Wie findet man zu einem mitfühlenden und liebenden Umgang miteinander?
Den goldenen Buddha in sich entdecken
Vielen Menschen glauben sie müssten sich Liebe erst verdienen und haben Zweifel, überhaupt liebenswert zu sein. All das rührt von einem grundlegenden negativen Menschenbild, das in unserer westlichen Kultur stark verankert ist. Diese Prägung reicht historisch weit zurück und ist tief in unser Bewusstsein eingebrannt – sie wirkt sich auf unser Selbstgefühl, unsere Beziehungen, die Erziehung unserer Kinder und auf die Natur selbst aus.
Können wir zurückfinden zu einem mitfühlenden, friedlichen und liebenden Umgang mit uns selbst und unseren Kindern?
Eine Begebenheit aus dem alten Thailand kann diese Situation auf anschauliche Weise deutlich machen. Es gab dort eine riesige, eindrucksvolle Buddhastatue aus Ton, die bereits mehrere Jahrhunderte überdauert hatte. Doch irgendwann zeigten sich erste Risse, die sich langsam vergrößerten, so dass eine Restauration unausweichlich schien. Eines Tages war einer der Risse so groß geworden, dass einer der für die Statue zuständigen Mönche versuchte, mit einer Fackel im Inneren der Statue etwas zu erkennen. Staunend bemerkte er einen goldenen Glanz und tatsächlich stellte sich heraus, dass unter der Tonschicht eine der größten und schönsten goldenen Buddhastatuen verborgen war. Vermutlich wurde sie in kriegerischen Zeiten mit dieser Tonschicht umgeben, um sie vor Plünderern zu schützen.
So ähnlich, wie die Menschen in Thailand nichts mehr wussten von der goldenen Statue, haben auch wir unsere wahre innere Natur vergessen. Unsere Erziehung, die Art und Weise wie wir gesehen wurden, hat uns geprägt und unseren Wesenskern – unser grundlegendes Gutsein – verhüllt. Wenn es uns nun gelingt, unsere wahre innere Natur zu entdecken und die verhängnisvolle Prägung, grundlegend schlecht zu sein, nicht an unsere Kinder weiterzugeben, so ist dies eine wahre Revolution – nicht im Sinne eines gewaltsamen Umsturzes, sondern im Sinne einer inneren Befreiung von Fesseln, die den westlichen Menschen seit Jahrhunderten in Scham, Schuld und Angst gefangen halten.
Die tiefgreifenden Auswirkungen des negativen Menschenbildes
Zunächst einmal ist da die Interpretation der „Erbsünde“ zu nennen, wie sie von der Kirche über lange Zeit vertreten wird/wurde. Sie legt nahe, dass der Mensch grundsätzlich sündig und schlecht ist und nur durch Selbsterniedrigung und durch die Absolution der Kirche selbst zumindest hoffen kann, im Jenseits Vergebung zu finden. Wird diese Sichtweise des Menschen verinnerlicht, sind Scham, Schuld und Angst tief in uns verankert, während unser strahlendes Wesen unter diesen Schichten verborgen bleibt. Ausführlich geht Joseph Chilton Pearce in seinem Buch Die Biologie der Transzendenz auf dieses Thema ein
Nicht viel besser war die Sicht von Sigmund Freud, der die menschliche Natur letztlich auch als triebgesteuert und böse angesehen hat. Auch seine Aussage, dass Säuglinge noch keine Gefühle hätten, hatte weit reichende Folgen. So wurden Operationen an Säuglingen ohne Betäubung ausgeführt und auch ansonsten wurde es nicht für nötig befunden, besonders rücksichtsvoll mit ihnen umzugehen. Laut Freud würden sie erst zu Menschen, wenn sie ein Ich entwickelt hätten – vorher seien sie nicht dazu in der Lage Gefühle zu haben.
Dies macht deutlich, wie weit sich die westliche Psychologie zu diesem Zeitpunkt nicht nur von der Natur des Menschen, sondern auch von unserer natürlichen Menschlichkeit entfernt hatte. Vielleicht war dies die Folge davon, dass sich die Psychologen und Neurologen vor allem mit psychologischen Störungen und Erkrankungen befasst haben, aber so gut wie gar nicht mit der Frage, was eigentlich die Bedingungen für psychologisches Wohlbefinden sind.
Um beim Bild der Statue zu bleiben: im Westen haben wir unserer Tonschicht, also unserem Schutzpanzer aus Ängsten, Depressionen und unserer Verwirrung, so viel Aufmerksamkeit geschenkt, dass wir vergessen haben wer wir wirklich sind.
Die Verhärtung der Tonschicht durch eine bestimmte Art von Erziehung
Darüber hinaus führt diese Verengung unserer Perspektive zu einer verzerrten Blick auf das Leben mit Kindern. Wird die Natur des Menschen als grundlegend böse, sündig oder triebgesteuert angesehen, macht dies zwangsläufig eine entsprechende Erziehung erforderlich, die diese dunklen Triebe kontrolliert bzw. bändigt, und das Kind auf diese Weise sozialisiert oder gar erst zum Menschen macht. Dabei werden Strafen bis hin zu Schlägen nicht nur in Kauf genommen, sondern oftmals als notwendig erachtet, um die grundlegend gefährliche Natur des Menschen im Zaum zu halten. Dies führt aber nicht zu einer wirklichen Sozialisierung, sondern nur dazu, dass sich die „Tonschicht“ verhärtet, während das wahre Wesen des Menschen nicht zur Entfaltung kommen kann.
Einen wichtigen Aspekt dieses Phänomens hat der Psychoanalytiker Arno Gruen beschrieben. Durch eine patriarchalische und hierarchische Erziehung, die die Individualität des Kindes nicht in Betracht zieht, sondern vor allem auf Gehorsam und Anpassung (bis hin zur Unterwerfung) Wert legt, führt zu Ohnmacht und Wut, die meist tief ins Unterbewusstsein verdrängt werden – dort aber nur darauf warten, hervor zu brechen, wenn man endlich selbst über die entsprechende Macht verfügt. Das Verrückte und Tragische an dieser Situation ist, dass diese Art der Erziehung letztlich das produziert, was sie zu verhindern versucht – was dann häufig dazu führt, dass die Repressalien noch weiter erhöht werden. So entsteht ein Teufelskreis der Unterdrückung und Gewalt, den vor allem Riane Eisler in Kelch und Schwert, durch das weibliche und männliche Prinzip in der Geschichte, sehr eindrücklich beschrieben hat.
Und was hier vielleicht noch zu erwähnen ist: die größte Chance für eine Veränderung liegt für Riane Eisler darin, wie wir unsere Kinder ins Leben begleiten.
Auf den goldenen Buddha in jedem Wesen schauen
Ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu einem neuen Leben mit Kindern ist eine Perspektive, die nicht so sehr durch die „Tonschicht“ verhaftet/getrübt ist, sondern sich auf den „goldenen Buddha“, unser grundlegendes Gutsein, besinnt. Im Leben mit Kindern heißt das, dass wir uns an der gemeinsamen Freude orientieren können, statt immer nur darauf zu schauen, was nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen. Jeden Tag gibt es Gelegenheiten, sich auf das zu besinnen, was uns mit unseren Kindern verbindet – das innere Band der Liebe und des Wohlwollens.
Und auch, wenn diese Verbindung und Freude immer wieder verloren gehen oder durch negative Emotionen verhüllt werden – wir können uns ihrer erinnern. Und dies hat eine tiefgreifende Wirkung auf unsere Beziehung zu unseren Kindern. Und nicht nur das: stellen wir uns vor, wie es sich auf das Lebensgefühl eines Menschen auswirkt, wenn er oder sie immer wieder die Erfahrung macht: „Ich bin eine Freude für meine Eltern“. Das heisst nicht, dass wir ständig in Begeisterung ausbrechen müssen, wenn wir unsere Kinder sehen – es ist vielmehr eine subtilere, aber deswegen nicht minder wirksame Realität. Unser Selbstgefühl hängt wesentlich davon ab, wie wir von unserer Umgebung gesehen wurden. Dies wird verinnerlicht wie die Muttersprache – es wird Bestandteil unseres Denkens und Fühlens, ob wir dies wollen oder nicht. Mit der Sicherheit, eine Freude für seine Eltern zu sein, kann sich auch ein positives Selbstgefühl des Kindes entwickeln, das für sein ganzes weiteres Leben von großer Bedeutung ist. Aus eigener Erfahrung wissen die meisten von uns nur allzu gut, wie schwierig es ist, alte negative Selbstbilder als solche zu erkennen und hinter uns zu lassen.
Das grundlegende Gutsein – oder wie in der Geschichte der goldene Buddha – ist nicht nur ein schönes Bild, sondern eine erfahrbare Realität. Die Praxis der Achtsamkeit oder auch die Essentielle Gestaltarbeit sind Wege, uns aus der Tonschicht zu befreien und uns mit unserem Wesenskern zu verbinden. Und das Leben mit Kindern ist dabei eine besonders gute Gelegenheit.
Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:
Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: Arbor Verlag/Lienhard Valentin


