sinnvoll sein, vielleicht erst einmal ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen, ein paar Schritte auf- und abzugehen oder sogar den Raum zu verlassen, bis wir uns wieder soweit beruhigt haben, dass wir wieder „wir selbst“ sind und die Situation auch wieder aus den Augen unseres Kindes sehen können. Sollte uns doch der Geduldsfaden reißen, ist es sehr wichtig, uns hinterher zu entschuldigen und nach Möglichkeiten zu suchen, wie wir die Umgebung oder unseren Tagesablauf in einer Weise organisieren können, dass der Stress nicht dazu führt, dass wir unsere Kinder als Last oder gar als Feind ansehen.

Vielleicht wird jetzt auch deutlicher, warum Kinder eine unvergleichliche Chance für unser eigenes inneres Wachstum sind. Das Leben mit Kindern bringt sowohl unsere besten als auch unsere hässlichsten Seiten ans Tageslicht. Unsere unschönen Seiten, unser Egozentrismus, unsere Gleichgültigkeit – all das, was wir ansonsten vielleicht unter dem Teppich halten können, kommt an die Oberfläche und bietet reichhaltiges Material, uns wirklich kennenzulernen und unser wahres Menschsein zu entwickeln. Dabei hilft es nicht weiter, uns schuldig oder schlecht zu fühlen.

Wie Jon Kabat-Zinn gerne sagt: „Elternsein ist die ganze Katastrophe!“. Auch für uns selbst gilt, uns so anzunehmen wie wir sind, mit uns selbst Freundschaft zu schließen und uns einfach auf den Weg zu machen. Unter all unseren Neurosen, Schmerzen und Wunden ist ein unbezahlbarer Schatz verborgen – unsere eigene wahre Natur.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

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