Warum stecken sich Babys immer alles in den Mund?

Wie sich die Sinneswahrnehmung unserer Kinder, als Brücke zur Außenwelt, entwickelt

Sinneseindrücke sind unsere Brücke zur Außenwelt. Durch sensorische Informationen lernen Säuglinge die Welt kennen. Weil Wahrnehmung mit allen Lebensbereichen in Zusammenhang steht, ist ihr Lernen stark von ihrer Entwicklung und Ausprägung bestimmt. Nach und nach lernen Babys durch ihre Sinne Erfahrungen zu bewertenm, Schlüsse zu ziehen und beginnen so sich in der Welt zurechtzufinden.
Wenn wir erst einmal verstanden haben, wie unvoreingenommen die ganz Kleinen schmecke, fühlen, riechen, hören und sehen, wird uns klar, wie bewusst ihre Wahrnehmung stattfinden kann.

Warum stecken sich Babys immer alles in den Mund?

© Joscha Falck

Bea erforscht ein paar Perlen. Sie sieht sie an, nimmt vielleicht die unterschiedlichen Farben wahr. Sie schaut zu ihrer Betreuerin, während sie die Perlen befühlt und ihre Form und Beschaffenheit erkundet. Sie nimmt sie in den Mund und lächelt dann ihre Betreuerin an, als sie hört: „Du scheinst diese Perlen ja wirklich zu mögen Bea. Wie schmecken sie?“ Sie sieht weiterhin die Betreuerin an, wendet sich dann aber zur Mitte des Raumes, als sie hört, dass eine andere Betreuerin bemerkt, die Kinder sollten sich für einen kleinen Imbiss fertig machen. Sie schnuppert ein wenig und scheint den Geruch des Maisbrotes im Backofen wahrzunehmen – den Geruch, der bereits seit zehn Minuten im Raum liegt. Sie lässt die Perlen fallen und krabbelt hinüber in den Bereich des Raumes, in dem alles für den Imbiss vorbereitet worden ist.

Haben Sie bemerkt, wie viele unterschiedliche Sinne Bea einsetzte, um die Perlen zu erforschen? Zudem schien sie die Worte der Betreuerin, die Gerüche aus der Küche und die Vorbereitungen im Essbereich zu nutzen, um zu der Vorausahnung zu kommen, dass es bald Essen geben würde.

Sensorische Informationen müssen koordiniert werden

Sehr kleine Kinder sind im Leben sofort damit beschäftigt, Informationen zu sammeln und zu nutzen. Unter Sinnesempfindung versteht man die Stimulation der Sinnesorgane (zum Beispiel der Augen, Ohren und Geschmackszellen), und Wahrnehmung ist die Fähigkeit, diese sensorische Information aufzunehmen und zu organisieren. Von Natur aus neigen wir dazu, in der Welt nach Ordnung und Stabilität zu suchen, und tun dies auf immer differenziertere Art und Weise, wenn wir älter werden.

Sensorische Information sorgt für eine wichtige Verbindung zu allen anderen Entwicklungsbereichen. Das in diesem Bereich stattfindende Lernen kann als ein dynamisches System angesehen werden – „dynamisch“ insofern, als es ein sich im Zuge unseres Wachsens und Reifens ständig wandelnder Prozess ist, und „System“, weil es permanent andere Wachstumsbereiche beeinflusst. Denken Sie an Bea – sie war offensichtlich in der Lage, eine ziemlich große Menge an sensorischer Information zu koordinieren! Wenn Säuglinge und Kleinkinder Erfahrungen wiederholen, beginnen sie, daraus bedeutsame Schlüsse über die Menschen und Objekte in ihrer Welt zu ziehen. Nervenbahnen, oder die Dendritenverbindungen zwischen Gehirnzellen, werden gestärkt, wenn die Kinder Sinneseindrücke sammeln, nutzen und von ihnen profitieren.

Sämtliche Sinnesinformationen werden kombiniert und integriert

Das zunehmende öffentliche Bewusstsein für frühe Gehirnentwicklung bestätigt, was viele Eltern und Betreuerinnen schon lange wissen – das Lernen von Säuglingen und Kleinkindern hängt mit anderen Bereichen zusammen, und das Wachstum in einem Bereich hat Einfluss auf das Wachstum in einem anderen. Sensorische Integration ist der Prozess des Kombinierens und Integrierens von Informationen sämtlicher Sinne und von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der Wahrnehmung.

Wenn Säuglinge sich ihrer Sinneserfahrung bewusst werden, können sie Menschen voneinander unterscheiden und Bindungen entwickeln. Sie lernen, ihre Körper auf bestimmte Art zu bewegen, um neuer sensorischer Information Rechnung zu tragen. Sie beginnen einen Zusammenhang zwischen dem, was sie durch einen Sinn (beispielsweise Sehen) über ein Objekt oder eine Person gelernt haben, und dem, was sie durch einen anderen Sinn gelernt haben (vielleicht Berühren), herzustellen. Diese Wechselbeziehung zwischen Sinneserfahrung und motorischer Erfahrung ist stark und liefert die Basis für die kognitive Entwicklung. Kleine Kinder brauchen Sinneserfahrungen und viel Gelegenheit, um sie zu wiederholen, wenn sie die Möglichkeit haben sollen, gesunde Lernwege im Gehirn zu entwickeln. Investieren Sie also Zeit, um an der Entwicklung des vollständigen Menschen zu arbeiten.

Eine Übung:

Versuchen Sie einmal die folgende Übung, damit Sie sich Ihrer eigenen Wahrnehmung bewusster werden und auf diese Weise die eines Säuglings besser verstehen können:

1.
Wählen Sie etwas zu essen aus, dessen Geschmack und Geruch Sie mögen (ein Minzezweig, ein Stück Apfel), und nehmen Sie es mit an einen Ort, an dem Sie ungestört sind.

2.
Schalten Sie außer Riechen und Schmecken alle Sinne aus. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit dann auf das, was sie sich zum Riechen und Schmecken mitgebracht haben. Konzentrieren Sie sich zuerst nur auf Ihren Geruchssinn, dann auf Ihren Geschmackssinn. Wenn Sie diese vollständig erforscht haben, legen Sie das Stück weg. Achten Sie darauf, wie die Sinnesempfindung nachlässt. Machen Sie erst weiter, wenn das Aroma verflogen ist.

3.
Werden Sie sich Ihres Körpers bewusst. Spüren Sie die Stellen an Ihrem Körper, an denen Ihre Kleidung Sie berührt, an denen Sie Druck fühlen. Schenken Sie diesen Sinnesempfindungen Ihre Aufmerksamkeit. Wechseln Sie Ihre Stellung und achten Sie auf die Veränderungen, die Sie fühlen.

4.
Seien Sie sich Ihres Körpers in Bezug auf den Raum, den er einnimmt, bewusst. Fühlen Sie den Raum um Sie herum. „Spüren Sie“, ohne etwas zu berühren, wo Ihr Körper aufhört und der Raum beginnt. Erkunden Sie die Beziehung zwischen Ihrem Körper und diesem Raum. Versuchen Sie Ihren Körper auszudehnen und zusammenzuziehen; ändern Sie den Raum, den er einnimmt.

5.
Wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit nun von Ihrem ganzen Körper zu Ihren Händen. Erkunden Sie Ihre Umgebung mit den Händen und achten Sie dabei auf die Beschaffenheiten der Oberflächen und auf die Formen, auf die Ihre Hände treffen. Achten Sie nur auf das, was Ihre Fingerspitzen fühlen.

6.
Wenden Sie Ihre Konzentration von Ihren Händen zu Ihren Ohren. Schenken Sie allem Ihre Aufmerksamkeit, das durch Ihre Ohren in Sie hineinströmt. Suchen Sie nun das Geräusch aus, das Ihnen am nähesten ist, und hören Sie es sich aufmerksam an. Wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit als Nächstes dem Geräusch zu, das am weitesten von Ihnen entfernt ist. Stellen Sie nun fest, ob Sie sich auf Geräusche konzentrieren können, die aus Ihrem Inneren kommen. Wenden Sie sich schließlich im Geiste allen Geräuschen auf einmal zu und nehmen Sie sie auf, ohne sie zu ordnen.

7.
Wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit nun Ihren Augen zu. Öffnen Sie Ihre Augen. Sehen Sie sich um. Fokussieren Sie auf ein Objekt in Ihrer Nähe. Stellen Sie fest, ob Sie das Objekt zum Verschwinden bringen können, indem Sie nur auf die Zwischenräume um den Gegenstand herum- und zwischen seinen einzelnen Teilen hindurchsehen. Konzentrieren Sie sich für etwa eine Minute auf diese negativen Räume. Beziehen Sie dann mehr Objekte mit ein. Sehen Sie sie sich aufmerksam an. Konzentrieren Sie sich anschließend auf den Raum um die Objekte herum und zwischen ihnen. Wenden Sie Ihre Konzentration vom Raum zurück auf die Objekte und wieder zurück auf den Raum. Versuchen Sie, sich nur auf den Hintergrund zu konzentrieren, dann auf den Vordergrund, dann auf ein einzelnes Objekt. Lassen Sie Ihren Blick dann verschwimmen.

8.
Kehren Sie zurück in Ihren normalen Wahrnehmungszustand.
Reflektieren Sie jetzt über die Reihenfolge, in der Sie Ihre Sinne erlebt haben.

Die Reihenfolge der Sinnesnutzung

Wenn Sie die Übung wie vorgesehen durchgeführt haben, gingen Sie von der Wahrnehmung mittels eines örtlich genau definierten physischen Kontakts (Ihren Geschmackszellen) über zu ganzkörperlichem Kontakt (Ihrer Haut). Anschließend nahmen Sie mit zwei Sinnen wahr, die über den physischen Kontakt hinausgehen – Hören und Sehen. Mit diesen beiden erfassten Sie aus der Entfernung Ereignisse oder Objekte.

Säuglinge lernen ihre Sinne in fast derselben Reihenfolge zu nutzen. Als Erstes sind sie am meisten auf Wahrnehmungen angewiesen, die direkt und körperlich sind, insbesondere auf solche, die durch ihren Mund einströmen. Der Mund eines Säuglings ist in den ersten fünf Lebensmonaten sein wichtigstes Lernwerkzeug.
Wenn Säuglinge heranwachsen, lernen sie, sich „auszudehnen“, indem sie auf die Sinne schalten, die Informationen aus der Entfernung überbringen.

Diese Fähigkeit, sensibel auf Erfahrung zu reagieren und sich auf bestimmte Aspekte von ihr zu konzentrieren, ermöglicht die Entwicklung eines Organisationsprozesses. Dieser Prozess ist ein neurologischer – er kann nicht gesehen werden. Aber wir können sehen, wie Säuglinge sich auf ihre Erfahrungen einstellen. Obwohl alle Sinne in Funktion sind, erkennen Säuglinge anfangs nicht, dass die Information, die sie von diesen Sinnen empfangen, Kontinuität besitzt. Sie können noch nicht wahrnehmen, dass sich Ereignisse wiederholen, oder sie interpretieren. In kurzer Zeit jedoch werden Verbindungen zwischen einzelnen Ereignissen klar. Zum Beispiel werden sich weinende Säuglinge beruhigen, wenn sie realisieren, dass das Hören einer bestimmten Stimme oder der Anblick eines bestimmten Gesichts bedeuten, dass es nun Nahrung gibt oder die betreffende Person sich um sie kümmern wird.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

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