Mein Lieblingsbuch
Vorgestellt von Cordula Kolarik
Liebe und Eigenständigkeit
Alfie Kohn plädiert für ein bedingungsloses Annehmen von Kindern – so, wie sie sind und nicht so, wie wir sie gerne hätten. Zwar ist er durchaus dafür, Ziele bei der Erziehung zu haben. Aber er lehnt das heute so weitverbreitete Kalkül ab, das mit Verhaltensplänen Menschen zurechtzubiegen sucht und den Blick des Kindes stets nur auf den eigenen Vorteil und auf die Frage: "Was hab ich davon?" richtet.
Insofern ist Alfie Kohn ein Moralist – was vielleicht nicht unserem Zeitgeist entspricht, oder im Rahmen eines Verlagsprogramms unter dem Titel "Achtsamkeit" zunächst überraschen mag.
Ich bin jedoch überzeugt, dass es in einer Konkurrenz- und Ellbogengesellschaft wie der unsrigen ganz besonders vonnöten ist, moralisch zu denken, den Blick auf den anderen zu richten und sich in andere einzufühlen. Dazu eine Passage aus meiner Übersetzung des Buches:
"Ich habe bereits erwähnt, dass es nicht ausreicht, Kindern zu sagen, es sei falsch, anderen wehzutun; wir müssen ihnen helfen, darüber nachzudenken, warum es falsch ist.
Also, warum ist es falsch?
Eine mögliche Antwort besteht in einem Appell an das Eigeninteresse. Dies ist, wie gesagt, die Antwort, die durch eine Bestrafung ausgedrückt wird, ohne dass wir es in Worte zu fassen brauchen. Kinder lernen, dass sie anderen nicht wehtun sollen, weil sie bestraft werden, falls man sie erwischt. Manche Eltern setzen zwar eher auf Erklärungen als auf autoritäre Drohungen, doch bei den von ihnen angeführten Gründen geht es im Grunde um das gleiche Motiv. „Wenn du gemein zu deinen Mitschülern bist, will niemand mit dir befreundet sein.“ „Wenn du andere schubst, schubst dich irgendwann mal einer zurück – oder noch schlimmer.“ Auf ähnliche Weise erklären solche Eltern vielleicht, der Grund dafür, anderen zu helfen, sei, dass dies dem Kind letztlich zugute kommen werde: „Wenn du Marsha mit deinem Roller fahren lässt, lässt sie dich vielleicht nachher mit ihren Legosteinen spielen.“ Mit anderen Worten: Die Leute werden dich so behandeln, wie du sie behandelt hast.
Sehen Sie das Problem? Diese Strategie fördert überhaupt keine echte Anteilnahme daran, was andere empfinden. Vielmehr fördert sie nur egoistische Schlauheit. Manche Kinder können versucht sein, anderen wehzutun, falls sie eine Möglichkeit finden, unangenehme Auswirkungen auf sich selbst zu vermeiden – und sie fragen sich vielleicht, warum sie sich die Mühe machen sollten, anderen zu helfen, wenn sie keine Gegenleistung dafür bekommen."
In einer Gesellschaft, in der im Umgang miteinander nur das Prinzip gilt: "Welche Gegenleistung könnte ich dafür bekommen?", möchte ich nicht leben, und ich wünsche mir, dass meine Kinder zu anderen Menschen werden. Das Ziel dabei, einem anderen zu helfen, sollte doch schlicht darin bestehen, dass derjenige sich freut – und nicht darin, dass er mir vielleicht auch einmal hilft.
Seine Freude kann ich natürlich nur mitempfinden (und mich selbst darüber freuen), wenn ich seine Perspektive einnehme. Auch dieser Aspekt ist für Alfie Kohn zentral:
"Den eigenen Blickwinkel zu verlassen, zu überlegen, wie die Welt für einen anderen Menschen aussieht, ist, wenn man darüber nachdenkt, eine der erstaunlichsten Fähigkeiten des menschlichen Geistes."
Als Übersetzerin ist es für mich eine Voraussetzung meiner Arbeit, die Perspektive eines anderen einzunehmen. Bei diesem Buch hat mir das ganz besonders Freude gemacht.
Zur Person:
Cordula Kolarik ist als Übersetzerin für den Arbor-Verlag tätig.
Sie studierte Literaturübersetzen an der Universität Düsseldorf und hat bisher 22 Bücher aus dem Englischen übersetzt, u.a. Romane und Erzählungen. Für den Arbor Verlag hat sie neben dem Buch von Alfie Kohn auch Von der Erziehung zur Einfühlung von Naomi Aldort und Achtsam essen von Jan Chozen Bays ins Deutsche übertragen; demnächst erscheint "Mindful Motherhood" von Cassandra Vieten in ihrer Übersetzung.


