Formatierung der inneren Festplatte

Die regelmäßige Nutzung von Bildschirmmedien verändert das Gehirn unserer Kinder

Viele Kinder und Jugendliche haben ihr eigenes Fernsehgerät und ihren eigenen Internetzugang. In den USA verbringen bereits Zweijährige täglich zwei Stunden vor dem Fernseher. Mahner vor übermäßigem Fernsehkonsum werden gern als altmodische Kulturpessimisten abgetan, dabei wird jetzt erst deutlich, was für Auswirkungen der Konsum wirklich hat. Das Sitzen vor dem Fernseher stellt mittlerweile die häufigste Ursache für Übergewicht dar sowie für Krankheiten, die eigentlich erst im Alter auftreten, wie Typ II Diabetes, der so genannte Altersdiabetes.

Mädchen Kopfhörer Medien glotzen innere Festplatte

In anderen Welten © designritter/photocase

Hinzu kommt, wie in einigen Studien bereits nachgewiesen wurde, dass regelmäßiger Fernsehkonsum die Leseleistung verringert, die Schulleistungen insgesamt schwächt, zu Aufmerksamkeitsstörungen und gesundheitlichen Folgeschäden führen kann. Wer bereits im Kindergartenalter regelmäßig fernsieht, wird schlechtere Leseleistungen in der Schule aufweisen. Der Effekt ist dosisabhängig, d.h., je mehr geschaut wird, desto deutlicher sind die negativen Auswirkungen.

Nicht zu unterschätzen ist auch der emotionale Stress, der in einer interessanten Untersuchung von Myrtek und Scharff nachgewiesen wurde. Dabei wurde nicht nur die Tagesgestaltung von Kindern und Jugendlichen und deren Fernsehkonsum protokolliert, sondern auch mittels eines Kleincomputers die körperliche Befindlichkeit. Die Kinder und Jugendlichen sollten alle 15 Minuten angeben, ob sie sich gestresst fühlten, während die Pulsfrequenz gemessen wurde. Es ergab sich bei der späteren Auswertung ein krasser Gegensatz zwischen dem Empfinden der Kinder und den gemessenen Daten. So gaben sie an, sich in der Schule gestresst und vor dem Fernseher entspannt zu fühlen, während die Pulsfrequenz ein deutlich anderes Bild zeigte: Die Aufmerksamkeit in der Schule glich einem Dämmerzustand, während der Puls vor dem Fernseher stark erhöht war. Die emotionale Belastung und der Stress wurden von den Kindern und Jugendlichen nicht bemerkt. Es gab hierbei starke Unterschiede zwischen „Vielsehern“ und Wenigsehern. Auch sind jüngere Kinder deutlich stärker gestresst, bei „Vielsehern“ ist der Stress zunehmend geringer. Das heißt, es findet tatsächlich eine emotionale Abstumpfung statt, die Befürworter des Fernsehkonsums so gerne leugnen.

Bildschirmkonsum und Gehirnentwicklung

Das eigentlich Gefährliche am Bildschirmkonsum sind die Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung. Unser Gehirn ist keine fertige Maschine, die sich nur noch vergrößern muss, sondern ein elastisches Gebilde, das sich durch die Art der Nutzung formt. Man spricht hier von neuronaler Plastizität.

Erst in den letzten zehn Jahren ist es gelungen nachzuweisen, wie stark die Strukturierung des Gehirns davon abhängt, wie und wofür ein Kind sein Gehirn benutzt. Wenn wir auf die Welt kommen, sind im Gehirn nur die überlebenswichtigen Verschaltungen und Netzwerke vorhanden, während in der Großhirnrinde ein riesiges Überangebot an Nervenzellverbindungen und Kontakten entsteht. Was davon nicht genutzt wird, wird wieder abgebaut, was genutzt und häufig aktiviert wird, das verfestigt sich. Anfangs kann ein Kind also praktisch alles lernen. Es sucht intensiv die Auseinandersetzung mit der Welt, und wenn es dabei Erfolgserlebnisse hat, erhält es durch die Ausschüttung von Botenstoffen ein Glückserlebnis, das es weiter antreibt. So strukturiert sich nach und nach das Gehirn und verankert bestimmte „innere Bilder“, innere Repräsentanzen bestimmter Bewegungs-, Geruchs-, Seh-, Tast- und Hörerlebnisse. Es erschließt sich die Welt und kommt ins Gleichgewicht.

Verwirrung im System?

Der Mediziner und Psychologe Manfred Spitzer warnt deshalb ausdrücklich vor Fernsehkonsum im Vorschulalter. Was hierbei erlebt wird, hat nichts mit den vielfältigen sensomotorischen Reizen zu tun, die das Kleinkind dringend für seine Entwicklung braucht, sondern ist hinderlich und führt zu Verwirrung im System. Ein kleines Kind muss sozusagen erst die „Festplatte formatieren“, um sie dann mit Inhalt füllen zu können. Die Gegenstände im Fernsehen sind flach, riechen nicht, können nicht angefasst werden und bewegen sich nicht im Raum. Wir als Erwachsene haben die Erfahrungen mit den Objekten und ihren Eigenschaften schon gemacht, daher schadetet es uns in dieser Hinsicht nicht mehr, während von den Sinnen abgekoppelte Erfahrungen im frühkindlichen Bereich keine Strukturierungsmöglichkeiten für das Gehirn bieten. Wer keine inneren Strukturen ausgebildet hat, der kann auch die äußere Welt schwerer strukturieren Wer also zu früh mit Bildschirmmedien konfrontiert ist, wird später Konzentrationsprobleme haben.

In diesem frühen Stadium sind also auch Kindersendungen schädlich. Dass viele Eltern es rührend finden, wenn ihre Kleinkinder mit den „Teletubbies“ sprechen wollen, ist fatal. Hier wird für ein Kind vielmehr das Muster etabliert, dass es keine Antwort erhält, wenn es Kontakt sucht.

Spitzer warnt davor, Kinder vor den Fernseher zu setzen, damit sie still sind. "Man sollte ihnen keine Passivität antrainieren, sie müssen aktiv sein. Inaktivität ist geradezu toxisch. Es gibt sehr wenige wirklich gute Kindersendungen mit Lerneffekt, die Sesamstraße gehört beispielsweise dazu. Nimmt man alle relevanten Untersuchungen zusammen, die es zu dem Thema gibt, und beachtet die Gehirnentwicklung nach dem neuesten Stand der Forschung, ist Fernsehen im Kleinkind- und Vorschulalter absolut abzulehnen, in der Grundschule ist es sehr wahrscheinlich schädlich, sogar bis zur 10. Klasse wahrscheinlich", so Spitzer. Er appelliert an Eltern, Kleinkinder gar nicht erst in die Nähe von Bildschirmen zu bringen, später die geistige Nahrung der Kinder zu kontrollieren und vor allem auf die Menge zu achten.

Auf der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit

Alle Verschaltungen laufen letztlich im Frontal- oder Stirnlappen zusammen, der Hirnregion, die bei den Tieren wesentlich geringer ausgebildet ist und die uns Menschen ausmacht. Sie ist verantwortlich für das Planen unserer Handlungen, das Abschätzen von Situationen und das Hineinversetzen in andere. Gerade diese Region wird in besonderer Art und Weise durch die Sozialisation geformt. Dieser Prozess beginnt bereits vor der Geburt und kann ein Leben lang dauern, wenn man immer weiter nach Herausforderungen sucht. Der Neurobiologe Gerald Hüther unterstreicht hierbei die Bedeutung der Sicherheit und Geborgenheit für die Kinder. Je weniger Sicherheit vorhanden ist, desto bereitwilliger greifen Kinder und Jugendliche auf einfache Möglichkeiten der Angstbewältigung zurück. Wer stundenlang vor dem Fernseher sitzt und mit emotional erregenden Handlungsfetzen konfrontiert wird, lernt, dass das Geschehen abläuft, ohne dass man Einfluss hat oder es auf das eigene Denken und Fühlen ankäme. Solche Kinder, so Hüther, können schwer das Gefühl eigener Handlungskompetenzen entwickeln und werden zu Konsumenten, die immer nur etwas von anderen haben wollen. Sie haben nicht gelernt, dass sie selbst etwas zu geben haben und sich einbringen können.

Wer beim Computerspielen ein extrem befriedigendes Gefühl verspürt, wird es wieder tun

Auch die verwöhnten Kinder, so Hüther, sind gefährdet für Mediensucht. Sie werden von einem Event zum nächsten geschleppt und dürfen niemals traurig sein oder sich langweilen, weil sie der Garant für das Glück der Kleinfamilie sind. Sie müssen die Egos der Eltern bestätigen, erfolgreich und glücklich sein und bekommen ein Rundumprogramm, das sie erstickt. Sie haben keine Frustrationstoleranz und können nicht an Herausforderungen wachsen, die sie eigentlich brauchen. Sie drängen sich ständig in den Vordergrund und kreisen um sich selbst. Diese narzisstischen Persönlichkeiten sind anfällig für die verheißungsvollen Welten der Computerspiele, in denen jedes Versagen widerrufbar ist und man Heldentaten ohne Grenzen vollbringen kann.

Wer bei Computerspielen ein extrem befriedigendes Gefühl verspürt, wird es wieder tun, um den Kick zu erhalten, der entsteht, wenn das emotionale Zentrum für Erfolg und Zufriedenheit optimal in Erregung versetzt wird. An den Nervenenden des Belohnungszentrums wird bei Aktivierung Dopamin ausgeschüttet, das rauschartige Glückszustände verursacht und ein neuroplastischer Botenstoff ist. Dieser sorgt dafür, dass Verbindungen besonders gut gebahnt werden, Hüther nennt sie die „Autobahnen im Gehirn“. Diese Verhaltensweisen dienen letztlich dazu, die uns innewohnende Angst und Unruhe zu bewältigen. Hierzu hat jeder seine eigenen Strategien gefunden: das Anschaffen von Statussymbolen, berufliches Vorwärtskommen, Joggen, Essen, Fernsehen. Wer diese Tätigkeiten dank der sich einstellenden Befriedigung so oft wiederholt, dass die Autobahn im Gehirn groß und breit geworden ist, kann sie nur schwer wieder verlassen.

Ausleben, was sie an sich unterdrückt haben, weil es nicht erwünscht war

Hüther rät den Erwachsenen, selbst in den Spiegel zu schauen, um sich zu fragen, welche Problemlösungsstrategien und Ersatzbefriedigungen sie selbst nutzen und welche sie den Kindern beigebracht haben. Kinder, die stundenlang vor dem Computer hocken, tun es nicht, so Hüther, weil mit ihnen etwas nicht stimmt, sondern aus einem Defizit heraus, einem starken Bedürfnis. Was diese Medien den Kindern bieten, sind klare und verlässliche Strukturen und Regeln, mit denen man an ein Ziel kommt, sind Entscheidungen, die man selbst treffen kann, aufregende Entdeckungen, Bedrohungen, die es zu überwinden gilt, Ziele, die man erreichen kann, Kenntnisse und Fähigkeiten, die man erwerben kann, Vorbilder, denen man nacheifern darf, Leistungen, auf die man stolz sein kann, und eine Gemeinschaft, mit der man im ständigen Austausch ist. Offenbar finden die Jugendlichen all das in ihrer realen Lebenswelt wenig bis gar nicht.

In den Scheinwelten des Cyperspace werden die Jugendlichen nicht abgelehnt und können alles, was sie an sich unterdrückt haben, weil es aus Gründen der Anpassung nicht erwünscht war, ausleben. Sie sind wild und gefährlich, lernbereit, äußerst ausdauernd und sehr kompetent, sie kämpfen sich von Level zu Level und zeigen ein Selbst, das nirgendwo sonst, weder im Elternhaus noch in der Schule, zum Ausdruck kommt. Der Feind, so Hüther, sind nicht die bösen Spiele, sondern das Leben, das wir unseren Kindern anbieten oder gar aufzwingen. Er spricht von mangelnder Lebendigkeit, von den auf ständiges Funktionieren ausgerichteten „Friedhöfen“, auf denen sich unser Leben abspielt. Es war für Kinder noch nie so leicht wie heute, sich von der realen Welt abzuwenden und in die virtuelle zu flüchten. Die Erleichterung und Befreiung, die sie dort erfahren, werden sie so schnell nicht aufgeben.

Das macht glücklich - tief im Herzen

Was sie stark macht, so Hüther, ist etwas, das wir oft nicht hören wollen: Probleme und Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen, Fehler, die sie machen dürfen und an denen sie reifen können, und vor allem eine liebevolle Unterstützung, die sie aber frei genug lässt, um selbst wachsen zu können. "Wer also Kinder stark machen will, der muss ihnen schwierige Aufgaben übertragen, ihnen Mut machen und ihnen Vertrauen schenken. Richtig glücklich wird, wer geben kann und verschenken darf. Glück, das tief innen ankommt, ist geteiltes Glück." Hüther beschreibt das kleine Kind, das es geschafft hat, sich aufzurichten, und den Erwachsenen ansieht. "Es hofft darauf, dass Sie es sehen und dass Sie ihm Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Begeisterung schenken. Das macht glücklich. Und zwar nicht oben, auf der Oberfläche eines gestillten Bedürfnisses, sondern tief innen, im Herzen. Und genau dieses Gefühl ist es, das Kinder immer wieder und Erwachsene auch gelegentlich brauchen, um stark zu werden.“

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Quellen:
Wolfgang Bergmann/Gerald Hüther: Computersüchtig. Kinder im Sog der modernen Medien, erschienen im Beltz Verlag.
Manfred Spitzer: Vorsicht Bildschirm. Elektronische Medien, Gehirnentwicklung und Gesellschaft, erschienen bei dtv.

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