Die ganze Um-Welt erforschen
Wachstum im Spannungsfeld von Unterstützen und Nicht-Unterstützen
Wachstum geschieht rhythmisch und polar – ereignet sich im Spannungsfeld von Unterstützen und Nicht-Unterstützen, dem Ansprechen der Eigenaktivität, zwischen Gehaltensein und Ins-Eigene-Loslassen. Wachstum geschieht zwischen Fördern und Fordern, zwischen Gewähren und Verweigern, wenn es denn erforderlich ist. Wachstumsimpulse entstehen auch durch Aufgaben, die sich als Herausforderung darstellen, also etwas anfordern, das noch gar nicht entwickelt wurde oder manifest ist, eine Aufgabe, die eine kleine Spur zu groß ist, mit dem Glauben im Hintergrund: „Das kannst du schaffen, auch wenn du jetzt gerade noch nicht weißt, wie das geht – probiere es, und du wirst es herausfinden.“
Wachstumsimpulse geben, erfordert natürlich pädagogisches Augenmaß, denn dem Kind eine Aufgabe zu geben, die es nicht bewältigen kann – und das wiederholt –, verschafft ihm nur unsinnige Enttäuschungen und schwächt das Selbstbewusstsein.
Auch in die Schule zu gehen kann eine solche Aufgabe sein, mit der das Kind fertig wird und dabei wächst, auch wenn manches dort nicht gerade den optimalen Lernbedingungen entspricht. Alles, was wir selbst dabei empfinden und denken, wird unterbewusst vom Kind registriert. Es spürt gleichsam unser Denken und Fühlen. Wenn wir die Idee aufrechthalten, dass die Schule schlecht ist und die Lehrer übel sind, wird das Kind anders ausgerichtet dorthin gehen. Wenn wir unser Bewusstsein offener halten können und die Aufmerksamkeit mehr auf das Kind statt auf das System richten, wird es durch uns eher Unterstützung bekommen, mit dieser Herausforderung, die unsere Kultur den Kindern zumutet, fertig zu werden und dabei auch noch etwas zu lernen, was die Bewältigung nicht immer rosiger Lebenssituationen betrifft.
Die Psychologie nennt diese Fähigkeit heute „Resilienz“ – eine Qualität, die uns hilft, nicht unterzugehen, auch wenn die Wellen hochschlagen und der Gegenwind kräftig bläst.
Die Mutter als „Stressreduktor“
Unsinnig ist es allerdings, die Kinder eigens in widrige Situationen zu bringen, um diese Fähigkeit zu stärken. Das Heranwachsen in unserer Welt selbst bietet ausreichend Gelegenheiten dazu, wir brauchen keine hinzuerfinden.
Um Kinder auf eine gelingende Lebensbewältigung vorzubereiten, ist es wichtig, dass sich innerhalb der ersten drei Lebensjahre des Kindes eine sichere Bindung zu seinen Eltern (Bezugspersonen) aufbauen lässt. Während dieser Zeit kann die Mutter (Bindungsperson) als „Stressreduktor“ wirken, ihre Anwesenheit tröstet und nährt das Kind, sie gibt Sicherheit. Von dieser sicheren Basis aus kann die ganze Um-Welt erforscht werden.
Wie die psychologische Forschung nahelegt, kann das Kind erst nach ungefähr drei Jahren das Wiederauftauchen der Mutter vorhersehen und erwarten – und ihr zeitweiliges Verschwinden löst nicht diesen panischen Stress aus. Das Kind hat in seinem Innern das Gefühl von Geborgenheit etabliert und weiß, dass die Mutter nach dem zeitweiligen Verschwinden sich wieder um es kümmern wird, wenn es Unterstützung braucht. Nun ist es auch sinnvoll, diese Erfolgserlebnisse angesichts bewältigter Lebenssituationen im Kind selbst verankern zu helfen, so dass sich mehr und mehr ein Selbstvertrauen etablieren kann.
Ressourcen für neue Herausforderungen des kindlichen Alltags
Die Erfahrungen des Tages können abends mit dem Kind noch einmal durchgesprochen werden, Fragen geklärt, neue Strategien für mögliche Problemsituationen entwickelt werden, Ermutigendes ausgesprochen und das Schöne durch „leibhaftiges“ Wiedererinnern ausführlich noch einmal vor Augen geführt werden. So können sich langsam „lichte Inseln“ im Innenleben des Kindes und in seinem Welterleben aufbauen, die sich nach und nach aneinanderreihen können und einen positiven inneren Kern bilden. Daraus können dann Ressourcen für neue Herausforderungen des kindlichen Alltags entstehen: Das Kind vermag so im Heranwachsen mehr und mehr von der Unterstützung durch die Mutter zur Selbstunterstützung überzuwechseln.
Es hat sich gemerkt, dass es schon mehrere schwierige Situationen bewältigen konnte, und entwickelt allmählich das Vertrauen, dass es „dem Leben gewachsen“ ist, wenn eine neue Aufgabe herannaht. Dass positive Erfahrungen eine besondere Hervorhebung und Beachtung für ihre Registrierung in unsere Gehirne benötigen, bestätigt die moderne Gehirnforschung. Das Negative wird gleichsam von selbst registriert und aus archaischen Überlebensgründen viel stärker beachtet. So ist die bewusste Beachtung der positiven Erfahrungen sowohl für Kinder als auch für Eltern in einer an Sinn und Werten orientierten Lebenswelt dringend angebracht: lichte Inseln für Kinder und Eltern!
Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:


