Die Achterbahnfahrt der Elternschaft
Achtsamkeit als Möglichkeit, die Reise zu genießen
Babys mögen Menschen, die mit ihnen voll und ganz im Augenblick sind. Das gibt ihnen ein Gefühl der Sicherheit, sie fühlen sich geliebt und umsorgt. Und das trifft auch auf geliebte Menschen oder Kollegen zu und wenn wir wirklich lernen, unsere Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Augenblick zu zentrieren, fühlen auch wir uns sicherer, mehr geliebt und umsorgt. Das Gewahrsein im gegenwärtigen Moment macht alles in der Kindererziehung einfacher – vom Stillen oder Füttern des Babys über das Trösten, wenn es weint, bis hin zur Auseinadersetzung mit den Schwiegereltern, und es hilft uns, alle Aspekte einer Situation zu sehen – das Gute, das Schlechte und das Hässliche.
Der Weg der Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft in den ersten Lebensjahren des Kindes scheint für junge Eltern oft wie eine Achterbahnfahrt zu sein. Wir kann uns eine achtsame Elternschaft helfen, durch diese Zeit zu kommen?
Das ist wirklich eine angemessene Metapher, denn Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft in den ersten Lebensjahren des Kindes – und für manche selbst der Weg bis zur Zeugung – können solch eine Achterbahnfahrt sein: mit Höhen und Tiefen, Auf und Ab, furchterregenden und freudvollen Aspekten, Erleichterung. Es ist wirklich ein intensivierter Mikrokosmos der Lebensreise. Der Achtsamkeitslehrer Jon Kabat-Zinn zitiert Alexis Sorbas, der das Leben als die „vollkommene Katastrophe“ bezeichnete. Vielleicht ist das in keiner Zeit so zutreffend, wie im Jahr der Geburt und ein Jahr danach.
Achtsame Elternschaft ist eine Möglichkeit, auf dieser Achterbahn mit offenen Augen, klarem Geist, entspanntem Körper und mit wachem Geist und Herzen zu fahren – statt sich an sein bisheriges Leben zu klammern, die Zähne zusammenzubeißen oder die Reise nicht zu genießen. In gewisser Weise geht es darum, sich auf diese Achterbahn zu wagen, weil diese Reise es Wert ist.
Achtsamkeitspraxis kann uns dabei helfen, mit stressvollen Momenten umzugehen, indem wir bewusst atmen, wach und aufmerksam sind. Wir können jedem Moment mit Verständnis zu begegnen, wenn er in Erscheinung tritt, und wissen vor allem auch, dass jeder Augenblick vorübergeht. Alles entsteht und vergeht und etwas Neues nimmt den Platz ein. Wenn wir das erkennen, loslassen und diese Welle reiten – sei es, dass mitten in der Nacht dein Baby schreit, du Streit mit deinem Partner streitest oder Schwierigkeiten beim Stillen hast (oder all die vielen anderen Dinge, die passieren können) – kann das sehr hilfreich sein.
Wir begegnen den Erfahrungen so, wie sie sind.
Wir kommen in jeden Moment mit einer Haltung der Akzeptanz – das heißt, du begegnest jedem Moment so, wie er ist. Wir müssen uns nicht unbedingt entscheiden, dass wir den Moment mögen, aber dir steht all die Energie zur Verfügung, die du sonst dazu verwendet hättest, den Augenblick zu verändern, statt Wege zu finden, um mit der Situation, so wie sie ist, umzugehen. Du beginnst Lösungen zu finden und Entscheidungen zu treffen, die mit deinen Zielen und Werten als Mensch und als Elternteil übereinstimmen, statt nur gewohnheitsmäßig oder automatisch zu reagieren.
Spirituelle Weisheit und nun auch die wissenschaftliche Forschung zeigen, dass paradoxerweise die Versuche, unsere Erfahrungen zu unterdrücken und zu vermeiden – und seien es auch unangenehme Erfahrungen, wie Angst oder Wut –, diese nur verlängern. Stattdessen kannst du deiner eigenen Ängstlichkeit oder deiner eigenen Wut begegnen, wenn dein Kind beispielsweise einen Wutausbruch im Supermarkt hat. Du akzeptierst, dass „das gerade geschieht – mein Kind hat einen Anfall und ich werde ängstlich und wütend“, du atmest für einige Momente und bist in dieser Situation und in deinem Körper bewusst. Und du zentrierst dein Gewahrsein im gegenwärtigen Augenblick und in deinem Körper, und das hilft dir erstaunlicherweise in einer Weise zu reagieren, die dir und deiner Familie hilft.
Die Zentrierung unseres Gewahrseins im gegenwärtigen Moment ist vielleicht eine der wichtigsten Möglichkeiten.
Ich vergleiche es damit, dass unsere Aufmerksamkeit nicht so sehr einem Flipperautomaten gleicht, sondern eher einem Suchscheinwerfer. In einem Flipperautomaten hat man nicht viel Entscheidungsfreiheit darüber, in welche Richtung der Ball sich bewegt – der Ball springt einfach herum, je nachdem wo er auf ein Hindernis trifft. Auch unsere Aufmerksamkeit kann so sein und von einem Ort zum anderen hin- und herspringen, in die Zukunft rollen und sich vorstellen, was geschehen wird oder darüber nachdenken, was in der Vergangenheit geschehen ist. Wir haben sogar emotionale Reaktionen auf das, was wir uns in Bezug auf die Zukunft oder Vergangenheit vorstellen, und das hat überhaupt nichts mit dem zu tun, was im gegenwärtigen Moment geschieht.
Aber wenn unsere Aufmerksamkeit mit Absicht ausgerichtet wird, ist sie wie ein Suchscheinwerfer. Jeder Ort, auf den du deinen Suchscheinwerfer richtest, wird erhellt und du siehst, was da ist. Und je mehr deine Aufmerksamkeit und dein Gewahrsein auf den gegenwärtigen Augenblick gerichtet ist, desto zugänglicher, wacher und kreativer kannst du im Allgemeinen als Mensch und als Mutter sein.
Der Fokus des achtsamen Gewahrseins richtet sich darauf, die Fähigkeit zu kultivieren, bewusst und präsent zu sein, mit allem, was geschieht. Achtsames Gewahrsein geschieht im gegenwärtigen Augenblick. Wenn du wirklich darüber nachdenkst, geschieht alles das, was du beeinflussen kannst, im gegenwärtigen Moment. Ich sitze mit meinem Baby und esse zu Mittag mit einer Freundin und ihrem Baby. Ich stille mein Baby und lese dieses Buch. Ich trainiere mit dem StairMaster und bin im fünften Monat schwanger. Muttersein ist jetzt und jetzt und jetzt. Egal wie viel Zeit wir mit den Gedanken an die Vergangenheit oder mit dem Planen und Vorstellen der Zukunft verbringen, der einzige Moment, auf den du irgendeinen Einfluss hast, ist genau jetzt.
Wenn du präsent bist, kannst du sehen, wenn es deinem Baby nicht gut geht, manchmal noch bevor es anfängt zu schreien. Wenn das Baby schreit, kannst du trotzdem präsent mit ihm sein, verwurzelt im gegenwärtigen Augenblick in deinem Körper und im Atem. Du kannst die Gestik und Mimik deines Kindes besser erkennen und angemessener auf die gespürten Bedürfnisse eingehen.
Wenn du einem jungen Paar gegenübersitzen würdest, die bald Eltern werden, welchen Rat würdest du ihnen in Bezug auf das geben, was sie erwartet und wie sie als junge Eltern ihrem Kind angemessen begegnen können?
Das wird ganz sicher einer der wichtigsten Wege eures Lebens. Ihr könnt damit rechnen, dass er ermüdend und sogar erschöpfend sein wird. Ihr könnt damit rechnen, dass sich euer Lebensstil und eure Beziehung verändern. Eure Körper werden sich verändern (auch deiner, Papa!), eure Identitäten, die Art und Weise, wie ihr euch seht, wird sich verändern. Und wie mir eine gute Freundin sagte, werden sich euer Herz und eure Liebesfähigkeit so erweitern, wie ihr es nie für möglich gehalten hättet.
Ich würde sagen, dass die Kultivierung achtsamen Gewahrseins eine wunderbare Grundlage für gute Elternschaft ist. Achtsames Gewahrsein ist eine Fertigkeit, die erlernt werden kann, wie Klavier spielen oder eine neue Sprache lernen, und deshalb braucht es Praxis. Es gibt heute viele Möglichkeiten Achtsamkeit zu lernen – dabei richtet sich der Fokus darauf, den Erfahrungen des Elternseins bewusst zu begegnen, wenn sie auftreten, sie so zu sehen, wie sie sind, und zu lernen, die Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment zu zentrieren. Es geht darum zu lernen, all deinen Erfahrungen mit Offenheit, Neugier und Mitgefühl zu begegnen.
Aber Achtsamkeit ist mehr als eine Fertigkeit, es ist auch eine Lebenshaltung.
Du musst nur mehr Zeit in dem Teil von dir verbringen, der von Natur aus achtsam und bewusst ist, und du musst mit dieser Haltung vertrauter werden. Es geht darum, mehr Zeit in dem Teil von dir zu verbringen, der in deinem Gewahrsein dessen, was geschieht, ruht, statt vollkommen in deinen Gedanken darüber gefangen zu sein. Dann verbringst du mehr Zeit in dem Teil von dir, der hier und jetzt ist, in diesem Moment, in deinem Körper, statt zu denken, zu tun, etwas zu erreichen und zu erledigen – womit wir alle so viel Zeit verbringen.
Und am Wichtigsten ist, dass du Mitgefühl für dich selbst, für deinen Partner, für geliebte Menschen um dich herum und für dein Baby kultivierst. Du wirst Fehler machen und in Reaktionen fallen, die nicht mit deinen höchsten Idealen als Elternteil oder Partner übereinstimmen und manchmal wirst denken, du verlierst deinen Verstand, weil dir alles zu viel wird. Das ist Teil des Lebens und gehört auch zur Elternschaft. Wenn du einen Partner hast, nehmt euch zusammen Zeit mit dem Baby, damit ihr auf einer tiefen Ebene verbunden sein könnt. Vertraut euch, entwickelt die Absicht, freundlich mit euch selbst und dem anderen zu sein, und nehmt euch Zeit für die Erholung und Selbstfürsorge, die ihr braucht, um körperlich und geistig gesund zu bleiben. Das ist auch ein wichtiger Aspekt der achtsamen Elternschaft.
Vielen Dank, Cassandra!
Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:


