Achtsam Essen Praxisprogramm

An dieser Stelle bieten wir Ihnen das gesamte von Jan Chosen Bays entwickelte Trainingsprogramm an.

Dieses Programm ist ein Ratgeber, wie man Achtsamkeit beim Essen lernen kann. Achtsamkeit ist eine Fähigkeit, die jeder erlernen kann. Sie kann auf alles, was uns in unserem Leben begegnet, angewandt werden. Sie hängt nicht von unserem Alter, Geschlecht, unserer Intelligenz, unserer Muskelkraft, unserer musikalischen oder sonstigen Begabung oder unserer Fähigkeit, Fremdsprachen zu sprechen, ab. Wie bei jeder Fertigkeit erfordert das Entwickeln von Achtsamkeit Übung, gewissenhafte Übung – und zwar über eine beträchtliche Zeitdauer. Im Gegensatz zu manchen Dingen, die man lernen kann, wie etwa Geigespielen, bringt Achtsamkeit einen sofortigen Erfolg mit sich. Mit Achtsamkeit können wir sogar Lebensmittel essen, die wir nicht besonders mögen, und dabei etwas Nützliches entdecken.

Birnenschmaus

© Yvonne Paulus/photocase

In diesem Programm geht es nicht um Diäten oder Regeln. Es geht darum, das zu erforschen, was wir bereits innehaben, und alles wertzuschätzen, was wir tun. Werden Sie ab- oder zunehmen, wenn Sie beim Kochen und Essen Achtsamkeit ins Spiel bringen? Ich weiß es nicht. Jedoch könnte eine Last von Ihnen fallen: die Unzufriedenheit des Geistes mit der Art, wie Sie essen, und mit dem, was Sie essen. Und Sie können etwas dabei gewinnen: die schlichte Freude an Lebensmitteln und den entspannenden Genuss beim Essen. Beides steht Ihnen als Mensch von Geburt an zu.

Wir müssen alle essen. Dies ist eine grundlegende Voraussetzung zum Leben. Unglücklicherweise sind nur wenige alltägliche Aktivitäten derart mit Schmerz und Leid, mit Schuldgefühl und Scham, mit unerfüllter Sehnsucht und Verzweiflung beladen wie der einfache Vorgang, unserem Körper Energie zuzuführen. Wenn wir lernen, achtsam zu essen, kann sich Essen für uns von einer Quelle des Leids in eine Quelle der Erneuerung, des Selbstverstehens und der Freude verwandeln.

Vieles in den hier vorgestellten Übungen hat damit zu tun, das Gewahrsein unseres Körpers und Geistes zu öffnen. Wenn wir in der Lage sind, die grundlegenden Tätigkeiten des Essens und Trinkens wirklich zu schätzen, entdecken wir ein altes Geheimnis, das Geheimnis, wie man zufrieden und entspannt sein kann. In der Zen-Lehre wird vom köstlichen Geschmack einfachen Wassers gesprochen. Sind Sie schon einmal sehr, sehr durstig gewesen? Vielleicht sind Sie lange gewandert, waren krank oder haben ohne Pause in der Sommerhitze gearbeitet. Als Sie endlich etwas trinken konnten, auch wenn es nur einfaches Wasser war, erinnern Sie sich gewiss, wie wunderbar es geschmeckt hat. Tatsächlich kann jeder Schluck eines Getränks und jeder Bissen Essen ebenso erfrischend und köstlich sein, wenn wir wieder lernen, einfach bei uns zu sein.

Achtsamkeit beim Essen ist eine Möglichkeit, eins der angenehmsten Dinge, die wir als Menschen tun, wiederzuentdecken. Es lässt uns auch viele wunderbare Geschehnisse bemerken, die sich vor unserer Nase und in unserem eigenen Körper abspielen. Überdies trägt Achtsamkeit beim Essen überraschenderweise dazu bei, dass wir auf die natürliche Weisheit unseres Körpers und die natürliche Fähigkeit unseres Herzens für Offenheit und Dankbarkeit zurückgreifen.
In der Zen-Tradition bemühen wir uns bei allem, was wir tun, einschließlich des Schmeckens und Essens, um geübte Aufmerksamkeit, um Neugier und eine forschende Haltung. Die Zen-Lehren ermutigen uns, den jeweiligen Augenblick ganz zu erforschen und uns Fragen wie zum Beispiel die folgenden zu stellen:

Habe ich Hunger?
Wo spüre ich Hunger? Welcher Teil von mir ist hungrig?
Wonach sehne ich mich wirklich?
Was schmecke ich jetzt im Moment?

Dies sind sehr einfache Fragen, aber wir stellen sie nur selten. Diese Übungen werden Ihnen helfen, Antworten auf einige dieser Fragen zu finden, und sie werden Ihnen Werkzeuge an die Hand geben, um auch in Zukunft weiterhin Antworten entdecken zu können.

Achtsamkeit macht das Essen schmackhaft

Während ich dies schreibe, esse ich ein Zitronentörtchen, das mir ein Freund geschenkt hat. Er weiß, wie sehr ich Zitronentörtchen mag, und bringt mir ab und zu welche aus einer speziellen Bäckerei mit. Nachdem ich nun ein paar Stunden lang geschrieben habe, möchte ich mich mit einem Törtchen belohnen. Der erste Bissen ist köstlich. Cremig, süßsauer, auf der Zunge zergehend. Als ich den zweiten Bissen esse, denke ich darüber nach, was ich als Nächstes schreiben soll. Der Geschmack in meinem Mund wird schwächer. Ich esse einen dritten Bissen und stehe auf, um meinen Bleistift zu spitzen. Beim Gehen merke ich, dass ich kaue, doch in diesem dritten Bissen ist fast kein Zitronengeschmack mehr. Ich setze mich, mache mich wieder an die Arbeit und warte ein paar Minuten ab.
Dann esse ich einen vierten Bissen und konzentriere mich ganz auf das, was ich rieche, schmecke und in meinem Mund spüre. Wieder köstlich! Ich entdecke wieder aufs Neue (ich lerne langsam), dass die einzige Möglichkeit, die Erfahrung des ersten Bissens zu bewahren, das Geschenk von meinem Freund zu ehren, darin besteht, langsam und mit langen Pausen zwischen den einzelnen Bissen zu essen. Wenn ich beim Essen irgendetwas anderes tue, wenn ich rede, gehe, schreibe oder auch nur denke, wird der Geschmack schwächer oder verschwindet ganz. Das Leben schwindet aus meinem schönen Törtchen. Ich könnte ebenso gut den Karton essen.

Und jetzt kommt der lustige Teil. Ich habe das Zitronentörtchen nicht mehr geschmeckt, weil ich nachgedacht habe. Worüber habe ich nachgedacht? Über Achtsamkeit beim Essen! Als mir das klar wird, muss ich grinsen. Ein Mensch zu sein, ist jämmerlich und lustig zugleich.
Warum kann ich nicht nachdenken, herumgehen und gleichzeitig den Geschmack des Törtchens ganz bewusst wahrnehmen? Ich kann diese Dinge nicht alle gleichzeitig tun, weil der Geist zwei getrennte Funktionen hat, Denken und Gewahrsein. Wenn die Funktion Denken im Vordergrund steht, tritt die Funktion Gewahrsein in den Hintergrund. Wenn die Funktion Denken auf Hochtouren läuft, können wir eine ganze Mahlzeit, einen ganzen Kuchen, eine ganze Packung Eis essen, ohne mehr als einen oder zwei Bissen zu schmecken. Wenn wir das, was wir essen, nicht schmecken, kann es sein, dass wir hinterher zwar vollgestopft, aber völlig unbefriedigt sind. Das liegt daran, dass der Geist und der Mund nicht präsent waren, beim Essen nicht schmeckten und somit nicht genießen konnten. Der Magen füllte sich, doch der Geist und der Mund fanden keine Erfüllung und beide drängten uns weiter zum Essen.

Wenn wir uns nicht befriedigt fühlen, fangen wir an, nach mehr oder etwas anderem, das wir essen können, zu suchen. Jeder hat schon die Erfahrung gemacht, in der Küche herumzulaufen, Schränke und Türen aufzumachen und vergebens etwas zu suchen, irgendetwas, was uns befriedigen könnte. Die einzige Möglichkeit, diese grundlegende Art von Hunger zu stillen, besteht darin, sich hinzusetzen und wenigstens für ein paar Minuten ganz präsent zu sein.
Wenn wir beim Essen in Verbindung bleiben mit unserer eigenen Erfahrung und mit den Menschen, die das, was wir essen, angebaut und gekocht haben, die es serviert haben und die mit uns essen, werden wir höchste Befriedigung empfinden, auch wenn es nur ein karges Mahl ist. Das ist das Geschenk des achtsamen Essens: Es gibt uns das Gefühl der Befriedigung wieder, ganz gleich, was wir essen oder nicht essen.

Verbreitete Irrtümer

Manche Leute wissen nicht recht, was Achtsamkeit ist. Sie glauben, achtsam zu sein, wenn sie einfach nur eine Sache auf einmal tun, etwa essen, ohne zu lesen, oder wenn sie sich sehr, sehr langsam und sorgfältig bewegen. Wir können aufhören zu lesen, das Buch zuschlagen und dann langsam essen und dennoch nicht darauf achten, was wir essen. Essen wir einfach oder denken wir beim Essen? Ist unser Geist in unserem Mund oder irgendwo anders? Das ist ein entscheidender Unterschied.

Wenn wir anfangen, uns in Achtsamkeit zu üben, ist es durchaus sehr hilfreich, langsamer zu werden und nur jeweils eine Sache gleichzeitig zu tun. Ja, dies sind zwei wesentliche Aspekte der Einführung von Achtsamkeit beim Essen: langsamer zu werden und ohne Ablenkungen zu essen. Wenn wir geübter darin werden, präsent zu sein, können wir sowohl achtsam als auch schnell sein. Wir stellen sogar fest, dass wir sehr viel achtsamer sein müssen, wenn wir uns schnell bewegen. Achtsam zu sein bedeutet, darauf zu achten, und zwar ganz darauf zu achten, was jetzt geschieht. Wenn man mit einem scharfen Messer Gemüse schneidet, muss man umso aufmerksamer sein, je schneller man schneidet, wenn man seine Finger behalten will!

Wichtig ist auch zu verstehen, dass achtsames Essen achtloses Essen einschließt. Im weiten Feld der Achtsamkeit können wir uns der Tendenz zu achtlosem Essen bewusst werden und merken, wann wir ihr nachgeben. Wir können auch je nach Situation und Zeit entscheiden, mit welchem Anspruch wir an das Essen herangehen wollen. Im Rahmen meiner Arbeit als Ärztin muss ich bisweilen als Gutachterin vor Gericht aussagen. Vielleicht bin ich gerade auf dem Weg zum Gericht und habe keine Zeit zum Mittagessen gehabt. Ich weiß, dass es schwer sein wird, im Zeugenstand einen klaren Kopf zu behalten, und dass Gerichtsverhandlungen unvorhersehbar sind. Vielleicht muss ich stundenlang da bleiben. Ich entschließe mich achtsam zu achtlosem Essen und bestelle einen Veggie-Burger von einem Fast-Food-Drive-In, um ihn im Auto zu essen, wobei ich mich wenigstens bemühe, achtsam genug zu sein, um mein gutes Kostüm nicht mit der Spezialsauce zu bekleckern. Durch Achtsamkeit werden wir uns dessen bewusst, was wir tun, und oft auch, warum wir es tun.

Eine gesunde Beziehung zum Essen aufbauen

Wenn unsere Beziehung zum Essen aus dem Gleichgewicht gerät, geht unsere angeborene Freude am Essen verloren. Wenn die Beziehung schon seit vielen Jahren gestört ist, vergessen wir leicht, wie es ist, „normal“ zu essen. Eigentlich müsste es heißen: Wie es war, „normal“ zu essen, denn in der frühen Kindheit hat fast jeder eine natürliche Freude am Essen und ein instinktives Bewusstsein dafür erlebt, wie viel befriedigend war.

Einige Elemente einer gesunden Beziehung zum Essen sind:

1. Sie fühlen sich glücklich und vom Leben ganz in Anspruch genommen, wenn Sie nicht essen. (Essen ist nicht Ihre einzige verlässliche Quelle der Freude und Befriedigung.)
2. Wenn Sie keinen Hunger haben, essen Sie auch nicht.
3. Sie hören auf zu essen, wenn Sie sich satt fühlen, und können auch Essen auf dem Teller liegen lassen.
4. Es gibt bei Ihnen Intervalle von mindestens mehreren Stunden, in denen Sie keinen Hunger haben und nicht ans Essen denken, unterbrochen von (Mahl)Zeiten, zu denen Sie Hunger haben und das Essen genießen.
5. Sie genießen es, viele verschiedene Lebensmittel zu essen.
6. Sie haben ein gesundes Körpergewicht, das stabil ist oder innerhalb einer Bandbreite von zwei bis drei Kilo schwankt. Sie brauchen sich nicht öfter als einmal alle paar Monate oder Jahre zu wiegen.
7. Sie machen sich nicht ständig Sorgen wegen des Essens und zählen keine Kalorien, um zu entscheiden, ob Sie es sich „leisten“ können, etwas zu essen oder nicht.

Wenn einer dieser Punkte oder alle nicht auf Sie zutreffen, sind Sie nicht allein. Viele von uns haben aufgrund verschiedener Einflüsse in unserem Leben ungesunde Gewohnheiten entwickelt. (Dazu mehr in Kapitel 3.) Zum Glück kann Achtsamkeit beim Essen dazu beitragen, Ihr natürliches Gleichgewichtsgefühl, Ihre Befriedigung und Ihre Freude am Essen wiederherzustellen.

Über die Übungen

Es kann schwer sein, etwas, das zu Verlegenheit und Selbstkritik führt, ehrlich zu betrachten. Jedoch können wir unseren Kampf mit dem Essen nur durchschauen und einen Weg hinaus finden, wenn wir ihn ehrlich betrachten.
Die hier vorgestellten Übungen entstammen den Übungen, Workshops und Retreats zum Thema Achtsamkeit beim Essen, die ich in den letzten beiden Jahrzehnten geleitet habe. Manchen Menschen (einschließlich mir) fällt es schwer, die Anleitungen für eine Übung zu lesen und gleichzeitig die Übung durchzuführen. Aus diesem Grund haben wir in Ergänzung zum Buch diese geführten Übungen mit entsprechenden Anleitungen produziert.

Es ist nicht einfach, das wichtige Thema Essen ganz alleine zu bearbeiten. Vielleicht hilft es Ihnen, einen Partner zu finden oder eine Gruppe zu gründen, die das dazugehörige Buch liest und sich gemeinsam an den Übungen versucht. In unseren Workshops diskutieren wir, nachdem wir eine Übung durchgeführt haben, darüber, was wir erlebt und festgestellt haben. Diese Gespräche können lustig, bewegend, traurig oder enthüllend sein. Ein Gefühl warmer Verbundenheit und Unterstützung entwickelt sich, wenn wir entdecken, dass wir mit unseren Anstrengungen nicht alleine sind. Auf www.mindfuleatingbook.com finden Sie einen Leitfaden zur Benutzung des Buches im Rahmen eines Kurses oder einer Gruppe.

Es ist wichtig die Übungen wirklich durchzuführen. Achtsamkeit beim Essen ist nichts Theoretisches und lässt sich nicht allein durch das Lesen eines Buches erreichen. Vielmehr beruht Achtsamkeit beim Essen auf Erfahrung. Nur eine echte Erfahrung erweckt die Wahrheit in unserem Körper und Herzen zum Leben. Ich könnte Ihnen immer wieder sagen, welchen Wert Achtsamkeit beim Essen haben kann, doch es kann Ihnen keine Befriedigung verschaffen, solange Sie es nicht ausprobieren. Im Zen-Buddhismus gibt es den Satz: „Ein gemalter Reiskuchen stillt keinen Hunger.“ Die einzige Möglichkeit, den Hunger Ihres Körpers zu befriedigen, besteht darin, den Reiskuchen zu essen. Die einzige Möglichkeit, den Hunger in Ihrem Herzen und Geist zu stillen, besteht darin, den Reiskuchen achtsam zu essen.
Alles, dem wir sorgfältig und geduldig unsere Aufmerksamkeit schenken, wird sich schließlich für uns öffnen. Sobald es uns gelingt, die Macht eines konzentrierten Geistes anzuwenden, wird potentiell alles sein wahres Herz für uns offenbaren. Diese Verbindung von Herz zu Herz mit uns selbst, mit unseren Lieben und mit der Welt selbst ist es, wonach wir uns alle so sehr sehnen. Wir können sie in einer so schlichten Tätigkeit wie dem Essen eines Stücks Brot finden. Wir brauchen dazu nur ein bisschen Mut und die Bereitschaft, das wunderbarste aller Abenteuer, die Reise des Sehens, Riechens, Schmeckens und Spürens zu beginnen.