Gesunder Wettkampf?

Wieso Konkurrenz unseren Kindern schadet

Es mag extrem klingen, aber manche Dinge sind nicht nur deshalb schlecht, weil sie übertrieben werden. Manche Dinge sind an sich destruktiv. Wettkampf, was bedeutet, dass jemand nur Erfolg haben kann, wenn andere unterliegen, ist eines dieser Dinge.

Wettkampf Konkurrenz Kinder Judo

Für viele Menschen der westlichen Länder ist es typisch, dass sie im Hinblick auf Wettkampf nur zwei legitime Standpunkte kennen: Er wird entweder begeistert betrieben oder eingeschränkt befürwortet. Nach der ersten Auffassung ist es umso besser, je mehr wir unsere Kinder (und uns selbst) Wettbewerb aussetzen. Wettkampf stärke den Charakter und führe zu hervorragenden Leistungen. Die zweite Haltung gesteht ein, dass unsere Gesellschaft von der Notwendigkeit, Nummer Eins zu sein, zu sehr eingenommen ist. Dass wir unsere Kinder zu sehr und zu schnell antreiben, Sieger zu werden – aber sie besteht darauf, dass Wettbewerb gesund sei und Spaß mache, wenn wir es nicht übertreiben.

Früher gehörte ich zum zweiten Lager. Nachdem ich das Thema ein paar Jahre lang untersucht und mir die Forschungsergebnisse der Psychologie, Soziologie, Biologie und Erziehungswissenschaft und anderer Gebiete angesehen habe, bin ich überzeugt, dass keine der beiden Positionen richtig ist.

Das Problem liegt an der Konkurrenz an sich

Es stimmt, dass Wettbewerb eine schlechte Sache ist, aber nicht nur, wenn wir sie übertreiben oder falsch anwenden. Das Problem liegt an der Konkurrenz an sich. Die Antwort auf die Frage, wie viel Konkurrenz für unsere Kinder gut ist, lautet: überhaupt keine, und die Wendung „gesunder Wettkampf“ ist schon ein Widerspruch in sich.

Denken Sie einen Moment lang an die Ziele, die Sie für Ihre Kinder haben. Wahrscheinlich möchten Sie, dass sie ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln, dass sie sich als Menschen akzeptieren, die im Grunde gut sind. Sie möchten, dass sie erfolgreich werden, dass sie die hervorragenden Leistungen erbringen, derer sie fähig sind. Sie wollen, dass sie liebevolle und unterstützende Beziehungen haben. Und Sie möchten, dass sie ihr Leben genießen. Dies sind schöne Ziele. Aber man braucht nicht nur keinen Wettkampf, um sie zu erreichen – Wettkampf untergräbt diese Ziele sogar.

Wettkampf ist für das Selbstwertgefühl wie Zucker für die Zähne

Die meisten Menschen unterliegen in den meisten Konkurrenzsituationen, und es ist offensichtlich, warum das zu Selbstzweifeln führt. Aber sogar Gewinnen stärkt nicht den Charakter. Es hat nur zur Folge, dass sich ein Kind vorübergehend damit brüstet. Untersuchungen haben gezeigt, dass Selbstwertgefühle als Folge von Konkurrenz von äußeren Quellen der Bewertung abhängig werden. Der eigene Wert wird durch das definiert, was man getan hat. Schlimmer noch – man sieht sich als guten Menschen im Verhältnis zu der Anzahl Menschen, die man geschlagen hat.

In einer von Wettbewerb bestimmten Kultur wird einem Kind gesagt, dass es nicht reicht, wenn man gut ist – man muss besser als andere sein. Erfolg wird dann als Sieg definiert, auch wenn das in Wirklichkeit zwei ganz verschiedene Dinge sind. Auch wenn das Kind es schafft zu gewinnen, wird die ganze Sache, psychologisch gesehen, zu einem Teufelskreis: je mehr man konkurriert, umso mehr muss man konkurrieren, um sich gut zu finden.

Als ich dieses Argument in einer Talkshow vorbrachte, wurden meine Einwände von den Eltern eines siebenjährigen Tennischampions namens Kyle abgetan, der zusammen mit mir in der Sendung auftrat. Kyle hatte immer gewonnen, seit man ihm im Alter von zwei Jahren einen Tennisschläger in die Hand gedrückt hatte. Aber ganz am Ende der Show fragte ihn jemand aus dem Publikum, wie es ihm ginge, wenn er verlor. Kyle ließ den Kopf sinken und antwortete mit dünner Stimme: „Ich schäme mich“.

Kooperation statt Konkurrenz

Dies bedeutet nicht, dass Kinder keine Disziplin und kein Durchhaltevermögen entwickeln sollten oder, dass sie nicht ermutigt werden sollten, erfolgreich zu sein oder, dass sie sich leicht mit Niederlagen abfinden sollten. Aber nichts davon verlangt Gewinnen und Verlieren. Wenn Gemeinschaft im Klassenzimmer und auf Sportplätzen von Kooperation geprägt ist und nicht von Konkurrenz, geht es Kindern besser. Sie arbeiten mit anderen, statt gegen sie, und ihr Selbstwertgefühl hängt nicht davon ab, dass sie einen Buchstabierwettbewerb oder ein Spiel mit der Jugendmannschaft gewinnen.

Kinder haben trotz – nicht durch – Konkurrenz Erfolg. Die meisten von uns haben gelernt zu glauben, dass wir in unserer Arbeit unser Bestes geben, weil wir im Wettbewerb mit anderen stehen und, dass wir ohne Konkurrenz fett, faul und mittelmäßig würden. Es ist eine unbewiesene Annahme, die in unserer Gesellschaft sehr verbreitet ist. Und sie ist falsch.

Es ist gut belegt, dass die Produktivität leidet, wenn am Arbeitsplatz Konkurrenzverhalten herrscht. Die Forschung im Klassenzimmer ist sogar noch überzeugender. David Johnson, ein Professor für Sozialpsychologie an der University von Minnesota, und seine Kollegen haben alle Untersuchungen über das Thema zwischen 1924 und 1980, die sie finden konnten, ausgewertet. 65 der Untersuchungen waren zu dem Ergebnis gekommen, dass Kinder besser lernen, wenn Sie kooperieren, als wenn sie konkurrieren. Acht kamen zum entgegengesetzten Ergebnis, und 36 konnten keinen signifikanten Unterschied feststellen.

Und was ist mit Kreativität?

Die Psychologin Teresa Amabile von der Brandeis University war mehr an Kreativität interessiert. In einer Studie forderte sie Kinder auf, „alberne Collagen“ zu machen. Die Probanden einer Gruppe bewarben sich mit ihren Arbeiten um einen Preis, die anderen taten das nicht. Sieben Künstler bewerteten dann unabhängig voneinander die Arbeit der Kinder. Es stellte sich heraus, dass diejenigen, die versuchten, einen Preis zu gewinnen, Collagen herstellten, die viel weniger kreativ waren – weniger spontan, komplex und vielfältig – als die der anderen.

Forscher im ganzen Land haben einer nach dem anderen die Schlussfolgerung gezogen, dass Kinder nicht besser lernen, wenn Erziehung und Unterricht zu einem von Konkurrenz bestimmten Kampf gemacht wird. Warum? Erstens macht Konkurrenz Kinder oft ängstlich, und das belastet ihre Konzentrationsfähigkeit. Zweitens erlaubt Konkurrenz ihnen nicht, ihre Talente und Ressourcen miteinander zu teilen. Deshalb können sie nicht voneinander lernen. Und schließlich lenkt es sie von dem ab, was sie lernen sollen, wenn sie sich anstrengen, die Nummer Eins zu sein. Es kann paradox erscheinen, aber wenn ein Schüler sich auf die Belohnung konzentriert (auf eine Eins oder eine Trophäe), dann leidet darunter sein Interesse an dem, was er tut. Das Ergebnis: die Leistung lässt nach.

Kinder können trotzdem erkennen, wie gut sie sind

Nur weil es kontraproduktiv ist, wenn man Kinder zwingt, sich anzustrengen, einander zu übertreffen, heißt das nicht, dass sie nicht im Blick behalten können, wie gut sie sind. Es ist kein Problem für sie, ihre Leistungen an einem objektiven Maßstab zu messen (wie schnell sie laufen, wie viele Fragen sie richtig beantwortet haben) oder daran, wie ihre Leistung gestern oder im vergangenen Jahr war. Wenn uns die intellektuelle Entwicklung unserer Kinder am Herzen liegt, müssen wir sehen, dass es einfach nicht funktioniert, wenn man Lernen zu einem Wettrennen macht.

Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht alle einen Wettbewerb gewinnen. Wenn ein Kind gewinnt, kann ein anderes nicht gewinnen. Dies bedeutet, dass jedes Kind andere Kinder schließlich als Hindernisse für seinen eigenen Erfolg zu sehen lernt. Bruchrechnen und Tore kann man vergessen, denn dies ist die eigentliche Lektion. Konkurrenz bringt Kinder dazu, Sieger zu beneiden, Verlierer geringzuschätzen und fast jedem zu misstrauen. Wettbewerb macht es schwer, andere als potentielle Freunde oder Gefährten zu betrachten: Auch wenn du heute nicht mein Rivale bist – morgen könntest du es sein.

Dies bedeutet nicht, dass Konkurrenten einander immer verabscheuen. Aber wenn man versucht, jemanden auszustechen, stärkt das nicht das Vertrauen. Bestenfalls führt Wettbewerb dazu, andere misstrauisch zu beobachten, schlimmstenfalls lädt er zu unverhüllter Aggression ein. Schon bestehende Beziehungen werden bis zum Äußersten belastet, während neue Freundschaften oft im Keim erstickt werden.

Mehr Empathie und Großzügigkeit durch Kooperation

Wenn Kinder miteinander konkurrieren, sind sie weniger in der Lage, die Perspektive anderer einzunehmen. Eine Studie hat schlüssig belegt, dass konkurrierende Kinder weniger empathisch waren als andere. Eine andere hat gezeigt, dass konkurrierende Kinder weniger großzügig sind.

Durch Kooperation gelingt es andererseits wunderbar, dass Kinder sich gegenseitig helfen, effektiv miteinander kommunizieren, anderen vertrauen und diejenigen akzeptieren und annehmen, die anders sind, als sie selbst. Konkurrenz macht es schwerer, diese Ziele zu erreichen, und resultiert oft in offen antisozialem Verhalten. Wir haben die Wahl: Wir können den einzelnen Kindern die Schuld geben, die schummeln oder täuschen, gewalttätig werden oder sich zurückziehen, oder wir können der Tatsache ins Auge sehen, dass Konkurrenz an sich für solche hässlichen Dinge verantwortlich ist.

Die Untersuchungen zeigen auch, dass Konkurrenz zwischen Gruppen nicht besser ist als Konkurrenz zwischen Individuen. Kinder müssen sich nicht gegen einen gemeinsamen Feind verbünden, um die Freuden der Kameradschaft kennen zu lernen oder Erfolg zu erleben. Wirkliche Kooperation verlangt nicht, dass man über eine andere Gruppe triumphiert.

So lernen Kinder Spaß

Wenn man einmal innehält und darüber nachdenkt, dann ist es bemerkenswert, dass wir unseren Kindern als Freizeitvergnügen hoch strukturierte Spiele beibringen, bei denen ein Einzelner oder eine Mannschaft einen anderen oder eine andere Mannschaft besiegen muss.

Nehmen Sie eines der ersten Spiele, das unsere Kinder spielen lernen: Die Reise nach Jerusalem. Man nimmt einen Stuhl und in jeder Runde fällt ein Kind raus, bis ein zufriedener Sieger einen Platz hat und alle anderen von dem Spiel ausgeschlossen wurden. Sie kennen die immer ein wenig bittere Szene von Geburtstagsfeiern: die Musik wird angehalten und jemand wird zu einem Verlierer, der gezwungen ist, den Rest des Spieles an der Seite der anderen unglücklichen Kinder auszuhalten. So lernen Kinder Spaß in Amerika.

Terry Orlick, ein kanadischer Experte für Spiele, schlägt vor, das Ziel der Reise nach Jerusalem so zu verändern, dass die Kinder aufgefordert werden, sich auf Stühle zu setzen, deren Zahl Runde für Runde abnimmt. Am Ende versuchen sieben oder acht kichernde, glückliche Kinder, sich auf einen einzigen Stuhl zu quetschen. Alle haben Spaß und es gibt keine Gewinner oder Verlierer. Was für Die Reise nach Jerusalem gilt, gilt für jede Form von Aktivität für die Freizeit. Mit ein wenig Phantasie kann man Spiele erfinden, bei denen das Hindernis in der Aufgabe selbst enthalten und nicht eine andere Person oder Mannschaft ist.

Spiele ohne Wettkampf sind beliebt

Eigentlich verlangt keine einzige der guten Wirkungen, die man Sportarten oder wettkampfartigen Spielen zuschreibt, Wettbewerb. Kinder können eine Menge körperlicher Betätigung bekommen, ohne gegeneinander zu kämpfen. Spiele, die auf Kooperation beruhen, ermöglichen allen, miteinander zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten, ohne zu Gegnern füreinander zu werden. Als Terry Orlick einer Gruppe von Kindern Spiele ohne Wettkampf beibrachte, wurden sie von zwei Dritteln der Jungen und allen Mädchen den Spielen vorgezogen, die Gegner verlangen. Wenn sich unsere Kultur unter guter Unterhaltung nur Wettbewerbe vorstellen kann, dann kann das daran liegen, dass wir die Alternative nicht ausprobiert haben.

Wie können Eltern in einer von Wettbewerb bestimmten Welt ein Kind aufziehen, das sich nicht an Konkurrenz orientiert? Konkurrenz wirkt sich destruktiv auf das Selbstwertgefühl von Kindern aus. Sie stört sie beim Lernen, sabotiert Beziehungen, und man braucht sie nicht, damit es einem gut geht. Aber wie kann man ein Kind in einer Kultur aufziehen, die all das noch nicht verstanden hat? Indem Sie Ihr Kind konkurrenzbewusst machen, damit er oder sie in die „reale Welt“ passt? Das ist für das Kind – aus den hier genannten Gründen – nicht wünschenswert, und man gibt damit das Gift der Konkurrenz an die nächste Generation weiter.

Wie wir arbeiten und spielen und leben können

Es gibt hier keine leichten Antworten, doch man kann Kinder über Konkurrenz aufklären. Man kann sie auf die destruktiven Kräfte vorbereiten, denen sie begegnen werden. Man kann sie mit den Argumenten gegen Konkurrenz bekannt machen, so wie man sie über die Gefahren von Drogenmissbrauch oder rücksichtslosem Fahren aufklärt.

Sie werden entscheiden müssen, wie viel Kompromiss angebracht ist, damit Ihr Kind nicht ausgeschlossen wird und es in einer Gesellschaft, die von Wettbewerb bestimmt ist, keinen Spott auf sich zieht. Aber wenigstens können Sie Ihre Entscheidungen auf der Grundlage von Wissen um die Destruktivität von Konkurrenz treffen. Sie können sich mit anderen Eltern und mit den Lehrern Ihres Kindes zusammentun und gemeinsam versuchen, die Strukturen zu verändern, die Kinder zu Gegnern machen.

Erziehung von gesunden, glücklichen und produktiven Kindern geht Hand in Hand damit, dass man eine bessere Gesellschaft aufbaut. Der erste Schritt auf dem Weg zu diesen beiden Zielen ist die Einsicht, dass unser Glaube an den Wert von Konkurrenz auf Mythen beruht. Es gibt bessere Möglichkeiten, wie unsere Kinder – und wir selbst – arbeiten und spielen und leben können.

Wie Sie Wettbewerb und Konkurrenzverhalten zu Hause reduzieren

  • Vermeiden Sie es, die Leistung eines Kindes mit der seiner Geschwister, eines Klassenkameraden oder mit Ihrer eigenen als Kind zu vergleichen.
  • Veranstalten Sie im Haushalt keine Wettkämpfe oder Spiele, bei denen es um Leistung geht („Wer kann am schnellsten das Geschirr abtrocknen?“).
  • Achten Sie auf Ihre Sprache und vermeiden Sie Formulierungen („Wer ist das beste kleine Mädchen in der ganzen Welt?“), die Haltungen verstärken, die Konkurrenz begünstigen.
  • Machen Sie Ihre Liebe oder Solidarität nie von der Leistung eines Kindes abhängig. Es reicht nicht, wenn man sagt: „Hauptsache, du hast dein Bestes gegeben, Schatz.“, wenn das Kind lernt, dass Mamas Haltung ihr gegenüber eine ganz andere ist, wenn es ihre Altersgenossen überflügelt hat.
  • Seien Sie sich der Macht bewusst, die Sie als Vorbild besitzen. Wenn Sie besser als andere sein müssen, wird Ihr Kind das von Ihnen lernen, ganz gleich, was Sie sagen.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Dieser Artikel stammt von Alfie Kohn, Autor des Buches Liebe und Eigenständigkeit. Er wurde erstmals in der Zeitschrift „Working Mother” unter dem Titel The Case Against Competition veröffentlicht.
Wir danken dem Autor für die Abdruckgenehmigung. Weitere Informationen zu Alfie Kohns Arbeit finden sie auf seiner englischsprachigen Website alfiekohn.org. Übersetzung: Arbor Verlag/Peter Brandenburg

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Alle Rechte vorbehalten. Arbor Verlag/Alfie Kohn