Mein Lieblingsbuch

Lothar Scholl-Röse

Vorgestellt von Lothar Scholl-Röse

Ein gesundes, alterndes Gehirn

Von einem alten Buddhisten hätte man eigentlich erwarten können, dass er als sein Lieblingsbuch vom Arbor Verlag ein buddhistisches vorstellt. Tut er aber nicht.

Trotzdem möchte ich zu Anfang eine buddhistische Begebenheit erzählen: Der Laienanhänger Nakulapitā kam zum Buddha und bat um Belehrung: Alt sei er geworden, sehr alt, und krank sei sein Körper, beständig krank … Der Buddha erwiderte ihm: „Da hast du dich, Hausvater, darin zu üben: ‚Mag auch der Körper siech sein, der Geist soll mir nicht siech werden!‘ (…)

Auf die Antwort des Buddha und die nachfolgenden Ausführungen will ich hier nicht weiter eingehen (allerdings für Neugierige: nachzulesen im Samyutta-Nikāya XXII. 1), möchte aber in diesen Kontext ein wunderbares Buch stellen, dessen Anliegen es ist, zu zeigen, dass und wie man das Gehirn bis ins hohe Alter gesund und funktionsfähig erhalten kann: Louis Cozolino, Ein gesundes, alterndes Gehirn.

Die Entdeckung der neuronalen Plastizität bereitete schon vor Langem den Weg, die traditionellen Vorstellungen vom Gehirn und vom Altern in Frage zu stellen, die Annahme z. B., dass das Gehirn mitsamt dem Rest des Körpers mit 65 Jahren in Rente zu gehen habe. (Wissen Sie übrigens, warum wir alle mit 65 in Rente geschickt werden? – Cozolino wird es Ihnen erzählen.)
Den Gefahren, die mit diesen Vorstellungen verbunden sind – Untätigkeit im Alter, Nicht-mehr-Gebraucht-Werden, Isolation usw. –, will Cozolino mit seinem Buch entgegentreten und einen Beitrag für „eine neue, ausgewogene Geschichte des Alterns“ leisten: Das Gehirn ist lebenslang veränderbar, anpassungs- und lernfähig und es ist vor allem ein soziales Gebilde, das durch Beziehungen lebt und gerade im Alter einen wichtigen Beitrag zum sozialen Leben leisten kann.

Cozolino schreibt im Vorwort, das Gehirn sei nicht nur ein soziales Gebilde, sondern auch etwas Persönliches, so wie die Konfrontation mit der Realität des eigenen Alterns: Dies habe ihn beim Schreiben immer wieder beschäftigt.
Mich haben die Ausführungen und Geschichten über die Großelternschaft besonders berührt. Ich selbst hatte das Glück, mit einer Großmutter aufzuwachsen, und konnte in den letzten Jahren beobachten, welche Rolle die Großeltern für meinen Sohn spielten. Vieles ist mir inzwischen durch dieses Buch klarer geworden – und vor allem: Ich freue mich darauf, irgendwann einmal selbst Großvater zu werden. Cozolino zitiert Lois Wyse: „Wenn ich gewusst hätte, wie wunderbar es ist, Enkelkinder zu haben, hätte ich sie als Erstes bekommen.“ Nun denn …

Es ist ein schönes, spannendes und lehrreiches Buch, das für mich persönlich zum Besten gehört, was ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Ein gesundes, alterndes Gehirn

Zur Person:

Lothar Scholl-Röse ist freiberuflicher Lektor des Arbor Verlags. Nach Studien in den Fachrichtungen Indologie, Philosophie, Vergl. Religionswissenschaft, Soziologie, Psychologie und dem Hauptstudium Erziehungswissenschaft (Dipl.-Päd.) lehrte er 30 Jahre Deutsch als Fremdsprache. Er beschäftigt sich seit über vierzig Jahren mit Buddhismus (Pâli-Buddhismus und Sôtô-Zen) und ist als freiberuflicher Lektor bei Verlagen, Werbeagenturen, Stiftungen und Privatpersonen für unterschiedliche Medien tätig.