Die Geburt - Ein Neuanfang
Offen sein, für jeden Augenblick
Die Stärke und Intensität der Wehen zwingt uns, in jedem einzelnen Augenblick gegenwärtig zu sein. Die Wehen verlaufen bei jeder Frau völlig anders. Wie sie verlaufen werden, lässt sich nie im voraus sagen. Sie haben immer einen ganz individuellen Rhythmus und ein individuelles Tempo. Manchmal werden Wehen und Geburt von einem ruhigen, geradezu sakralen Gefühl begleitet. Alle Anwesenden erfüllen ihre Aufgabe, die Wehen nehmen ihren Lauf, und schließlich wird das Baby geboren. Die Geburt kann aber auch einer rasenden Komödie gleichen, bei der alles so schnell geschieht, dass alle Beteiligten hektisch umherlaufen.
Bei der Geburt müssen alle Anwesenden von ihren Erwartungen und Vorstellungen abrücken. Sie müssen offen sein für das, was in jedem Augenblick geschieht, und es ist sehr hilfreich, wenn sie dieses Geschehen mit ihrem ganzen Sein unterstützen. Vielleicht hatten wir uns vorgestellt, es wäre schön, während der Wehen massiert und gestreichelt zu werden, doch wenn es dann tatsächlich so weit ist, wollen wir am liebsten überhaupt nicht berührt werden. Vielleicht hatten wir uns vorher ausgemalt, wir wollten eine schöne Musik hören und viele Freunde um uns versammeln, doch dann merken wir, dass wir unsere Ruhe brauchen und nur ganz wenige Freunde um uns haben wollen. Vielleicht sahen wir uns vorher als eine glückselige Madonna, die ihr Kind ruhig zur Welt bringt, doch in der realen Situation sind wir frustriert, fluchen oder beklagen uns und geben alle möglichen, keineswegs wohltönenden Geräusche von uns.
Die Wehen bieten uns Frauen die Gelegenheit, uns vom Image der stillen, freundlichen, nachdenklichen, hübschen und ständig hilfsbereiten Frau zu befreien – von jenem „Gutes-Mädchen-Image“, das wir uns in unserer Gesellschaft so häufig zulegen –, uns zuzugestehen, dass wir einfach so sind, wie wir sind, und uns die Freiheit zu nehmen, uns auf uns selbst zu besinnen und das zu tun, was in dieser Situation getan werden muss. Wenn diejenigen, die während dieses geheimnisvollen Geschehens, in dem wir die Hauptrolle spielen, bei uns sind, uns unseren eigenen Weg – unsere Souveränität – zugestehen können, kann die Geburt zu einer machtvollen Affirmation, zu einer Heilung unserer Psyche werden, zu einer Initiation in einen neuen Bereich des Seins.
Gewahrsein und Atem
Falls Sie sich während der Schwangerschaft durch Konzentration auf Ihren Atem bemüht haben, Achtsamkeit zu entwickeln, kann Ihnen das helfen, während des Geburtsprozesses in der Gegenwart zentriert, entspannt und konzentriert zu bleiben. Wenn die Wehen dann intensiver werden, können Sie sich mit Hilfe des Atems voll und ganz in den Schmerz und in die anstrengende Arbeit des Gebärens hineinbegeben, bei der jeder Augenblick wichtig ist.
Ganz gleich, wie Ihre Wehen verlaufen und wie stark und schmerzhaft sie auch sein mögen, ein intensives Gewahrsein jedes einzelnen Augenblicks hilft Ihnen in jedem Fall, das Geschehen völlig bewusst zu erleben und anzunehmen. Am Ende dieses Prozesses steht nicht nur die Ankunft des Babys, das willkommen geheißen werden möchte, sondern eine ungeheuer intensive Erfahrung, die uns unser ganzes weiteres Leben lang begleiten wird.
Zur Unterstützung der Achtsamkeit während der Wehen können wir uns daran erinnern, dass wir langsam und tief weiteratmen, während wir die wachsende Intensität der Kontraktionen wahrnehmen, und beim Einatmen bei den intensiven Empfindungen verweilen und beim Ausatmen alle Spannungen und alles Festhalten, das wir im Körper spüren, loslassen. Jede Kontraktion endet mit einer Ruhepause, so kurz diese auch sein mag. In dieser Pause können wir unsere Position verändern, etwas trinken, jemanden umarmen oder ganz einfach lachen. Je stärker wir in der Gegenwart zentriert sind, um so besser sehen oder spüren wir, was wir in jedem einzelnen Augenblick brauchen.
Der Schmerz des Geburtsprozesses – ein gesunder Schmerz
Wenn wir den Atem nutzen, um während der Wehen voll und ganz in der Gegenwart zu sein, um in jeden Schmerz und in jedes Unwohlsein hineinzuatmen, benötigen wir weniger Energie, als wenn wir versuchen, uns entweder vom Schmerz abzulenken oder gegen ihn anzukämpfen. Wenn wir uns der inneren Weisheit unseres Körpers widersetzen oder uns gegen sie verspannen, machen wir es uns nur schwerer, uns zu öffnen und die Geburt geschehen zu lassen. Ebenso wie langsames und tiefes Atmen kann es helfen, während der Wehen stärker präsent zu sein, wenn wir uns dessen bewusst werden, was wir empfinden, wenn wir unsere Position verändern, wenn eine Helferin auf bestimmte Stellen unseres Körpers Druck ausübt oder uns heiße Umschläge macht, wenn wir unsere Gefühle und unsere Frustration zum Ausdruck bringen oder uns an unserem Partner festhalten.
Frauen machen häufig die Erfahrung, dass ihre Angst vor dem Schmerz der Geburt schlimmer ist als der Schmerz selbst. Sie stellen fest, dass sie in diesem Augenblick mehr positive Energie für den Geburtsprozess zur Verfügung haben, wenn sie jede Kontraktion bewusst erleben, ohne darüber nachzudenken und ohne sich Sorgen darüber zu machen, wie lange sie dauern wird oder wie die nächste sein wird. Dieses Bemühen um völlige Präsenz in jedem Augenblick während der Wehen und während der Geburt erfordert Mut, Konzentration und die Liebe und Unterstützung der anwesenden Freunde und Helfer.
Wir sind es gewöhnt, Schmerz generell mit pathologischen Zuständen in Verbindung zu bringen. Der Schmerz des Geburtsprozesses ist jedoch ein gesunder Schmerz. Er entsteht durch einen intensiven physiologischen Prozess – die Kontraktion des Uterus, die zunächst den Gebärmutterhals öffnet und später das Baby aus dem Körper der Mutter befördert. Frauen können die Wehen durch positive Affirmationen unterstützen, indem sie die Kraft, die Intensität und sogar den Schmerz, den sie empfinden, bewusst mit inneren Bildern assoziieren, beispielsweise mit der Vorstellung, dass sich der Gebärmutterhals wie eine Blüte öffnet oder dass das Baby mit jeder Kontraktion weiter hinabrutscht. Auch das Tönen von Ohhh- und Ahhh bei jeder Kontraktion, wodurch die Kehle geöffnet wird, und die gleichzeitige innerliche Vorstellung der Öffnung der Gebärmutter und der Vagina, ist eine Möglichkeit, die Wehen bewusst zu unterstützen.
Jeder Augenblick ein neuer Anfang
Beim Prozess des Gebärens bringt jede Situation, ja sogar jeder Augenblick eine neue Herausforderung mit sich. Manchmal sind wir in der Lage, uns diesen Herausforderungen voll und ganz zu stellen, in anderen Fällen scheuen wir vor ihnen zurück, wir verschließen uns und verfallen in automatische Verhaltensweisen. Es mag Momente geben, in denen es uns völlig misslingt oder wir uns dabei ertappen, dass wir uns über eine Erfahrung beklagen, die wir als schrecklich empfinden – dass wir über sie fluchen und sie ablehnen.
Wenn wir merken, wie wir uns zurückziehen und uns verschließen, können wir unsere Aufmerksamkeit einfach wieder auf den Atem lenken. Das wird uns helfen, uns wieder auf den gegenwärtigen Augenblick auszurichten, so dass wir mit ihm arbeiten können, wie er ist. Dann ist jeder Augenblick wahrhaft ein neuer Anfang, und Neuanfänge sind genau das, was während des Geburtsprozesses nach jeder Kontraktion erforderlich ist, insbesondere, wenn wir uns erschöpft, ängstlich oder entmutigt fühlen. Unsere Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen, ist Ausdruck des umfassendsten Neuanfangs überhaupt. Nach langer Vorbereitung und harter Arbeit wird schließlich das Kind geboren und mit ihm auch die Mutter.
Die Klarheit des Sehens und die Bereitschaft, uns auf die Wirklichkeit einzulassen
Wie überall im Leben geschehen manchmal auch bei der Geburt unerwartete Dinge. Wir können nicht alles ahnen, was geschehen wird, und wir können uns nicht gegen alle Eventualitäten absichern. In solchen unvorhergesehenen Augenblicken können uns unsere Erwartungen bezüglich einer „perfekten“ Geburt oder eines „perfekten“ Babys daran hindern, das zu erfahren, was tatsächlich in jedem Augenblick mit uns geschieht. Um auch in unerwarteten Situationen achtsam sein zu können, benötigen wir sowohl die Klarheit des Sehens als auch die Fähigkeit und Bereitschaft, uns auf die Wirklichkeit, so wie sie ist, einzulassen. Diese Haltung ist alles andere als passiv. Selbst unter schwierigen Umständen können und müssen wir unseren Gefühlen und unserer Intuition vertrauen und versuchen, fundierte und weise Entscheidungen zu treffen, die dem gegenwärtigen Augenblick entsprechen. Letztlich tun wir stets unser Bestes, und wir halten in den Augenblicken, die uns gegeben sind, unsere Augen so offen, wie wir können.
So gut wir können mit allem Geschehen umzugehen und unsere konkreten Erwartungen darüber, was wie geschehen sollte, loszulassen ist keineswegs leicht. Es setzt voraus, dass wir uns die Erlaubnis geben und uns die Zeit zugestehen, alle unsere Gefühle in ihrer ganzen Tiefe zu erfahren: Frustration, Wut und Enttäuschung ebenso wie Angst und Trauer. Mitgefühl für uns selbst zu entwickeln, für unsere Schwierigkeiten, Bemühungen und Grenzen – für unsere Menschlichkeit –, ist ein wesentlicher Teil des Prozesses der Selbstheilung, der die Geburt für uns sein kann.
Während der Schwangerschaft konzentrieren wir den größten Teil unserer Energie auf die bevorstehende Geburt des Babys. Erst nach der Geburt wird uns klar, dass das nur der Anfang war. Doch die innere Arbeit während der Schwangerschaft und der Geburt ist eine gute Vorbereitung auf den achtsamen Umgang mit dem Kind. Die Macht und Unmittelbarkeit, mit der wir bei der Geburt in den gegenwärtigen Augenblick versetzt und gezwungen werden, unsere vorgefaßten Ansichten loszulassen, bringt uns mit der Essenz der Achtsamkeitspraxis in Kontakt. Die Geburt unseres Babys kann uns bislang ungeahnte Möglichkeiten eröffnen.
Aus dem Buch:

