Wie wir mit inneren Warnsignalen umgehen können
Sei nicht sofort alarmiert
Das Nervensystem hat sich im Verlauf von 600 Millionen Jahren entwickelt. Während dieser Zeit wurden Geschöpfe – Würmer, Krabben, Eidechsen, Ratten, Affen, Hominiden, Menschen – die wirklich freundlich waren, die das Sonnenlicht auf den Blättern betrachteten, ganz im Zen aufgingen, im inneren Frieden versunken waren … SCHWAPP aufgefressen, weil sie nicht den Schatten über sich bemerkten oder das nahe Knacken der Zweige.
Diejenigen, die überlebten und ihre Gene weitergaben, waren nervös, unruhig, wachsam und paranoid – und wir sind ihre Ur-Urenkel und dazu geschaffen, ängstlich zu sein und uns in jeder Situation schnell unwohl zu fühlen, die zumindest ein wenig gefährlich zu sein scheint: wenn der Verkehr schneller wird, wenn du nicht genug Zeit hast, deine Emails zu lesen, ein schnippischer Kommentar eines Verwandten, mehr Neuigkeiten über die Krise der Wirtschaft, ein neuer merkwürdiger Schmerz im Rücken, nach zwei Tagen kein Anruf von jemandem, mit dem du ein Rendezvous hattest, und so weiter.
Um zu überleben…
Zudem gibt es noch mehr grundlegende Quellen für Alarm, die ständig präsent sind, selbst wenn es dir einigermaßen gut geht. Um zu überleben, müssen Tiere – einschließlich wir – ständig versuchen:
- Sich von der Welt zu trennen (z. B. durch die Haut, die persönliche Identität, die sich von anderen unterscheidet)
- Viele dynamische Systeme innerhalb des Körpers, des Geistes und in Beziehungen stabilisieren
- Vorteile suchen und Verletzungen vermeiden
Aber dabei stoßen wir auf ein Problem – jede dieser Strategien stimmt nicht mit den Tatsachen unserer Existenz überein:
- Alles ist mit allem anderen verbunden – deshalb ist es nicht möglich, Körper und Natur, mich und dich vollkommen zu trennen.
- Alles verändert sich – deshalb ist es nicht möglich, Dinge im Körper, im Geist, in Beziehungen oder in der Welt stabil zu halten. Erreichte Vorteile sind flüchtig, unhaltbar oder mit hohen Kosten verbunden und einige Verletzungen sind unvermeidbar – es ist also unmöglich, an angenehmen Dingen festzuhalten und dem Schmerz zu entkommen.
Lass falsche Alarme sein!
Immer wenn eine dieser Strategien nicht funktioniert, geht der Alarm los – das geschieht viele Male am Tag, aufgrund der Widersprüche zwischen dem, was wir für unser Überleben tun müssen, und der Natur unserer Existenz. Alarme, die unter der Schwelle unserer Aufmerksamkeit liegen, schaffen einen Hintergrund der Anspannung, Sensibilität und Reizbarkeit; die Alarme, derer wir uns bewusst werden, sind emotional und oft auch körperlich unangenehm – wie Angst, Wut oder Schmerz.
Unterschätze nicht das Ausmaß des subtilen Alarms im Hintergrund deines Körpers und Geistes. Er ist tief eingeprägt und unnachgiebig; er entsteht aus der Kollision zwischen den Bedürfnissen des Lebens und den Wirklichkeiten dieses Universums.
Obwohl diese Warnsignale eine wirksame Strategie sind, um Geschöpfe lang genug am Leben zu halten, um ihre Gene weiterzugeben, sind sie sehr ungünstig für langfristige Gesundheit und für das Wohlbefinden. Meist ist es ungerechtfertigt: Ein Warnsignal, das nicht im Verhältnis zu dem steht, was wirklich geschieht. Du fühlst dich dadurch schlecht und es programmiert dich dazu, bei deinen täglichen Schwierigkeiten, Enttäuschungen, Stress oder Problemen mit anderen übertrieben zu reagieren. Du legst deine Flügel an und machst dich klein und gehst auf Nummer sicher und hältst dich stärker am „wir“ fest und fürchtest „die anderen“. Und auf der Ebene von Gruppen und Nationen macht es diese Verwundbarkeit für Warnsignale so einfach, uns durch Angst zu manipulieren.
Ja, setze dich mit realen Gefahren und realen Verletzungen auseinander – aber lass diese falschen Alarme sein!
Versuche, subtile innere Warnsignale bewusst wahrzunehmen, wie eine Enge in der Brust oder im Gesicht, ein drückendes Gefühl im Bauch, das Gefühl, aus dem Gleichgewicht gekommen zu sein, oder ein zunehmendes Beobachten der Umgebung oder zunehmender Selbstschutz.
Dann untersuche diese Besorgnis. Wann hat sie begonnen? Was war die Ursache? Wie erfährst du sie im Körper? Welche Haltungen oder Prioritäten folgen daraus?
Sage zu dir selbst: „Ich bin es leid, ständig unnötig ängstlich zu sein.“ Denke an den Preis, den du aufgrund falscher Alarme im Verlauf der Jahre gezahlt hast: die unnötigen unangenehmen Gefühle, die Suche nach Schutz, die Behinderung deines Selbstausdrucks, das Loslassen wichtiger großer Träume.
Sei nicht alarmiert, weil du alarmiert wurdest
Erkenne, dass die meisten Alarmsignale in Wirklichkeit gar keine Signale sind: Es ist nur unangenehmer Lärm, sinnlos, wie die Alarmanlage eines Autos, die einfach weiterpiept. Reagiere nicht auf Alarme mit einem Alarm; sein nicht alarmiert, weil du alarmiert wurdest (unterscheide natürlich die Alarme, auf die du besser hörst, von denjenigen, die du ignorieren kannst).
Akzeptiere, dass das Leben manchmal, naja, alarmierend sein kann. Schlechte Dinge geschehen, es gibt Unsicherheiten, hin und wieder stürzen Flugzeuge ab, nette Leute werden von betrunkenen Autofahrern überfahren. Wir müssen einfach mit der Tatsache leben, dass wir nicht allen Kugeln ausweichen können. Wenn du im Frieden damit bist, dann versuchst du nicht länger – wegen eines Alarms – die Dinge zu kontrollieren, die unkontrollierbar sind.
Rede mit dir selbst in einer bestätigenden und unterstützenden Weise. Erinnere dich daran, dass du schon in Ordnung bist, genau jetzt, und dass die meisten Dinge, die dich nervös machen, entweder nicht geschehen werden oder nur zu kleinen und handhabbaren Schwierigkeiten führen, wenn sie doch eintreten. Erkenne deine Stärken, deine Fähigkeiten, mit alarmierenden Situationen gut umzugehen.
Beruhige deinen Körper
Ich stelle mit vor, dass ich meinem „inneren Leguan“, der in den ältesten und ängstlichsten Strukturen des Hirnstamms wohnt, den Bauch streichle und ihn dadurch tröste und Sicherheit gebe, damit er sich entspannt, wie eine Eidechse auf einem warmen Felsen. Das Gleiche tue ich mit meiner inneren Ratte oder Affen oder Höhlenmenschen: ich beruhige und öffne ständig den Körper, atme tief und lasse los, spüre innerlich Stärke und Entschlossenheit.
Ja, Alarme werden ausgelöst und Ängste tauchen auf, aber unser Gewahrsein und unsere Absichten können viel größer sein – wie der Himmel die Wolken enthält. In der Tat werden die Ängste in einem Raum der Furchtlosigkeit gehalten. Du siehst den Zickzack-Kurs und das Auf und Ab der Welt realistisch und bist im Frieden damit. Versuche im Laufe des Tages immer wieder zu dieser offenherzigen Furchtlosigkeit zurückzukehren.
Dieser Artikel stammt von Rick Hanson, Autor des Buches Das Gehirn eines Buddha. Er wurde erstmals auf seiner Website rickhanson.net unter dem Titel Don't be alarmed veröffentlicht. Übersetzung: Arbor Verlag/Mike Kauschke.
Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: Arbor Verlag/Rick Hanson




