Das Leben mit Kindern im Spannungsfeld von Familie und Gesellschaft
Zeitgeist ist Disneyland, Fernsehen, Computerspiele und Allradantrieb
Die Familie befindet sich in einem – zumindest gesamtgesellschaftlich betrachtet – desolaten Zustand. Viele betrachten sie als Auslaufmodell und in der Tat sieht sich die Kleinfamilie enormen Zwängen ausgesetzt, sodass in Frage steht, wie sie ihre inneren Probleme meistern kann.
„Das Familienproblem ist eines der brennendsten unserer modernen Gesellschaften“ schreibt Iris Radisch 2007 in einer Ausgabe der ZEIT. Der Druck, der auf der Familie lastet, ist vielfältiger Art. Die Bedrohung der Arbeitsplätze, die unmenschlichen Leistungsanforderungen an den einzelnen Erwerbstätigen in vielen Bereichen des Berufslebens sowie ungerechte Bezahlung sind nur ein Aspekt. Die Auswirkungen unseres gesellschaftlichen Handelns auf unsere Umwelt stellen einen weiteren Aspekt dar.
Darüber hinaus leidet die Familie unter großem Druck von Innen. Der fortschreitende Verlust an Verbindlichkeit in den menschlichen Beziehungen, der teilweise auch die Folge und der Preis für unser Streben nach Individuation, nach Selbstverwirklichung ist, stellt ihre Existenz heute mindestens genauso in Frage. Jeder möchte nach seiner Facon glücklich werden, aber trotz aller Abkopplung vom elterlichen Zuhause sind wir nicht frei davon, wir tragen unsere Vergangenheit mit uns herum und sie macht sich früher oder später als Störfaktor in den neuen Lebenszusammenhängen be-merkbar.
Gleichzeitig soll der Partner alle Hoffnungen auf Nähe, Wärme, Verständnis erfüllen. Die verzweifelte Überhöhung der romantischen Erwartungen an die Ehe bringen diese fast zwangsläufig zum Scheitern. „Das Unglück der Familien ist strukturell, das Glück individuell geworden“, heißt es weiter in dem erwähnten Artikel. Nicht nur, dass es kaum mehr andere natürliche Lebenszusammenhänge gibt, die „dem Herzens-, nicht dem Effizienzprinzip“ gehorchen; nachdem die traditionellen Rollenverteilungen aufgebrochen sind, die Frauen sich die sogenannte Arbeitswelt erobert haben, die Männer diese aber nicht verlassen wollen, steht das Herzensprinzip auch in der Familie mit dem Rücken zur Wand. Jetzt soll es die Gesellschaft richten. Das neue Ideal, das herbeigebetet wird, heißt flächendeckende staatliche Kleinkindbetreuung.
Die Unbedingtheit der Sprache des Herzens
Nicht nur die äußeren Voraussetzungen, unter denen jeder die Fragen des Lebens betrachtet, sondern in besonderer Weise unsere inneren Bedingtheiten spielen, eine entscheidende Rolle hinsichtlich der Antworten, die wir finden. Wenn wir also bereit sind, uns die Frage nach einer angemessenen Lebensweise mit Kindern zu stellen, so müssen wir selber bereit sein, die inneren Grundlagen für unsere Lebensentwürfe in Frage zu stellen und sie auf ihre Vereinbarkeit mit einer Lebensweise zu überprüfen, wie sie den Bedürfnissen von Kindern gerecht werden kann. Anderenfalls finden wir gewiss nicht die Kraft für die Umsetzung von Erkenntnis.
Wir haben die Wahl: entweder zwingen wir unsere Kinder in die Bedingtheit unserer eigenen Vorlieben, Wünsche, Sehnsüchte und Ziele, oder wir öffnen uns für die Unbedingtheit der Sprache des Herzens. Die Art und Weise, wie wir mit Kindern leben, der Weg, den wir einschlagen, sind in jedem Augenblick unsere eigene bewusste oder unbewusste Entscheidung. Aber nur, wenn wir bewusst mit dieser Entscheidung leben, können wir beispielsweise Fragen wie die nach dem richtigen Zeitpunkt von Fremdbetreuung oder dem tatsächlichen Wert von Bildungsangeboten überhaupt sinnvoll stellen.
Kindheit ist ein besonderer Zustand, der ursprünglich kein Streben kennt
Alles was ein Mensch zunächst wissen kann, ist unmittelbare Erfahrung, unbehindert durch Gedanken und Meinungen, unbehindert durch das Zeitintervall, das der Beobachter in uns erzeugt, mit dem sich unser Ich später identifiziert. Es gibt noch keine psychologische Zeit. Erinnern wir uns an dieses Gefühl der Kindheit, verbunden zu sein mit dem Leben? Die Heuschrecke in der Hand, der Schmetterling auf der Blüte, die Puppe im Arm, aber auch Langeweile, das Gefühl der Leere, die Grenzenlosigkeit von Zeit und Raum? Kindheit ist ein besonderer Zustand, der ursprünglich kein Streben kennt. Sein ist Werden und Werden Sein. Erfahrung ist immer offen und neu. Dieser Zustand scheint zum Sterben verurteilt.
Die Welt um uns herum, sie hat mit dieser Haltung nichts im Sinn, sie hat buchstäblich den Kontakt dazu vollständig verloren. Streben wonach auch immer ist zur obersten Priorität geworden. Was immer wir anfassen, schon haben wir ein Ziel im Sinn, von dem wir annehmen, dass es uns glücklicher oder zufriedener macht, wenn wir es erreicht haben, auch dann, wenn wir unsere inneren Motive schon gar nicht mehr erkennen und sie darum auch nicht in Frage stellen können. Das Streben, das Wollen, es ist uns so zur zweiten Natur geworden, dass wir unsere ursprüngliche für gar nicht real halten.
Und darum können wir das Glück nicht erreichen, wie sehr wir uns auch bemühen. Denn das Glück wird uns erst geschenkt, wenn wir aufhören danach zu streben. Oder wie Perls, der Begründer der Gestalttherapie sagte: „Glück um des Glückes willen kann höchstens zu vorfabriziertem Spaß a la Disneyland führen.“ Weil uns aber dieses Streben so wichtig erscheint, nehmen wir leichtfertig an, dass diese Lebenshaltung dem Kind beigebracht werden müsste.
Ist Erziehung etwas, das wir machen, oder geschieht sie aus dem lebendigen Kontakt heraus?
Schon das Wort „Erziehung“ legt uns nahe, dass es darum geht, jemanden irgendwohin zu bringen, wo er allein nicht hinfindet und, dass das für ihn besser ist, als ihn darin zu unterstützen, seinen eigenen Weg zu finden. Im Lexikon fand ich folgende Definition: „planmäßige Tätigkeit zur Formung junger Menschen, die mit allen ihren Anlagen und Kräften zu vollentwickelten, verantwortungsbewussten und charakterfesten Persönlichkeiten im Sinn der geltenden Persönlichkeitsideale gebildet werden sollen.“
Wollen wir dem so zustimmen? Ich frage mich, ob irgendjemand planmäßig seine Kinder erzieht? Bringen wir unseren Kindern beispielsweise gute Manieren bei, indem wir sie ermahnen und korrigieren, oder leben wir sie ihnen vor? Ist Erziehung etwas, das man dem Menschen aufdrücken muss, damit er sich in der modernen Welt zurecht findet? Ist es Erziehung, wenn Sie mit Ihrem Kind einen Käfer beobachten? Wie fühlt es sich an, wenn Sie sich vorstellen, das planmäßig zu tun?
Wir gehen alle unbewusst mit Vorstellungen von Erziehung um, die mehr oder weniger unsere eigenen Erfahrungen widerspiegeln. Denn in Wirklichkeit sind es die Erfahrungen, die wir gemacht haben, die uns geformt haben und die im Kontakt zu unseren Mitmenschen die meist unbewusste Grundlage für unser Handeln bilden und so auch in der Erziehung. Sollen junge Menschen tatsächlich im Sinn der geltenden Persönlichkeitsideale gebildet werden? Wollen wir nicht lieber unsere Kinder entscheiden lassen, wer sie werden wollen?
Der Zeitgeist verlangt die Beschleunigung unserer Kinder
Das Leben in der modernen, industrialisierten Welt scheint immer komplexer zu werden, die Anforderungen an den einzelnen immer größer. So sollen zum Beispiel schon die Kinder Medienkompetenz erwerben, damit sie im internationalen Wettbewerb den Standort Deutschland nicht ins Hintertreffen bringen. Die Mobilität und die Dynamik der Vernichtung oder Verlagerung von Arbeitsplätzen zwingt sie scheinbar zu noch besserer Bildung, mehr Teamgeist, aber auch bewusstem Karriereplanen.
Der Zeitgeist ist geprägt von der Angst, mit den Veränderungen und der Dynamik nicht Schritt halten zu können. Daraus folgt die Vorstellung, dass Kinder erzogen werden müssen, um die Bedürfnisse der Gesellschaft auch in Zukunft zu sichern. Das geht heute nicht erst in der Schule, sondern bereits im Kindergarten los. In den USA werden angeblich 40% der Kinder der gebildeten Schicht bereits im zarten Alter von zwei Jahren mit einer halben bis ganzen Stunde Bildungsfernsehen „gefördert“.
In einem Interview mit dem schweizer Kinderarzt und Therapeuten Remo Largo benannte dieser die Situation so: „Ich habe in Amerika mehrere Jahre mit Kindern im Vorschulalter gearbeitet. Wir haben damals versucht, Kinder im wahrsten Sinne des Wortes zu beschleunigen: ihnen Dinge beizubringen, für die sie noch gar nicht bereit waren. Und ich musste einsehen: Das geht überhaupt nicht! Man zerstört die Neugierde und Lernfreude der Kinder, das ist alles. Aber genau so läuft es bei uns in der Vor- und Grundschule. Man versucht die Kinder zu fördern in Bereichen, in denen sie noch nicht reif dafür sind.“
Spielen, spielen und noch mehr spielen
Entsteht das Gefühl der überwältigenden Komplexität des heutigen Lebens und die damit verbundene Ohnmacht nicht zu einem wesentlichen Teil aus Entfremdung und mangelndem Kontakt mit sich selbst?
Dabei könnten wir es längst besser wissen: Standardwissen aus der allgemeinen Entwicklungspsychologie besagt, dass es für Kinder bis zum Alter von zehn Jahren am besten ist, zu spielen, zu spielen und noch mehr zu spielen. Mir scheint, dass unser Fehler darin besteht, dass wir uns ständig zu sehr darum sorgen, was unsere Kinder werden, statt zu schauen, wer sie sind. Ein typisches Zeitgeistphänomen, das zeigt, wie sehr wir gelernt haben, schablonenhaft zu leben und dem Diktat der Gesellschaft zu folgen. Wir haben möglicherweise einfach nur Angst, innezuhalten und unser eigenes Tun und seine Folgen zu sehen.
Jiddu Krishnamurti, ein großer geistiger Lehrer des letzten Jahrhunderts, schreibt dazu: „Die meisten Eltern glauben bedauerlicherweise, dass sie für ihre Kinder verantwortlich sind, und ihr Verantwortungsgefühl besteht darin, den Kindern zu sagen, was sie tun sollen und was sie nicht tun sollen, was sie werden sollen und was sie nicht werden sollen. Die Eltern wünschen, dass ihre Kinder eine gesicherte Stellung in der Gesellschaft erlangen. Was sie Verantwortung nennen, ist Teil der Konvention, die sie anbeten; und es scheint mir, dass dort, wo konventionelle Regeln bestehen, Unordnung herrscht; sie sind nur daran interessiert, perfekte Bürger zu werden. Wenn sie ihre Kinder darauf abrichten, sich in die Gesellschaft einzufügen, verewigen sie Krieg, Konflikt und Brutalität... Eine wirkliche Betreuung würde darin bestehen, sich wie um einen Baum oder eine Pflanze zu bemühen, die man bewässert, deren Bedürfnisse man studiert; man sorgt für den besten Boden und kümmert sich um sie mit aller Umsicht und Zartheit.“
Ein radikaler Vorzeichenwechsel!
Schluss mit dem planmäßigen Vorgehen, denn das Kind selbst hat den Plan, dem wir hingebungsvoll Raum zur Entfaltung schenken dürfen. Hilft uns dazu unsere Erziehung, unsere Bildung? Auf der einen Seite kann uns eine gute Erziehung und umfassende Bildung einen vorteilhaften Hintergrund liefern, um auf unserere Kinder flexibel und ideenreich einzugehen. Aber wir haben in der Regel, sowohl persönlich als auch materiell, mehr Möglichkeiten zur Verfügung.
Aber, wenn wir etwas so sehen wollen, wie es ist, so müssen wir selber leer sein von Meinungen, Idealen und Erwartungen. Doch normalerweise neigt der Mensch dazu, seinen Selbstwert über die Dinge zu definieren, die er erworben und in sein Selbstbild integriert hat und er sich damit identifiziert. Es muss also ein Drittes hinzukommen, wenn wir in der Lage sein wollen, Kindern das zu geben, was sie vielleicht am meisten brauchen.
Zeitgeist ist Disneyland, Fernsehen, Computerspiele und Allradantrieb
Der Begriff der Selbstverwirklichung hat einen zunehmend hohen Stellenwert eingenommen. Paradoxerweise scheinen sich viele Menschen aber unsicher darüber zu sein, um was es sich dabei eigentlich handelt. Die Ursache dafür ist in der Umstand, dass wir in der Regel so aufwachsen, dass wir uns hinterher selbst nicht mehr kennen. Das ist das gängige Wirken von Erziehung und insbesondere unserer Methoden, Bildung zu vermitteln. Niemand wird von einem Spatz verlangen, dass er sich wie ein Adler verhält, aber unsere Erziehung und Bildung zielt genau auf eine solche Uniformierung ab.
Bald lernen wir, mit Konzepten davon zu leben, wie wir sein sollten, und wenn wir dennoch Teile unseres Potentials verwirklichen, so gleichen wir darin dem Gänseblümchen, das aus dem Asphalt sprießt. Ein Bild der Hoffnung aber auch des Leidens – eine Erfahrung, nicht so erkannt zu werden, wie man wirklich ist! Es lässt uns davonlaufen, wir wollen, können es scheinbar nicht annehmen und verfallen stattdessen in Formen der Resignation oder des Aktionismus. Wir kompensieren und verlieren uns solange in den Oberflächenerscheinungen einer Welt, die immer turbulenter und hohler wird, bis wir vielleicht sogar krank werden an Leib und Seele.
Ich bin mir darüber im Klaren, dass das eine Aussage ist, die frontal mit dem Zeitgeist kollidiert. Zeitgeist ist Disneyland, Funpark, Fernsehen, Computerspiele, Allradantrieb, Urlaub in Mexiko und morgen in Thailand und eben auch Kinderfremdbetreuung, Institutionalisierung der Kindheit. Wir vertreiben erfolgreich die Stille, den Frieden und die Schönheit, die wir suchen – auf allen Ebenen. Wir verwirklichen nicht uns selbst oder unsere inneren Werte, sondern Konzepte vom Selbst und die Scheinwerte, die uns die Gesellschaft anbietet.
Eine Kultur des Leidens und Mitgefühls
Eine Erziehung, die einer solchen Gesellschaft nicht in die Hand spielen will, hat einen schweren Stand.
Als Eltern sehen wir uns dreierlei Herausforderung gegenüber: Zum einen begrüßen wir unsere Kinder vor dem Hintergrund unserer eigenen Lebensgeschichte, und wenn wir die Vergangenheit nicht wiederholen wollen, so müssen wir uns ihr stellen. Wir müssen unser eigenes erlittenes Leiden, unsere Enttäuschungen, unseren Ärger, unsere Ängste erkennen und transzendieren. Dies heißt also, dass wir Wege finden müssen, unseren Kindern etwas zu geben, das wir selbst nicht bekommen haben. Und schließlich müssen wir verstehen, wie wir unsere Kinder wirksam vor den negativen Einflüssen ihrer Umwelt schützen können.
All das lässt sich nur realisieren, wenn wir willens sind, in einem beträchtlichen Umfang selbst in den Hintergrund zu treten und da beginnt das Leiden für die meisten von uns schon. Wir brauchen also eine Kultur des Leidens, die uns nicht zum Jammern und Selbstmitleid verleitet, sondern zu einer vollständigen Assimilation der Erfahrung führt und dann zum Weitergehen. Das Resultat einer solchen Kultur wird Mitgefühl sein.
Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:
Richard Alf ist Musiker, Gestaltpädagoge und Vater von 4 Kindern.


