Achtsamkeit im wissenschaftlichen Kontext

Forschungen zeigen, dass wir eine optimale Gesundheit kultivieren können

Wenn wir absichtsvoll eine nicht-urteilende Aufmerksamkeit kultivieren, führt uns das zur Verbundenheit, die zu Selbstregulation und schließlich zu größer innerer Ordnung und Gesundheit führt. Durch Achtsamkeitspraxis sind wir dazu in der Lage, uns der in jedem Moment enthaltenen Information zuzuwenden. Wir erhalten Zugang zu mehr Daten, sogar zu den Daten, die vorher vielleicht zu unangenehm oder schmerzvoll waren, um sie genauer zu untersuchen.

Die Wissenschaft der Achtsamkeit

In deinem Buch berichtest du von einem großen Ansteigen von Forschungsstudien, die in den letzten 10 Jahren mit finanzieller Unterstützung des National Institute of Health (NIH) durchgeführt wurden und die sich mit achtsamkeitsbasierten Therapien für Stress, Schmerz und/oder verschiedene Krankheiten befassen. Kannst du uns etwas dazu sagen, was deiner Meinung nach die Gründe für dieses wachsende Interesse sind?

Sowohl im Umfeld der Forschung als auch im klinischen Kontext gibt es ein rasch wachsendes Interesse an achtsamkeitsbasierten Ansätzen. Suchanfragen mit dem Begriff „achtsamkeitsbasiert“ in der wissenschaftlichen Literatur auf den Portalen PsychINFO und PUBMED ergeben 260 bzw. 115 veröffentliche wissenschaftliche Artikel. Und der Enthusiasmus von Geldgebern, großen Fachzeitschriften und der wissenschaftlichen Gemeinschaft folgte diesem Trend: Im Jahre 2008 gab es 44 finanzierte Studien – 1998 gab es noch keine vergleichbaren Studien und 1999 gerade einmal drei. Ich denke, dass das Interesse und der Zuwachs an Geldgebern zum Teil auf die Forschungen von Pionieren in diesem Bereich zurückzuführen sind – wie beispielsweise Kabat-Zinn und Segal, Williams und Teasdale –, die eine klare Begründung und Ausrichtung für zukünftige Forschungen formulierten.

Ich denke auch, dass sich hier eine kulturelle Wandlung und ein tiefes Bedürfnis für mehr Ganzheit und Gesundheit – sowohl bei Patienten als auch bei Therapeuten – zeigt. Achtsamkeit bietet einen leichten und zugänglichen Weg – und Achtsamkeit hat auch ein enormes Potenzial und eröffnet viele Möglichkeiten im Gesundheitswesen.

In deinem Buch sprichst du über drei verschiedene Wege, wie Achtsamkeit in die Psychotherapie eingeführt werden kann. Der erste Weg ist der achtsame Therapeut, der zweite ist die achtsamkeitsinformierte Therapie und den dritten nennst du achtsamkeitsbasierte Psychotherapie. Kannst du uns kurz jeden dieser Ansätze und die jeweiligen Vorteile beschreiben?

Diese drei Wege der Integration von Achtsamkeit in die Psychotherapie wurden von Germer, Segal und Fulton formuliert und bilden die sogenannte achtsamkeitsorientierte Psychotherapie. Ich denke, das ist ein einfacher und trotzdem nuancierter Weg, um die verschiedenen Zugänge zur Integration von Achtsamkeit in die Psychotherapie zu skizzieren. Deshalb widmen wir jedem dieser Ansätze ein Kapitel unseres Buches, beschreiben wir die entsprechenden Methoden und erläutern die klinische Relevanz und geben Beispiele der Anwendung.

Der achtsame Therapeut bezieht sich auf die Tatsache, dass uns Achtsamkeit explizit in Eigenschaften trainiert, die für einen effektiven Therapeuten wichtig sind. Zwischen verschiedenen therapeutischen Modalitäten gibt es wenig Unterschiede im Ergebnis, aber über die Grenzen verschiedener Therapien und Techniken hinaus, ist die therapeutische Beziehung sehr wichtig für den Erfolg. Um die Beziehung zu verbessern, brauchen wir Empathie und Präsenz, zwei Fertigkeiten, die besonders durch Achtsamkeit entwickelt werden. Deshalb bezieht sich der „achtsame Therapeut“ auf die Tatsache, dass wir einfach durch die Praxis der Achtsamkeit Fertigkeiten kultivieren, die für eine erfolgreiche Therapie wichtig sind. Uns wird gesagt, „Sei empathisch, sei achtsam“, aber uns wird nicht gelehrt, wie wir das tun sollen. Aus diesem Grund habe ich viel Energie darauf verwendet, um die Effekte von Achtsamkeit in der Ausbildung von Therapeuten empirisch zu untersuchen.

Achtsamkeitsinformierte Therapie bezieht sich auf einen zweiten Ansatz der Integration von Achtsamkeit. Darin wird die Therapie von Einsichten informiert, die aus Meditation, Achtsamkeitspraxis und buddhistischer Psychologie stammen, aber dabei werden keine formelle Meditation und Achtsamkeitspraxis gelehrt. Manchmal ist es für die Art der klinischen Arbeit, für den Klienten oder für das Setting unangemessen oder unpraktisch formelle Achtsamkeitspraxis zu lehren. In unserem Buch beschreiben wir spezifische Themen und klinische Anekdoten, um diese Idee weiter auszuführen.

Und schließlich bezieht sich die achtsamkeitsbasierte Therapie auf die offensichtlichste Methode, um Achtsamkeit in die Therapie zu integrieren, indem Achtsamkeitsübungen explizit gelehrt werden – entweder durch ausgestaltete Gruppeninterventionen wie MBSR und MBCT oder durch individuelle Therapie, bei der die Übungen auf den individuellen Klienten und die Umstände zugeschnitten sind.

Du hast zusammen mit Dr. Gary Schwartz ein praktisches Modell für Gesundheit entwickelt: Absicht > Aufmerksamkeit > Verbindung > Regulation > Ordnung > Gesundheit.

Kannst du das für Leser, die Schwierigkeiten mit Schmerz und Stress haben, etwas ausführlicher beschreiben, damit sie es in ihrem Alltag anwenden können?

Unser Modell von Gesundheit beschreibt, dass wir eine optimale Gesundheit kultivieren können, indem wir uns absichtsvoll und in Verbundenheit unserer Erfahrung zuwenden.

Absicht > Aufmerksamkeit > Verbindung > Regulation > Ordnung > Gesundheit.

Wenn wir absichtsvoll eine nicht-urteilende Aufmerksamkeit kultivieren, führt uns das zur Verbundenheit, die zu Selbstregulation und schließlich zu größer innerer Ordnung und Gesundheit führt. Durch Achtsamkeitspraxis sind wir dazu in der Lage, uns der in jedem Moment enthaltenen Information zuzuwenden. Wir erhalten Zugang zu mehr Daten, sogar zu den Daten, die vorher vielleicht zu unangenehm oder schmerzvoll waren, um sie genauer zu untersuchen. Wir lernen Schmerz und Stress anzuerkennen, und zu akzeptieren und mit Güte und Fürsorge darauf zu hören.

Durch diese Zuwendung können wir angemessener und mit mehr Weisheit reagieren. Wir können uns dem Schmerz zuwenden und können uns selbst in einer Weise regulieren, die zu besserer Gesundheit und besserem Wohlbefinden führt. Wenn wir bewusst (Absicht) unser Gewahrsein (Aufmerksamkeit) und unsere Akzeptanz (Haltung) auf die Erfahrung im gegenwärtigen Augenblick richten, können wir umfassendere und angemessenere Bewältigungsstrategien nutzen.

Was sind einige der spannenden Forschungsergebnisse, die zu einer Integration von Achtsamkeit in Medizin und Psychotherapie beitragen?

Neuroplastizität. Ich denke, dieses eine Wort gibt Menschen Hoffnung; die Hoffnung, dass Veränderung möglich ist. Wir dachten zum Beispiel alle, dass wir einen „festen Glückspunkt“ haben, so wie das auch für unser Gewicht zutrifft, sodass wir unabhängig von unseren Umständen immer wieder auf dieser gleichen Ebene von Glück ankommen werden.

Verlässliche wissenschaftliche Forschungen begründen diese Theorie, wenn Menschen zum Beispiel im Lotto gewinnen oder wenn jemand einen schlimmen Unfall hat und gelähmt wird, bewegt sich ihre Empfindung des Glücks für eine kurze Zeit in die erwartete Richtung, kehrt aber dann bald wieder auf die vorhergehende Ebene zurück. Deshalb gelangte man zu der Annahme, dass wir einen festen Glückspunkt haben, der nicht veränderbar ist. Das sind gute Nachrichten, wenn du glücklich geboren wirst, aber wenn das nicht der Fall ist, macht es dich ziemlich hoffnungslos …

Und trotzdem zeigt die neueste Erforschung der Neuroplastizität, dass wir die Ebene unseres Glücks verändern können, weil wir durch Meditationspraxis die Aktivität und die Struktur unseres Gehirns verändern können. Neue Forschungen haben gezeigt, dass Meditationspraxis die Aktivität in Bereichen des Gehirns verstärkt, die mit positiven Emotionen verbunden werden. Zudem zeigen sich im Gehirn von Menschen, die seit vielen Jahren regelmäßig meditieren, auch strukturelle Veränderungen. Diesen neuen Forschungen sind ziemlich hoffnungsvoll, weil sie nahelegen, dass Glück sich zwar nicht durch äußere Umstände verändern lässt, aber dass die Veränderung unserer inneren Umstände durch Achtsamkeitstraining unsere Ebene des Glücks erhöhen kann.

Wenn du einem Menschen gegenübersitzen würdest, der mit Schmerz und Stress zu kämpfen hat, welche Worte der Weisheit würdest du ihm mitgeben?

Ich komme immer wieder zum Selbstmitgefühl zurück. Ich bin immer wieder erstaunt über die Hartnäckigkeit dessen, was Tara Brach als die „Trance der Minderwertigkeit“ bezeichnet. Ich denke, dass viel von unserem Leiden aus der Überzeugung kommt, das wir nicht ok, nicht liebenswert, nicht gut sind. Wir beschuldigen uns selbst, dass wir die Ursache für unseren Stress oder unseren Schmerz sind und dafür, dass wir nicht gut genug damit umgehen können. Wir fühlen uns im Grunde fehlerhaft, minderwertig und nicht liebenswert, und an diesem Ort der Kontraktion und des Selbsthasses gibt es keinen Raum für Veränderung.

Wenn ich also jemandem gegenübersitzen würde, der mit Schmerz oder Stress kämpft, würde ich mit Selbstliebe, Selbstmitgefühl, Güte, Sanftmut und Akzeptanz beginnen. Ich würde demjenigen anbieten, dass es möglich ist, uns selbst und unserer Erfahrung in diesem Moment mit Güte zu begegnen. Das bedeutet nicht, dass wir mit allem so übereinstimmen, wie es ist, es bedeutet einfach, dass wir dort beginnen, wo wir sind, ohne zu urteilen, uns zu beschuldigen oder zu schämen. Wir beginnen mit Liebe und vertrauen darauf, dass wir im Grunde ok sind. „O du edel Geborener, O du aus glorreicher Herkunft, erinnere dich an deine strahlende wahre Natur, der Essenz des Geistes.“

Vielen Dank, Shauna, für all diene großartige Arbeit.

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