Wenn Kinder nicht gehorchen

„Wir müssen jetzt gehen" - oder doch nicht? – Fragen an Naomi

Woher wissen Sie, was Sie in einem bestimmten Alter von Ihrem Kind erwarten können? Meine Antwort lautet: beobachten Sie es. Was das Kind tut, ist der lebende Beweis dafür, was es tun sollte. Das Gleiche gilt auch für Sie: Sie tun die ganze Zeit Ihr Bestes und jeder Versuch von außen, Sie zu verändern, stört nur. Ihr Kind wird so schnell erwachsen wie es ihm möglich ist. Wenn jemand so schnell rennt wie er kann, kommt er durch Anschieben nur zu Fall.

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Frage:
Mein Sohn scheint nicht auf das zu hören, was ich ihm sage. Ich bin völlig verwirrt. Ich weiß einfach nicht, ob ich etwas falsch gemacht habe. Er müsste mir doch zuhören, wenn ich ihm sage, dass wir jetzt den Park verlassen müssen, dass er sich fertig machen muss, dass er am Tisch sitzen soll, dass er seine Jacke anziehen oder dass er still sein soll, oder nicht?

Antwort:
Ihr Gedanke „Er sollte auf das hören, was ich sage“ ist die Ursache Ihrer Verwirrung. Weder Sie noch ich können sicher sein, dass er nicht zuhört, wir können auch nicht wissen, ob er überhaupt zuhören soll. Ich vermute eher, dass hinter Ihrer Aussage die Erwartung steht: er tut nicht was ich sage. Wenn ein Kind nicht gemäß unserer Logik handelt, sagen wir, es „hört nicht auf uns“. Wollen Sie denn wirklich, dass Ihr Kind Ihnen gehorcht, nur weil Sie größer und älter sind? Wollen Sie, dass es Angst vor Ihnen hat und entgegen seiner Intuition handelt?

Den meisten Eltern ist es ein großes Anliegen, dass ihre Kinder selbständig denken lernen, dass sie niemandem blind gehorchen, dass sie lebensbejahend und selbstbewusst sind. Wir hoffen, dass sie sich gegenüber sexueller Belästigung, Drogen, Fast Food, der großen Verführungskraft der Supermärkte und der Medien behaupten können. Warum sollten Sie Ihr Kind zum Nachgeben erziehen? Wenn es selbstbewusst und stark sein soll, muss es auf sich selbst hören. Ich entnehme Ihren Worten, dass Ihr Sohn dies bereits tut. Dieses Selbstvertrauen befähigt ihn, selbst zu entscheiden, auf wen er hört und wann, und worauf er reagiert.

Warum fällt es Ihnen so schwer darauf zu vertrauen, dass die Reaktion Ihres Kindes genau die Richtige ist, indem es gerade nicht tut, was Sie sagen? Die Antwort ist: ihr Kopf setzt alles daran, Sie von Ihrem gesunden Menschenverstand und von Ihrer Liebe abzuschneiden. Bestärkt durch Medien, Großeltern und Freunde sagt Ihnen Ihr Kopf, dass Ihr Kind anders sein sollte als es ist, auch wenn Sie dies in Ihrem Innersten nicht glauben. Wenn Ihr Kind nicht mit anderen teilt oder sich nicht alleine anzieht, schreit in ihrem Kopf eine Stimme „er sollte ...“. Wenn Sie Ihrem Kopf die Führung überlassen, nehmen Sie Ihr Kind nicht mehr wahr, das sehr wohl seinen Weg geht; sein Zeitplan stimmt exakt.

Wenn es soweit ist…

Richten Sie Ihr Augenmerk auf die Bereiche, in denen Sie Vertrauen haben und seien Sie Ihr eigener Lehrer: haben Sie Ihr Baby aus Ihrem Uterus (oder dem Uterus Ihrer Frau) bereits nach 8 Monaten herausgepresst, damit es auch wirklich lernt zu atmen? Haben Sie ihm das Laufen oder das Sprechen beigebracht? Wenn Sie sich die Bereiche anschauen, in denen Sie tiefes Vertrauen haben, können Sie erkennen, dass die anderen Bereiche, in denen Ihr Kopf Ihnen befiehlt, dass Sie sich Sorgen machen müssen, sich nicht wirklich von ersteren unterscheiden.

Ihr Kind wird lesen, wenn es soweit ist, es wird sich alleine anziehen, wenn es soweit ist, es wird sich benehmen, wenn es soweit ist, es wird mit anderen teilen, wenn es soweit ist, und es wird für sich selbst kochen, wenn es soweit ist. Seien Sie einfach da und nehmen Sie Ihr Kind wahr: Sie werden dies alles bestätigt finden.

Heißt das, dass Sie gar nichts tun sollen?

Natürlich nicht. Doch anstatt ihren Sohn zu dirigieren, gehen Sie auf ihn ein, so wie er wirklich ist. Ihr Kopf wird vermutlich jammern und vor Angst schreien; wenn Sie diesen Bedenken nachgeben, werden Sie leiden und Ihren Sohn davon abhalten, sich selbst zu vertrauen. Richten Sie stattdessen Ihre Aufmerksamkeit auf seine Absichten, dann stehen Sie ihm nicht im Wege und können dafür sorgen, dass seine Bedürfnisse befriedigt werden.

Schauen Sie genau hin: was steht hinter Ihrer Erwartung, dass er auf Sie hören soll? Was können Sie daraus lernen? Er hört Sie, und er weigert sich zu tun, was Sie sagen. Hören Sie ihm zu, wenn er zum Ausdruck bringt, was er will? Und hören Sie sich selbst zu? Tief in Ihrem Innern wissen Sie, was angemessen ist: Sie möchten, dass Ihr Sohn sich selbst vertraut und sein Leben selbst in die Hand nimmt. Ich habe eine gute Nachricht für Sie: er tut es bereits.

Der Versuch, andere dazu zu bringen, auf Sie zu hören oder zu tun, was man von ihnen verlangt, ist zwecklos. Sie haben jedoch Macht über sich selbst; Sie können zuhören. Wenn Sie zuhören – und zwar in einem weiteren Sinn – planen Sie die Dinge so, dass weniger Konflikte entstehen und das Leben weniger anstrengend ist und fließt.

Genau zuhören, auf Bedürfnisse eingehen und Alternativen finden

Während einer Telefonberatung erzählte mir ein in Australien lebender Vater, dass sein Sohn sich weigere, eine Mütze zu tragen, wenn die Sonne scheint. Wie Sie war auch er der Meinung, dass sein Kind ihm „zuhören“ sollte. Unter „zuhören“ verstand er: tun was er sagte. Doch entgegen aller Erklärungen des Vaters riss sich der Junge die Mütze vom Kopf. Ich fragte den Vater, ob er es sich gefallen lassen würde, wenn ihm jemand eine Mütze, eine Jacke oder einen Schal anziehen würde, obwohl er es nicht für richtig hielte. Er musste sofort zugeben, dass er dies nicht zulassen würde und freute sich über die Tatsache, dass sein Kind mit solcher Selbstverständlichkeit für sich selbst sorgt.

So weit so gut, aber er muss doch eine Mütze aufsetzen, oder nicht? Als dieser Vater zuhörte, konnte er verstehen, dass der Junge keine Mütze tragen wollte. Obwohl der Vater dem Jungen erklärte, warum dies so wichtig war, war das Kind offensichtlich nicht überzeugt.
Als er den Anspruch aufgab, dass der Junge auf ihn „hören“ sollte, gelang es dem Vater, ein paar Alternativen zu finden: Aktivitäten so gestalten, dass sie im Schatten stattfinden können; mit dem Jungen in ein Geschäft gehen und eine Mütze aussuchen, die ihm gefällt; mit ihm ein Video anschauen, in dem erklärt wird, warum es wichtig ist, eine Mütze zu tragen; im Haus bleiben; die Aufenthalte im Freien auf die frühen Morgenstunden und die Abendstunden beschränken, wenn die Sonne nicht mehr so stark ist; mit Sonnencreme eincremen; ein Sonnensegel über dem Sandkasten anbringen oder den Sandkasten an einen schattigen Platz im Garten verlegen.

Was geschah in diesem Fall? Dieser Vater hörte zu. Er sagte zu seinem Sohn: ich sehe, dass Du keine Mütze tragen möchtest. Ich mache mir Sorgen, dass Du einen Sonnenbrand bekommst. Kannst Du mir sagen, was Dich an der Mütze stört? Das Kind antwortete und der Vater stellte noch mehr Fragen, solange bis er genau wusste, welche Mütze dem Jungen gefallen würde und welche Alternativen es gäbe.

„Wir“ müssen nicht wirklich

Folgendes Beispiel ist ebenso typisch. Die Eltern sagen: „Sie hört nicht auf das, was ich zu ihr sage, wenn es Zeit ist, nach Hause zu gehen“. Wenn Sie ihr zuhören, können Sie wahrnehmen, dass sie mehr Zeit auf dem Spielplatz braucht, und dass Sie besser planen sollten: nehmen Sie etwas zu essen mit, Wechselkleider, Ersatzwindeln für das Baby, planen Sie weniger aber dafür längere Aktivitäten im Freien usw.

Es kann natürlich vorkommen, dass Sie gehen müssen, bevor Ihr Kind genug gespielt hat. Ihr Kind wird Ihnen zuhören, wenn Sie offen, ehrlich und freundlich mit ihm sprechen. „Wir müssen jetzt nach Hause gehen“ ist autoritär und unehrlich. „Wir“ müssen nicht wirklich gehen. Sie wollen nach Hause gehen. Das Baby muss versorgt werden, und das ist einfacher, wenn Sie zu Hause mit ihm sind; Ihnen ist vielleicht kalt oder Sie haben Hunger; Sie sind ungeduldig; Sie würden gerne zu Abend essen etc. Nichts davon ist wirklich zwingend und die Wünsche des Kindes sind ebenso dringend.

Wir gebrauchen oft Phrasen wie „es ist Zeit“, „lass uns“ oder „wir müssen“, und verbergen dahinter unser „ich will“, das aufrichtiger wäre. Es ist nicht überraschend, dass Kinder viel positiver reagieren, wenn wir ehrlich ihnen gegenüber sind und sie tun viel lieber etwas Ihnen zuliebe als einem fiktiven „wir“ oder „es ist“.

„Ich sehe, dass Du weiterspielen möchtest. Ich würde gerne bald nach Hause gehen.“

Wenn Sie authentisch sind, sagen Sie etwa zu Ihrem Kind: „Ich sehe, dass Du weiterspielen möchtest. Ich würde gerne bald nach Hause gehen. Wie oft möchtest Du noch 
rutschen bevor wir gehen?“ Die meisten Kinder würden eine realistische Zahl wie 5 oder 10 nennen. Aber selbst 100 Mal rutschen geht vorbei und die meisten Kinder würden viel früher die Lust am Rutschen verlieren. Solch ein aufrichtiger Prozess, der durch Wohlwollen und Respekt geprägt ist, ist friedvoll und er ist es wert, dass Sie warten.

Natürlich bewahren Sie das Kind vor Gefahren oder Situationen, in denen es sich wehtun könnte; doch selbst dann geht es nicht darum, dass das Kind auf Sie hören muss. „Sie sollte auf das hören, was ich sage“ (was soviel bedeutet wie: tun was ich sage) hilft mir nicht weiter, solange sie es nicht tut. Wenn Sie diese Wahrheit anerkennen, ist das sehr hilfreich und kann sogar lebensrettend sein. Wenn Ihr kleines Kind auf die Straße rennt, hat es Ihnen ganz offensichtlich nicht zugehört. Wenn Sie akzeptieren, dass es einfach nicht auf Sie hört, werden Sie in anderer Weise dafür sorgen, dass es vor Gefahren geschützt ist. Ihrem Kind zuzuhören heißt, dass Sie es kennen und darauf eingehen, was in Wirklichkeit geschieht, statt auf Ihren Vorstellungen zu beharren.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Übersetzung: Elke Rentz

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: Arbor Verlag/Naomi Aldort