Mein Lieblingsbuch
Vorgestellt von Ulrich Pfeifer-Schaupp
Aus Liebe zum Leben
Was Rachel Naomi Remen uns in diesem Buch schenkt, sind wirklich Geschichten, die der Seele gut tun. Man kann sie immer wieder lesen, sich daran freuen, oder sie vorlesen und anderen damit eine Freude machen. Beides tue ich sehr gern.
Aus Liebe zum Leben lag lange Zeit auf meinem Nachttisch. Ich habe es inzwischen sicher schon drei Mal gelesen. Und ich nehme den Band auch gerne mit zu Kursen, lese daraus vor und empfehle ihn meinen Weiterbildungsteilnehmerinnen und Studenten.
Rachel Remen erzählt Geschichten aus ihrem eigenen Leben, aus ihrer jüdischen Familie und von ihren Patienten. Sie gab ihre Karriere als Kinderärztin in Stanford auf und entschloss sich, ihr Leben der psychotherapeutischen Arbeit mit sterbenden Menschen, vor allem Krebspatienten, zu widmen. Ihre eigene schwere Krankheit und die Erfahrungen als Ärztin haben sie geöffnet für die spirituelle Dimension des Lebens. Sie entdeckte die Weisheit ihres Großvaters wieder („My Grandfathers Blessings“ ist der amerikanische Originaltitel). Der Großvater, ein alter Rabbiner, erzählte ihr als kleines Kind Geschichten aus der hebräischen Bibel, dem Talmud und der chassidischen Tradition. Die Eltern wollten die Tochter „aufgeklärt“ erziehen und vor den Geschichten des Großvaters, die sie für religiösen Humbug und Aberglauben hielten, schützen. Aber irgendwann, in der Mitte ihres Lebens, begann sie sich an diese alten Geschichten zu erinnern und entdeckte in ihnen die Wurzeln und den tragenden Grund ihres Lebens.
So lässt sie die alten Geschichten und die Segnungen ihres Großvaters auch für uns lebendig werden – verwoben mit der Weisheit aus anderen Traditionen. Sie erzählt von erstaunlichen Begegnungen:
z.B. Von einem westlichen Arzt, der eine tiefe innere Berührung beim Treffen mit dem Leibarzt des Dalai Lama erlebt.
Sie erzählt, wie wir auf ganz einfache Weise das Leben in anderen Menschen stärken können. Wie wir lernen können, die Segnungen wahrzunehmen, die uns geschenkt werden und die wir oft übersehen: „Manchmal haben wir unser Leben derart mit anderen Dingen vollgestopft, dass einfach kein Platz mehr bleibt, unsere Segnungen auch aufzunehmen.“
Sie erzählt vom Tod ihrer Mutter, die am Ende ihres Lebens die Hühner zählt, die sie während ihres langen Lebens gegessen hat.
Von Menschen mit schweren Krankheiten, die mitten in ihrer schwierigen Situation zu Freude erwachen: „Menschen mit einer schweren Krankheit haben oft sehr viele Dinge losgelassen; ihre Erkrankung hat zum ersten Mal in ihrem Leben zu einer Öffnung geführt.“
Es ist ein Buch, das jeder und jede lesen sollte, der oder die einen helfenden Beruf ausübt. Denn man kann daraus lernen, worauf es im Leben wirklich ankommt und was beim Helfen und Heilen noch zählt, außer Wissen und Können.
Zur Person:
Ulrich Pfeifer-Schaupp ist Autor des Buch Achtsamkeit in der Kunst des (Nicht) Helfens, das 2010 im Arbor Verlag erschienen ist.
Er ist Professor für Sozialpsychiatrie, systemische Beratung, Achtsamkeit und Buddhismus an der Evangelischen Hochschule in Freiburg in Breisgau und Leiter des Freiburger Instituts für systemische Therapie und Beratung.


