Die Welt durch den Bauch erleben
Gefühle und Denken der Mutter wirken auf die Gene des Fötus – Eine Perspektive aus der Neurobiologie
Bruce Lipton im Gespräch mit Michael Mendizza
Das körperliche System ist durch und durch wandelbar! Gene sind nicht fest und starr, so wie wir das noch vor Jahren glaubten. Im Kontakt mit der Außenwelt haben wir Einfluss auf unseren Körper und unsere Glaubenssätze. Das Unglaubliche ist, dass dieser Kontakt schon im Mutterleib stattfindet – so wirkt sich das Sein und Fühlen der Mutter während der Schwangerschaft schon auf das Sein und Fühlen des Fötus aus.
Michael Mendizza:
Viele Leute glauben, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt die Grundmuster des Körpers feststehen und dass es schwierig ist, sie zu verändern, wenn die körperlichen Strukturen oder Muster erst einmal etabliert sind.
Bruce Lipton:
Das geht auf eine schon lange feststehende Idee der traditionellen Wissenschaft zurück: wenn die Grundmuster einmal etabliert sind, ist die Sache erledigt und man lebt sein Leben. Jetzt aber haben wir herausgefunden, dass das körperliche System durch und durch wandelbar ist – ausgehend von der Wahrnehmung und den Überzeugungen des Körpers.
In der vorgeburtlichen Entwicklung hat der Fötus die selben Wahrnehmungen und Überzeugungen wie die Mutter – und dafür gibt es gute Gründe. Ein neu entstehender Organismus muss in der Welt überleben können, in die er hineinwächst. Wenn ein Kind in eine Umwelt hineingeboren würde, die gänzlich anders wäre als die früherer Generationen, wäre es nicht fähig, sich anzupassen.
Man nehme zum Beispiel fünf identische Samenkörner, pflanze jedes in einen anderen Blumentopf mit anderer Erde und lasse jedes in einer anderen Umgebung wachsen. Erntet man die Samen der ersten Generation, wird man feststellen, dass sie sich vorsorglich der Umgebung angepasst haben, in der sie sich entwickelten und das, obwohl sie in der einen Generation genetisch identisch waren. Es ist brilliant von der Natur, solche raschen Veränderungen zu erlauben, weil sich die Umwelt ständig ändert. Das Gleiche gilt für den Menschen. Die Mutter muss dem Kind Vorinformationen über die Umwelt einpflanzen um es auf sein Leben in dieser Umgebung vorzubereiten.
Die neuesten Forschungen beschäftigen sich mit dem Umstand, dass sich die genetische Struktur eines Organismus durch den Kontakt mit der Umgebung verändern kann. Bis jetzt galt das Konzept, das Gene sich selten verändern, und wenn es doch geschieht – was wir Mutation nennen – dann ist es rein zufällig und fast alle zufälligen Mutationen werden als gefährlich eingestuft. Jetzt finden wir aber gerade heraus, dass primitive Organismen wie Bakterien ihre genetische Struktur verändern können, um sich an eine Stress auslösende Umgebung zu gewöhnen. Dies ist zum Überleben notwendig. Plötzlich beginnen wir, die Welt anders zu sehen. Bei der anpassenden Mutation wird auch klar, dass es nicht nur die Umwelt ist, die den Wechsel hervorruft, vielmehr ist es die Wahrnehmung der Umwelt durch den Organismus, die den Charakter der auftretenden Veränderung bestimmt. Dies ist besonders im Bezug auf den Menschen sehr bedeutsam.
Wenn jemand glaubt, die Umwelt sei feindlich, so wird diese Person in einer stressigen Umgebung leben, auch wenn die Umgebung das möglicherweise in der Realität gar nicht ist. Wer sie als feindlich wahrnimmt, wird seinen genetischen Ausdruck verändern um die Wahrnehmung daran zu gewöhnen. Mit dieser Erkenntnis ist vieles verbunden. Unsere Wahrnehmung verändert tatsächlich unsere körperlichen Muster.
Was prägt unsere Wahrnehmung?
Fernsehen, Schule, Eltern, Freunde, alles um uns herum. Entwicklung und Gesundheit eines jeden Kindes hängen von der Interpretation ab, die sich das Kind von der Umwelt macht und diese Interpretation hat wahrscheinlich größeren Einfluss auf körperliche Prozesse als die Umwelt selbst.
Die traditionelle wissenschaftliche Sicht besagt, dass wir Sklaven unserer Gene sind. Man erbt die genetischen Eigenschaften seiner Eltern und hat die Neigung, diese Eigenschaften zu verwirklichen. Dieses Glaubenssystem ist sehr begrenzt. Es bedeutet, dass du bis zu einem gewissen Grad vorherbestimmt bist. Dieses Glaubenssystem besagt auch, dass prä- und perinatale Einflüsse keine wirkliche Auswirkung auf die Entwicklung haben, da wir von den Genen gesteuert werden.
Die Idee, dass wir Sklaven unserer Gene sind, ist im Laufe des letzten Jahres hinfällig geworden. Erst vor kurzem wurde bestätigt, dass wir die Gene modifizieren können, nicht aufs Geradewohl im Darwinschen Sinne durch Zufallsmutationen, die im Großen und Ganzen negativ und zerstörerisch sind, sondern um uns an Veränderungen in der Umwelt anzupassen.
Wie beeinflusst das die Entwicklung des Fötus?
Ein Fötus nimmt die Umwelt durch die Chemie der Mutter wahr, durch ihre Gedankenströme. Gedanken sind elektromagnetische Felder. Das Kind wird geleitet durch die Erfahrungen der Mutter mit ihrer Umwelt, sein Schicksal wird beeinflusst durch ihre Wahrnehmung. Wenn wir das verstehen, können wir die Erfahrungen verbessern, die uns dazu bringen, gesündere Kinder zu bekommen. Vor zwei Jahren wäre das nur eine Möglichkeit gewesen. Heute steht es fest.
Unsere genetische Struktur verändert sich also ständig in Beziehung zur Umwelt?
Sie unterliegt einem ständigen Wandel. Viele Jahre lang war es ein unumstößlicher Glaube, dass die Gene sich selbst aktivieren, wie z.B. das Krebs-Gen. Damit besitzt ein Gen große Macht. Dabei hat niemand in der Geschichte der Biologie je zeigen können, wie ein Gen sich selbst aktivieren kann. Wir haben es einfach angenommen. Das führte zur Vormachtstellung der DNA. Man hat der DNA Kräfte zugesprochen, die ihr tatsächlich gar nicht innewohnen. Die Wahrheit ist, dass ein Gen sich nicht selbst aktiviert. Ein Krebs-Gen kann nicht eines Tages sagen: jetzt geht’s los. So wie wir es heute verstehen, werden die Gene durch Signale aus der Umwelt angeregt und sie reagieren darauf. Wenn man diese einfache Wahrheit einmal verstanden hat, rückt die Umwelt sehr ins Blickfeld, weil sie die Gene aktiviert, besonders in der frühesten Wachstumsphase. Das ist eine sehr sensible Phase für den Organismus und die Umwelt spielt eine entscheidende Rolle in der Auswahl der Gene, die aktiviert werden.
Gibt es eine biologische Veranlagung zur Gewalt?
Tatsächlich hat man keine Verhaltensgene gefunden. Jedesmal, wenn wir über eine Veranlagung reden, gibt das große Schlagzeilen: Wir haben das Gen für Kriminalität, das Gen für Homosexualität, für Alkoholismus. Es gibt diese Behauptungen, dass Verhalten nur eine Folge der Gene ist, was große Schlagzeilen gemacht hat und jeden beeinflusst, aber tatsächlich wurde in allen Fällen das Forschungsergebnis schnell widerrufen. Die meisten Forschungsergebnisse besagen in Wirklichkeit, dass wir Verhalten lernen. Wir haben zwar aufgrund unserer Gene bestimmte Veranlagungen, aber wie wir sie einsetzen, hängt davon ab, wie wir gelernt haben, sie zu nutzen.
Das große Thema heißt also Lernen. Wir begreifen jetzt, dass Lernen sogar die Folge von vorgeburtlichen Erfahrungen ist, denn dann beginnt das Lernen. Anfangs glaubte man, dass Kinder nicht vor ihrem 6. Lebensjahr in der Lage wären zu lernen. Irgendwann lag diese Grenze bei 4 Jahren, jetzt liegt sie bei 0. Aber auch 0 ist nicht richtig. Man kann immer von Lernen sprechen, wenn ein Organismus mit seiner Umwelt interagiert.
Ein Organismus, der überleben will, muss sich seiner Umwelt bewusst sein, und das beinhaltet Lernen und Bewusstsein. Die Umwelt kann zum Beispiel das Blut sein, das die Plazenta durchströmt, und daraus erfährt der Fötus die Chemie der Mutter. Die Emotionen sind in der Chemie enthalten. Wenn die Mutter durch einen emotionalen Zustand geht, muss das Kind es ebenfalls. Du hast eine Leberzelle, das Kind hat eine. Wenn die Leber der Mutter angegriffen ist, wird auch die Leber des Kindes angegriffen. Wenn die Mutter in einer bestimmten Weise auf Stress reagiert, wird das heranwachsende Kind eine Veranlagung für die selbe Reaktion haben.
Wie können Mütter und Väter die beste Umgebung für die Entwicklung des Babys herstellen?
Am wichtigsten ist das Gefühl von Liebe und Sicherheit. Jedesmal, wenn man sich von der Liebe wegbewegt, was eine Reduzierung der Sicherheit bedeutet, lässt man Angstgefühle in den Blutstrom einfließen, was eine Schutzfunktion hervorruft.
In meiner Arbeit mit Blutgefäßen hat sich gezeigt, dass das Gefäßsystem eine Art Schalter besitzt. Auf der einen Seite befindet sich der Wachstumsmodus, auf der anderen der Schutzmechanismus. Wenn der Schalter von Wachstum zu Schutz umgelegt wird, findet kein Wachstum mehr statt. Das müssen wir auf einer sehr einfachen, grundsätzlichen Ebene begreifen. Das System wechselt zwischen Wachstum und Schutz, je nachdem wie das Umfeld wahrgenommen wird. Wir müssen auch verstehen, dass Wachstum nicht gut möglich ist, wenn wir dabei sind, uns zu schützen. Sobald wir die Umgebung als feindselig wahrnehmen und nicht als liebvoll und sicher, wird unser System automatisch mehr Energie in die Schutzmaßnahmen leiten. Je chronischer diese Überzeugung, desto chronischer die Schutzmaßnahme, je chronischer diese, desto weniger Wachstum.
Eine Wachstumsphase wird hervorgerufen durch Liebe und Sicherheit, wenn aber die Alarmglocke klingelt, kommt der Prozess ins Stocken. Man kann den Wachstumsprozess für eine Weile stoppen, aber sobald die Angst chronisch wird, ist es, als würde man versuchen in einem Schutzbunker zu leben. Ein Tag oder eine Woche mögen in Ordnung sein, aber wie steht es mit einem Monat, vielleicht zweien oder dreien? Wenn man den Schutzbunker dann öffnen würde, fände man nicht viel Leben. Das Gleiche gilt für unsere Zellen und unsere Gefäße. Wenn wir sie in einem Schutzzustand erstarren lassen, kommt früher oder später ein Punkt, an dem Krankheit und Degeneration beginnen. Genau das wollen wir verhindern.
Was meinen Sie mit Bewusstsein?
Bewusstsein ist ein Wahrnehmen der Umwelt. Es ist:
a) das Empfangen von Informationen aus der Umwelt und
b) eine Vorgehensweise das Verhalten zu bestimmen, um diese Information zu integrieren.
Bewusstsein ist nicht nur, die Tatsachen zu erkennen, sondern auch, diese Tatsachen in das Verhalten einzubeziehen. Lernen beinhaltet Wiederholung. Während der Entwicklung antwortet der Fötus auf jede Information, die sich wiederholt. Im Großen und Ganzen wiederholt sich das mütterliche Verhalten. Über einen Zeitraum von neun Monaten wiederholt die Mutter viele Dinge. Wenn sie das tut, wird der Fötus das Muster erkennen, und das wird wiederum zu einer Art von Wissen. Je mehr er weiß, desto mehr tritt die Gewöhnung ein. Wenn eine Mutter sich bewusst wäre, dass sie ihr Baby beeinflusst, bevor es geboren wird, würde sie daraus bestimmt andere Handlungsweisen ableiten.
Was, würden Sie sagen, ist der Kern Ihrer Forschung?
Im Grunde geht es darum, dass jeder von uns sehr mächtig ist. Überzeugungen sind extrem wirkungsvoll. Falsche oder unkorrekte Überzeugungen werden zu Selbsteinschränkungen.
Es ist deswegen sehr bedeutend, die Veränderung in der Genetik zu verstehen. Bis jetzt war man nur ein Opfer seiner Gene. Jetzt beginnen wir zu verstehen, dass wir aktiv an der Auswahl beteiligt sind, die unsere Gene machen. Das eine Gen ist kraftlos, das andere kraftvoll. Ich möchte, dass die Leute verstehen, dass sie selbst Schöpfer sind. Dank dieser neuen biologischen Untersuchungen ist es möglich, dass man sein eigenes Leben gestalten kann und nicht einen Schritt zurückgeht mit der Aussage, man sei Opfer eines Erbschadens.
Ich war immer ein Pessimist. Als ich die Lebendigkeit der Gene und des Organismus verstanden habe, ist eine komplette Veränderung in mir vorgegangen. Wenn eine Person mit Krebs auf dem Sterbebett eine spontane Gesundung erfahren kann und geheilt aufsteht, dann kann es die Erde auch. Wenn sich in unseren Köpfen etwas verändert, dann werden wir aufstehen und wieder gesund werden.
Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:
Bruce Lipton, Ph.D. ist Molekularbiologe und Autor.
Er war Professor der Anatomie an der Wisconsin’s School of Medicine.
Während seiner Zeit als Student der Pathologie an der Stanfort School of Medicine brachte seine Forschung bahnbrechende Informationen über die molekulare Struktur des Bewusstseins und der menschlichen Entwicklung hervor. Mehr über Bruce Lipton erfahren Sie auf seiner englischsprachigen Website brucelipton.com.
Übersetzung: Marie Martin.


