Eine emotionale Verbindung zu unseren Kindern herstellen

Integrative Kommunikation - Das Kind wirklich hören und sehen

Das wichtigste Element im Leben mit Kindern ist die Qualität unserer Beziehung. Pädagogische Ideen oder unserer eigene unverarbeitete Vergangenheit können sich leicht zwischen uns und die Kinder schieben und zu scheinbar unlösbaren Problemen führen. Hier kann kein pädagogisches Rezept weiter helfen, sondern nur unsere Fähigkeit mit unseren Kindern eine echte Verbindung herzustellen und versuchen wahrzunehmen, was von uns gebraucht wird, um sie angemessen zu begleiten. Daniel Siegel macht in diesem Beitrag deutlich, was diese Verbindung so schwierig macht und zeigt Möglichkeiten, wie wir unsere Kinder und ihre Bedürfnisse besser verstehen können.

Mutter Kind Emotion Verbindung

Ein Gefühl von Verbundenheit © Anke Brodersen

Um eine Verbindung auf emotionaler Ebene aufbauen zu können, müssen wir unserem eigenen inneren Befinden bewusste Aufmerksamkeit schenken und gleichzeitig offen dafür sein, den geistigen Zustand unseres Kindes zu verstehen und zu respektieren. Wir müssen eine Situation sowohl aus unserer eigenen als auch aus der Perspektive unseres Kindes sehen. Wenn wir uns unserer eigenen Emotionen nicht bewusst sind oder uns unerledigte Angelegenheiten aus unserer eigenen Kindheit und die aus ihnen resultierenden emotionalen Reaktionen lähmen, kann uns das sehr schwer fallen. Wir reagieren dann oft reflexartig aufgrund nicht verarbeiteter Erfahrungen, so dass wir leicht die Gelegenheit verpassen können, auf einfühlsame Weise eine Verbindung zu unserem Kind aufzubauen.

Oftmals gehen wir nicht in uns und sind uns nicht über unseren primären emotionalen Zustand im Klaren. Selbst die kategorisierten Emotionen können geleugnet werden und werden uns nur bewusst, wenn wir sie in unserem Verhalten nach außen projizieren, häufig auf eine für unsere Kinder verletzende Weise. Darum ist es wichtig, dass wir versuchen, uns die emotionalen Vorgänge in uns bewusst zu machen und ihre zentrale Rolle sowohl in unserem inneren als auch unserem zwischenmenschlichen Erleben zu respektieren. Kinder sind besonders gefährdet, Ziel der Projektion unserer unbewussten Emotionen und nicht verarbeiteten Angelegenheiten zu werden. Die Abwehrmechanismen, die wir in unserer Vergangenheit aufgebaut haben, können uns daran hindern, den inneren Erlebnissen unserer Kinder offen und einfühlend zu begegnen. Wenn wir uns nicht einem selbstkritischen Erkenntnisprozess unterziehen, können solche defensiven elterlichen Reaktionsmuster beim Kind eine gestörte Wahrnehmung in Bezug auf Beziehungen und Realität erzeugen.

Nicht verarbeitete Erlebnisse der Eltern werden häufig unbewusst auf dem Rücken der Kinder ausgetragen

So wurde eine von ihrem Ehemann plötzlich verlassene Mutter zum Beispiel wütend darüber, dass ihr dreijähriger Sohn ihre Zeit in Anspruch nahm. Sie war noch nicht in der Lage, mit ihrem eigenen Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit umzugehen und empfand daher das „fordernde Verhalten“ ihres Sohnes, das sein Bedürfnis nach einer Verbindung zu ihr ausdrückte, als bedrohlich. Ihr kleiner Sohn wurde zur Zielscheibe ihres Zorns, weil sie das unangenehme Gefühl ihrer eigenen Bedürftigkeit auf ihn projizierte. Sie fühlte sich abgewiesen und allein – Gefühle, die denen der eigenen Kindheit nicht unähnlich waren – und war daher unempfänglich dafür, dass ihr Sohn die Verbindung zu ihr brauchte.

So kann ein Kind durch nicht verarbeitete Erlebnisse der Eltern in die Falle ihrer widerstreitenden Gefühle geraten. Als diese Mutter den Schmerz der Scheidung verarbeitete und diese einschneidende Veränderung in ihrem Leben in ihr Verständnis der eigenen Kindheit integrierte, ermöglichte ihr die dadurch entstandene Lebensgeschichte, ihre Abwehrreaktionen zu durchbrechen: Sie wurde nicht mehr grundlos wütend auf ihren Sohn. Ihr wurde klar, dass ihre eigenen nicht verarbeiteten Erlebnisse sie daran gehindert hatten, dem gesunden Wunsch ihres Sohnes nach ihrer Nähe mit Wärme zu begegnen.

Selbstkenntnis geht mit zwischenmenschlichen Verbindungen Hand in Hand

Wenn wir in uns gehen und unsere inneren Vorgänge besser verstehen, steht uns eine größere Bandbreite an Antworten auf das Verhalten unserer Kinder zur Verfügung. Bewusstheit gibt uns die Möglichkeit zu wählen. Wenn wir wählen können, wie wir antworten, sind wir nicht länger Marionetten dieser emotionalen Reaktionen, die oft keinen direkten Bezug zu unseren Kindern haben – Überreaktionen, zu denen wir mehr durch unsere eigenen Gefühlszustände getrieben werden als durch die wechselseitige emotionale Kommunikation mit unserem Kind in diesem Moment. Wenn wir unser Wissen über uns selbst mit einbeziehen, können wir uns leichter dafür öffnen, auf emotionaler Ebene eine Verbindung zu unseren Kindern herzustellen. Eine kohärente Selbstkenntnis geht mit zwischenmenschlichen Verbindungen Hand in Hand.

Wenn unsere inneren Erfahrungen uns daran hindern eine Verbindung zu unseren Kindern herzustellen, kann das Erlebnis unserer intensiven Gefühle eine Abwehrreaktion in ihnen auslösen. Wenn das geschieht, sind wir nicht länger Teil einer zusammenwirkenden Beziehung, sondern jede Person hat sich in ihre eigene innere Erlebniswelt zurückgezogen und fühlt sich allein und isoliert. Wenn das echte innere Selbst der Eltern und der Kinder hinter einem geistigen Wall psychischer Verteidigungsmaßnahmen verborgen ist, fühlt sich niemand verbunden oder verstanden. Wenn unsere Kinder sich auf diese Weise allein fühlen, drücken sie ihre Ängste und ihr Unwohlsein über die Trennung im Allgemeinen dadurch aus, dass sie aggressiv werden oder sich zurückziehen. Und wir richten unsere Aufmerksamkeit dann im Allgemeinen auf ihr Verhalten, denn unser eigenes Gefühl der Isolation kann uns von sinnvollen Versuchen abhalten, die Verbindung wiederherzustellen. Auf diese Weise können unsere emotionalen Probleme Reaktionen bei unseren Kindern hervorrufen, die unsere Fähigkeit, sie oder uns selbst emotional zu verstehen, noch mehr einschränken.

Ohne emotionales Verständnis ist es schwierig, sich verbunden zu fühlen. Der Aufbau von Beziehungen auf emotionaler Ebene öffnet die Tür für eine zusammenwirkende, integrative Kommunikation, in der die geführten Dialoge es uns erlauben, eine Verbindung zueinander herzustellen. Alle Beziehungen, insbesondere Eltern-Kind-Beziehungen, basieren auf kontingenter, zusammenwirkender Kommunikation, bei der die Würde und Souveränität der Musik des Geistes jedes Beteiligten respektiert wird.

Integrative Kommunikation

Eine Verbindung zu unseren Kindern herzustellen kann sehr schwierig und zugleich sehr lohnenswert sein. Als Eltern können wir eine lebenslange bedeutungsvolle Beziehung zu unseren Kindern aufbauen, wenn wir lernen, durch integrative Kommunikation ein Gefühl von Verbundenheit zu entwickeln. Wenn wir uns ihnen zuwenden, setzen wir einen Prozess in Gang, bei dem die Grundelemente des Geistes aller Beteiligten zusammengefügt werden. Diese geistige Verknüpfung gibt uns das intensive Gefühl, bei ihnen zu sein. Integrative Kommunikation besteht über die gesamte Dauer der Beziehung zu unseren Kindern. Es entsteht ein Gefühl der Resonanz, durch das wir die andere Person auch dann mit uns tragen, wenn wir physisch getrennt sind.

Wenn unsere Kinder diese Resonanz erleben, fühlen sie sich auch in unserer Abwesenheit geborgen. Sie fühlen sich von uns „gefühlt“ und spüren, dass wir sie in Gedanken bei uns tragen, genauso wie wir mit in ihr sich entwickelndes Selbstgefühl eingewoben werden. Dieses Gefühl der Verbundenheit gibt Kindern Sicherheit und fördert sie, wenn sie ihre eigenen Gefühle und ihre Umwelt erkunden. Emotionale Kommunikation ist die Grundlage für unsere Beziehung zu unseren Kindern sowie ihre Beziehung zu anderen.

Differenzierung und Integration

Integration ist ein Prozess, bei dem eigenständige Teile zu einem funktionstüchtigen Ganzen zusammengefügt werden. Eine integrierte Familie beispielsweise lässt ihren Mitgliedern Raum dafür, sich deutlich voneinander zu unterscheiden, und ermutigt sie, diese Unterschiede zu respektieren, während sie sich in Verbundenheit miteinander als zusammengehörige Familie erleben. Die Kommunikation in einem derart integrierten Familiensystem zeigt eine Vitalität, welche die hohe Komplexität widerspiegelt, die durch die Vermischung dieser beiden grundlegenden Prozesse erreicht wird: Differenzierung (die Personen sind eigenständige und einzigartige Individuen) und Integration (die Personen kommen zusammen, um Verbindungen zueinander herzustellen).

Eine solche Kombination von Differenzierung und Integration macht aus einer Familie mehr als nur die Summe ihrer einzelnen Mitglieder. Integrative Kommunikation fördert die Individualität sowohl der Eltern als auch der Kinder, während sie sich gemeinsam zu einem „Wir“ verbinden, das ihr Gefühl der Weltverbundenheit verbessert.


Die sieben Elemente der Integrativen Kommunikation

1. Bewusstheit

Widmen Sie Ihren eigenen Gefühlen und körperlichen Reaktionen sowie den nonverbalen Signalen ander Personen Aufmerksamkeit.

2. Einstimmung

Lassen Sie zu, dass sich Ihr eigener Geisteszustand auf den einer anderen Person ausrichtet.

3. Einfühlungsvermögen

Öffnen Sie Ihren Geist, um das Erleben und die Sichtweise einer anderen Person nachzuempfinden.

4. Ausdruck

Kommunizieren Sie Ihre inneren Reaktionen mit Respekt; kehren Sie das Innere nach außen.

5. Verbinden

Nehmen Sie offen an dem Geben und Nehmen der Kommunikation teil, sowohl verbal als auch nonverbal.

6. Klärung

Helfen Sie dabei, die Erfahrung einer anderen Person zu verstehen.

7. Souveränität

Respektieren Sie die Würde und Eigenständigkeit des Geistes jeder Person.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Zusätzlich zu den Übungen zur integrativen Kommunikation, die das Gefühl der Verbundenheit fördern können, empfehlen wir die Übungen von innen heraus, die zur Reflexion anregen.

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